WÜRZBURG

39-jährige Hartz-IV-Empfängerin beleidigt Sachbearbeiter

Die 39-Jährige kennt sich aus. Sie besitze ein Buch über die „Rechte von Hartz-IV-Empfängern“, erzählt sie vor dem Amtsgericht. Sie schaue sich im Fernsehen Sendungen über Hartz-IV-Empfänger an. Sie recherchiere im Internet über das Thema. Sie hat Zeit, das alles zu tun, weil sie Hartz-IV-Empfängerin ist. Genau wie ihr Sohn.

Der inzwischen 18-Jährige hatte 2008 einen kleinen Job angenommen. Aber das Landratsamt Haßberge rechnete den größten Teil des verdienten Geldes auf die Sozialleistungen an.

Die Mutter war wütend. „Das bringt ja nichts, wenn er arbeitet und kriegt das Geld dann abgezogen“, sagte sie, schrieb böse Briefe ans Amt und zog schließlich vors Würzburger Sozialgericht.
 
Dort behauptete sie, der Sachbearbeiter, der für den jungen Mann zuständig ist, habe versichert, dass der Sohn das hinzu verdiente Geld behalten dürfe.

Den Prozess verlor die streitbare 39-Jährige, weil der Beamte unter Eid bekundete, er habe eine derartige Auskunft nie gegeben.

Nach dem Urteil des Sozialgerichts trafen Mutter und Sohn im Treppenhaus auf den Sachbearbeiter und einen weiteren Beamten. Darüber, was nun geschah, gibt es unterschiedliche Aussagen.
 
Der Sachbearbeiter sagt, die Mutter habe ihn noch im Gerichtsgebäude als „den letzten Dreck“ bezeichnet. Die Mutter sagt, das habe sie nicht getan.

Tatsache ist, dass die 39-Jährige nun wegen Beleidigung vor dem Amtsgericht steht. Und dass sie dort ihrem Ärger über den Sachbearbeiter Luft macht.

Er habe Bewerbungsunterlagen des Sohnes „verschwinden lassen“, behauptet sie, „nur damit die Arge die Bewerbungskosten nicht ersetzten muss“. Inzwischen habe sie sich bei seinem Chef über ihn beschwert und ihm „mit Anwalt und Gericht“ gedroht.

Der Beamte wird in den Zeugenstand gerufen, wo er versichert, dass er dem Sohn nie gesagt habe, dass sein Verdienst nicht auf die Sozialleistungen angerechnet werde.

Dann erzählt er, dass die Mutter mit dem Ausgang des Sozialgerichtsverfahren „nicht einverstanden“ gewesen sei. „Nach dem Prozess sprach sie mich auf der Treppe an.“

Als er ihr gesagt habe, dass er mit ihr „nicht über das Urteil diskutieren“ wolle, habe sie ihn als „letzten Dreck“ bezeichnet.

Ein Kollege, der ihn damals begleitete, bestätigt das. Der Sachbearbeiter könne „gut die Fassung behalten“, erzählt er dem Gericht. Er habe „professionell und höflich“ auf die aufgebrachte Frau reagiert.

„Lieber arbeite ich nie mehr, als dass die von mir auch nur einen Cent kriegen“

39-jährige Angeklagte nach der Urteilsverkündung

Sie ist offensichtlich recht bekannt im Haßfurter Sozialamt. Die Richterin verliest einen Aktenvermerk der Behörde.

Darin steht, dass die 39-Jährige sich darüber empört, dass sie ungerecht behandelt werde und dass Ausländer den Deutschen vorgezogen würden.

Außerdem habe sie zahlreiche Hartz-IV-Empfänger beschuldigt, schwarz zu arbeiten.

Letzter Zeuge im Beleidigungsprozess ist der Sohn der 39-Jährigen. Er sagt aus, dass er von einer Beleidigung des Beamten nichts mitbekommen habe. Allerdings verstrickt er sich in Widersprüche.

Der Staatsanwalt fordert für die bislang unbescholtene Angeklagte eine Geldstrafe von 15 Tagessätzen a´ 15 Euro.

Die Frau selbst, die sein Plädoyer immer wieder unterbricht, lässt an ihrer Einstellung keine Zweifel aufkommen: „Ich zahle nichts. Auch wenn ich in die höchste Instanz gehen muss“.

Das Amtsgericht verurteilt sie wegen Beleidigung zu 15 Tagessätzen ? zehn Euro. Die Beleidigung sei erwiesen, sagt die Richterin in der Urteilsbegründung. Die 39-Jährige sei jemand, der sich „ständig ungerecht behandelt“ fühle.

Dass sie Argumenten nicht zugänglich sei, habe sie im Prozess hinlänglich bewiesen.

Nach ihrer Verurteilung ist die Mutter sauer. „Lieber arbeite ich nie mehr, als dass die von mir auch nur einen Cent kriegen“, sagt sie vor dem Sitzungssaal. Dann beschimpft sie den Staat, der ihr und ihrem Sohn immerhin monatlich 940 Euro zahlt, tut kund, dass „alle Beamten unter einer Decke stecken“ und kündigt Berufung gegen das Urteil an.

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