Würzburg

1942: Für Würzburgs Juden beginnt der Marsch in den Tod

Im September 1942 wird der Platz'sche Garten zum Ausgangspunkt der Deportation der Würzburger Juden. Weniger als fünf Prozent der Verschleppten überleben den Holocaust.
Von Würzburg aus in den Tod: Über 2000 Juden wurden von den Nationalsozialisten in die Konzentrationslager deportiert.  Foto: Sammlung Willi Dürrnagel
| Von Würzburg aus in den Tod: Über 2000 Juden wurden von den Nationalsozialisten in die Konzentrationslager deportiert. Foto: Sammlung Willi Dürrnagel

Es ist ein langer Zug von 563 jüdischen Mitbürgern, der sich am 23. September 1942 vom Platz’schen Garten über den heutigen Friedrich-Ebert-Ring zum Eisenbahn-Ladehof Aumühle bewegt, bewacht von SS und Gestapo. Ein Marsch, der in unendliches Leid oder gar in den Tod führt: ins Konzentrationslager Theresienstadt.

Viele Menschen starben schon nach kurzer Zeit

Viele alte und schwache Menschen sind darunter, die aufgrund der menschenunwürdigen Verhältnisse innerhalb kurzer Zeit sterben. Es ist die fünfte der acht Deportationen, die in Unterfranken zwischen November 1941 und Januar 1944 stattfinden. Ihr Heim hat man den leidgeprüften Menschen schon weggenommen und sie in sogenannten „Judenhäusern“ untergebracht, wo sie unter schlimmsten Bedingungen auf engstem Raum zusammengepfercht werden.

Mit dem Merkblatt der „Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle Nürnberg-Fürth“ – Außendienststelle Würzburg – erhalten die Verfolgten genaue Anweisungen, was sie mitnehmen dürfen: „(...) hat jeder Jude neben der vollständigen Bekleidung nur eine Decke, darangebunden den Teller oder Topf mit Löffel, Waschzeug, sowie eine Tasche oder Aktenmappe oder einen kleinen Rucksack mit der Reiseverpflegung für 3 Tage bei sich zu haben. (…) Nicht mitgenommen werden dürfen (vor Abtransport dem Beamten der Polizei mit der Vermögenserklärung zu übergeben): Wertpapiere, Devisen, Sparkassenbücher usw. Wertsachen jeder Art (...).“

Deportation ins Vernichtungslager bei Riga

Wie überall hatten auch die Würzburger Juden bereits unvorstellbar schlimme Jahre hinter sich, als ihre Situation 1941 noch verzweifelter wurde: Die menschenverachtende „Endlösung der Judenfrage“ wird in Würzburg mit dem Transport am 27. November 1941 eingeleitet. Nach einem Zwischenstopp im Sammellager Nürnberg-Langwasser werden die verzweifelten Menschen in das Vernichtungslager Jungfernhof bei Riga gebracht. 202 Würzburger treten diesen Weg an, der für viele von ihnen der letzte sein wird.

Bei drei weiteren Deportationen, am 24. März, 25. April und 10. September 1942, werden 1237 Juden in Konzentrationslager verschleppt. Bei der sechsten und siebten Deportation am 17. Juni 1943 deportieren die Nazis sieben Menschen nach Theresienstadt und 57 in das Vernichtungslager Auschwitz. Der achten und letzten Deportation am 17. Januar 1944 fallen zwei Männer zum Opfer, die erst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz verschleppt werden. Nur 60 der 2068 Juden, die aus Würzburg und Umgebung in Konzentrationslager gebracht wurden, überleben die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten.

Text: Eva-Maria Bast

Was Würzburg prägte
Das neue Buch „Was Würzburg prägte“ enthält 52 Texte über Jahrestage aus der Würzburger Geschichte, also für jede Woche des Jahres einen Text. Präsentiert werden die historischen Geschehnisse jeweils von Würzburger Bürgern. Das Buch der beiden Autorinnen Eva-Maria Bast und Kirsten Schlüter entstand in Zusammenarbeit mit der Main-Post. Wir werden in einer ganzjährigen Serie Texte aus dem Buch abdrucken.
Erschienen ist das Buch im Verlag Bast Medien GmbH, in dem auch die erfolgreichen „Würzburger Geheimnisse“ veröffentlicht wurden, die ebenfalls in Kooperation mit der Main-Post entstanden sind.
Erhältlich ist „Was Würzburg prägte – 52 große und kleine Begegnungen mit der Stadtgeschichte“ von Eva-Maria Bast und Kirsten Schlüter Überlingen 2017, ISBN: 978-3-946581-24-6 in den Main-Post-Geschäftsstellen (14,90 Euro).
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