Würzburg

Akademiker und Selbständige arbeiten besonders lange

Wer geht wann und warum in Rente? Seit vier Jahren forscht Thomas Zwick, Wirtschaftsprofessor in Würzburg, zu diesem Thema. Und er findet Überraschendes heraus.
Die heutige Rentnergeneration ist fitter und leistungsfähiger, sagt der Würzburger Wirtschaftsprofessor Thomas Zwick.
Foto: Getty Images | Die heutige Rentnergeneration ist fitter und leistungsfähiger, sagt der Würzburger Wirtschaftsprofessor Thomas Zwick.

Wer geht früher in Rente? Wer arbeitet länger? Professor Thomas Zwick, Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaft, Personal und Organisation an der Universität Würzburg, hat in einem Forschungsprojekt die Daten der Bundesagentur für Arbeit von 1,8 Millionen Menschen ausgewertet und untersucht, wann sie den Arbeitsmarkt aus Altersgründen verlassen haben. Die Daten beinhalten nicht nur die Erwerbsbiografie dieser Menschen von 1975 bis 2014, sondern auch Informationen über die Arbeitgeber. Nun gibt es erste Ergebnisse der Studie.

Immer mehr Rentner arbeiten. Warum tun sie das?

Thomas Zwick: Die künftige Rentner-Generation ist gesünder und leistungsfähiger. Um nicht eine sehr lange Spanne des bloßen Ruhestands vor sich zu haben, entschließen sich immer mehr Rentner weiter zu arbeiten. Das begrüßen auch viele Betriebe, denn für die Beschäftigung über 65-Jähriger ist die konjunkturelle Lage günstig und es fehlen jüngere Fachkräfte. Noch dazu ist die Beschäftigung von über 65-Jährigen auch politisch gewollt, um die Rentenkasse zu entlasten.

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Wer arbeitet besonders lange?

Zwick: Es gibt zwei größere Gruppen: Die einen arbeiten länger, weil sie keine auskömmliche Rente und kaum Ersparnisse haben, das liegt meist an Lücken in der Erwerbsbiografie. Die zweite Gruppe nennt Spaß am Job, Kontakt zu anderen Menschen und weiter eine Aufgabe haben, als die häufigsten Motive für eine Erwerbstätigkeit im Alter. Vor allem Akademiker, Freiberufler und Selbständige arbeiten besonders lange. Das sind auch die Berufsgruppen, die meist frei darüber entscheiden können, wann und wie viel sie arbeiten.

Welche Personengruppen gehen früher in Rente?

Zwick: Erstaunlicherweise gehen viele Beschäftigte mit hohen Rentenansprüchen, die gesund und fit sind, früher in Rente als zum gesetzlichen Rentenalter. Sie nutzen die Möglichkeiten der Frühverrentung und der Altersteilzeit, um zum frühestmöglichen Zeitpunkt den Arbeitsmarkt zu verlassen. Sie nehmen hierfür auch Abschläge bei ihren Rentenansprüchen in Kauf.

Mit der Rente mit 63 Jahren hat die Bundesregierung auch einen Anreize für einen früheren Renteneintritt geschaffen. War das nötig?

Zwick: Die Rente mit 63 war ein Geschenk an Beschäftigte mit sehr langen, oft ununterbrochenen Erwerbsbiographien. Ihnen wurde ermöglicht, früher als andere Beschäftigte und ohne Abschläge in Rente zu gehen. Viele dieser Beschäftigten hätten bis zum regulären Rentenalter weiter arbeiten können. Bereits mehr als eine Million Berechtigte haben einen Antrag auf diese Art der Frühverrentung gestellt. Ihre zum Großteil hohen Rentenansprüche müssen nun länger von der jüngeren Generation bezahlt werden.

Thomas Zwick, Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaft, Personal und Organisation an der Universität Würzburg.
Foto: Patty Varasano | Thomas Zwick, Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaft, Personal und Organisation an der Universität Würzburg.
Welche Rolle spielen die Betriebe beim Eintritt in den Ruhestand?

Zwick: Das betriebliche Handeln hat einen sehr großen Einfluss darauf, wann und wie ein älterer Beschäftigter den Arbeitsmarkt verlässt und ob jemand nach der Rente weiterarbeitet. Geht es dem Betrieb gut, bleiben auch die Mitarbeiter länger. Die beliebte Möglichkeit über Altersteilzeit früher das Erwerbsleben zu beenden, wird meist nur von großen Betrieben angeboten. Ältere Beschäftigte in anderen Betrieben müssen hingegen auf weniger attraktive Übergangsmöglichkeiten wie Frühverrentung nach Arbeitslosigkeit zurückgreifen.

Könnten die Firmen mehr für ältere Arbeitnehmer tun?

Zwick: Ältere Arbeitnehmer länger zu halten, muss aus Sicht der Betriebe rentabel sein. Viele ältere Beschäftigte würden gerne länger bleiben, wenn sie ihre Arbeitszeit reduzieren oder zeitlich flexibler arbeiten könnten. Aber für manchen Betrieb mit starrem Schichtdienst, Teamarbeit oder Auslastungszwängen wäre das zu teuer oder es würde  Begehrlichkeiten bei den jüngeren Beschäftigten wecken, die diese Betriebe vermeiden möchten.

War es gut, die Flexi-Rente einzuführen?

Zwick: Mit der Flexi-Rente wurden die Zuverdienstmöglichkeiten von Rentnern verbessert. So können erfahrene Fachkräfte länger gehalten werden und die Rentner sich weiter etwas dazu verdienen. Gleichzeitig wurde eine Rentenversicherungspflicht für Vollrentner, die nach dem vorgezogenen Renteneintritt weiterarbeiten, eingeführt. Somit erhöht Arbeit nach Renteneintritt die Rentenansprüche und führt zu weiteren Einzahlungen in die Rentenkasse. Neu ist, dass mit der Flexi-Rente auch in dieser Phase freiwillige Rentenversicherungszahlungen möglich sind. 

Die Deutschen werden immer älter und beziehen immer länger Rente. Ist die Finanzierung der gesetzlichen Rente in Gefahr?

Zwick: Um die Finanzierbarkeit des Rentensystems aufrecht zu erhalten, wird die Politik an mehreren Stellschrauben drehen müssen. Zum einen könnte das Renteneintrittsalter weiter angehoben werden. Zweitens könnte das Rentenniveau weiter abgesenkt werden, das heißt die Rentner erhalten einen schlechteren Umrechnungsfaktor zwischen ihren Rentenversicherungszahlungen und ihren Rentenansprüchen. Drittens könnten Rentner, die arbeiten oder Gruppen, die bislang von der gesetzlichen Beitragspflicht befreit sind wie Selbständige, dazu gebracht werden, in die Rentenkasse einzuzahlen. 

Ist das Gerede von der drohenden Altersarmut übertrieben?

Zwick: Derzeit ist Altersarmut noch kein gravierendes Problem. So liegt der Anteil der über 65-Jährigen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, um ein Einkommen vergleichbar mit Hartz IV zu erzielen bei circa drei Prozent. Altersarmut ist aber natürlich ein Thema, das mit Angst besetzt ist und mit dem sich somit Politik betreiben lässt. Künftige Rentner könnten häufiger von Armut bedroht sein, weil der Anteil derjenigen, die keine lückenlosen Erwerbsbiografien haben und lange Zeit im Niedriglohnsektor beschäftigt waren, steigt.

Thomas Zwick
Thomas Zwick ist seit 2013 Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaft, Personal und Organisation an der Universität in Würzburg. Er hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg und Vanderbilt (USA) studiert und 1998 über das Thema „Human Capital and Unemployment” an der Universität Maastricht promoviert. Zehn Jahre hat er für das  Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim gearbeitet. An der Universität Würzburg forscht er zu den Themen betriebliche Weiterbildung und betriebliche Auswirkungen des demographischen Wandels, Mitarbeiterbeteiligung und Anreizsysteme.
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