Grombühl

Amtszeit der Extreme: Der Chef der Uniklinik Würzburg zieht Bilanz

Wie führt man einen riesigen Klinik-Komplex mit 7000 Beschäftigten? Zwischen Axt-Attentat und Corona hatte der Ärztliche Direktor Georg Ertl viel zu tun – und blieb cool.
Stand fünf Jahre als Ärztlicher Direktor an der Spitze der Würzburger Uniklinik: Prof. Georg Ertl.
Foto: Ulises Ruiz | Stand fünf Jahre als Ärztlicher Direktor an der Spitze der Würzburger Uniklinik: Prof. Georg Ertl.

Über vier Jahrzehnte war er am Würzburger Uniklinikum tätig, in den vergangenen fünf Jahren lenkte er deren Geschicke als Ärztlicher Direktor. Und auch mit 70 Jahren geht der Kardiologie Prof. Dr. Georg Ertl nicht in den Ruhestand, sondern er freut sich auf seine Arbeit als Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Zudem kehrt er als Seniorprofessor ans Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) zurück, einer seiner Lieblingsprojekte auf dem Klinikcampus. Ein Gespräch über Druck in einer Uniklinik, ihre Entwicklung und Extreme in der eigenen Amtszeit. 

Frage: Bei Ihrer Antrittsrede als Ärztlicher Direktor hatten Sie verständnisvoll auf das Selbstverständnis junger Ärzte hingewiesen: Nicht mehr alles wird der Arbeit in der Klinik untergeordnet. Wie würden Sie Ihre eigene Ärzte-Generation beschreiben?

Prof. Georg Ertl: Da gab es große Unterschiede. Ich habe 1968 zu studieren begonnen, in dieser politisch bewegten Zeit hatten viele auch Interessen abseits der Medizin. Deren soziale Verantwortung rückte mehr in den Mittelpunkt. Bei mir selbst wurde es – ungeplant – eine Universitätskarriere, ein starker Leistungswille war Voraussetzung dafür. Für Wissenschaft, Lehre und einen guten Zugang zu den Patienten reichen acht Stunden nicht aus.

Sind Sie ein Arbeitstier?

Ertl: Ich arbeite gern, Workaholic bin ich nicht. Ich weiß gerade jetzt die freie Zeit zu schätzen.

Die Sie wofür nutzen?

Ertl: Ich spiele Klavier, wandere gerne in den Bergen, unternehme Radtouren zusammen mit meiner Frau. Auch Literatur kann ich genießen.

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Als Ärztlicher Direktor wurde Ihnen eine ausgeprägte Stressresistenz nachgesagt. Woher nehmen Sie die?

Ertl: Ich denke, ein Faktor ist die absolute Sachlichkeit, für die man als Wissenschaftler ausgebildet ist. Man lässt sich nicht von Emotionen lenken. Zweitens hilft ein Vertrauen in sich selbst, das eigene Fehler verzeiht. Man ist weniger Stress ausgesetzt in dem Bewusstsein, dass man Fehler macht und zu ihnen steht. Und drittens bekommt man weniger Stress mit Menschen, wenn man sie gut einschätzen kann. 

Der Kardiologe Georg Ertl.
Foto: Ulises Ruiz | Der Kardiologe Georg Ertl.
Eine Qualifikation, die Ihnen nicht nur an der Spitze des Klinikums geholfen haben dürfte. Was hat sich in den letzten zehn bis 20 Jahren wesentlich im Krankenhausbetrieb verändert?

Ertl: Die Geschwindigkeit hat sich enorm erhöht. Als ich angefangen habe, waren die Liegezeiten der Patienten im Schnitt 13 bis 15 Tage. Heute sind es drei bis fünf. Diese kürzere Zeit muss viel besser durchstrukturiert sein. Zweitens hat sich die Medizin bei Therapien und Medikamenten unglaublich entwickelt – was dazu führt, dass die Patienten immer älter und komplexer werden und an mehreren Krankheiten leiden. Gleichzeitig wächst das medizinische Wissen und führt zu weiterer Spezialisierung. Das ist ein gewisser Widerspruch.  

Ist für die Beschleunigung der wirtschaftliche Druck mit dem System der Fallpauschalen verantwortlich, weil man mehr Patienten durchschleusen muss? 

Ertl: Die Medaille hat zwei Seiten. Patienten in Deutschland waren früher viel zu lange im Krankenhaus. Heute stellen wir die Patienten möglichst schnell auf die Beine und sie erholen sich daheim, die Gefahr etwa von Krankenhauskeimen oder Thrombosen wird vermindert. Mich persönlich hat wirtschaftlicher Druck nie davon abgehalten, Patienten so zu behandeln, wie es medizinisch sinnvoll war.

Warum gibt es dann Ärzteappelle wie "Rettet die Medizin" gegen die "Enthumanisierung an Krankenhäusern"?

Ertl: Ich könnte mir vorstellen, dass der Druck in medizinischen Wirtschaftsbetrieben eine Rolle spielt. Und ich sehe, dass unsere jungen Kollegen über nichtärztliche Tätigkeiten klagen. Die gab es aber immer schon.

Sie meinen Dokumentationen, Abrechnungen?

Ertl: Ich habe als Kind meinem Vater bei der Kassenabrechnung geholfen. Da mussten wir 3000 Scheine stempeln und irgendein Formular anheften.

Aber der Anteil von Dokumentation und Verwaltung ist für die Ärzte doch viel größer geworden, oder?

Ertl: Nun ja... Es gibt aber auch mehr nichtmedizinisches Personal, das dabei hilft. Falsch wäre gewiss zu sagen: Wir können keine Medizin mehr machen, weil wir bürokratisch überlastet sind. Schon gar nicht an einem Universitätsklinikum.

Wie steht denn das Uniklinikum wirtschaftlich da?

Ertl: Das sieht relativ gut aus. Wir müssen keine Aktionäre bedienen und schreiben traditionell schwarze Zahlen

Kann das Ziel schwarzer Zahlen zu Lasten von Patienten gehen?

Ertl: Denkbar, wenn Gewinne für Dritte erwirtschaftet werden müssen. Bei der Uniklinik spielt der ökonomische Druck aber nicht die entscheidende Rolle.

Auch nicht für eine mögliche Überversorgung, weil bestimmte Untersuchungen gut abzurechnen sind? Beispiel 880 000 Herzkatheter in Deutschland allein im Jahr 2017.

Ertl: Es ist schwierig zu sagen, ein Eingriff sei überflüssig gewesen und nur ökonomisch getrieben. Vielleicht bekommen Patienten in anderen Ländern keine künstlichen Hüften oder Herzkatheter, weil einfach die Ressourcen nicht da sind. Ich will aber nicht ausschließen, dass auch Untersuchungen oder Operationen zuviel gemacht werden. Letztlich müssen wir uns an den Ärztekodex halten und dem Patienten erklären, ob und warum ein Eingriff medizinisch sinnvoll ist.   

Die Wirtschaftlichkeit zwingt zum Beispiel dazu, eine Intensivstation ständig mit 75 bis 80 Prozent auszulasten. Für eine große Zahl an Corona-Patienten ist da kaum Platz. Ein Fehler im System?

Ertl: Ich glaube, wir können unsere Ressourcen nicht danach ausrichten, was vielleicht alle paar Jahre mal kommt. Wir müssen nur wissen, wie wir uns dann schnell darauf einstellen. Und das ist in Deutschland hervorragend gelungen. Der entscheidende Faktor ist das Personal. Intensivbetten mit Beatmungsgeräten können wir relativ rasch vermehren. Wir verfahren nach einem Stufenmodell: Wir rüsten so genannte Intermediate-Care-Stationen zu Intensivstationen auf. Aber qualifiziertes Personal dafür zu haben, ist das Hauptproblem. Aber trotz mittlerweile vieler Monate der Pandemie kommen wir eigentlich gut zurecht.

Müsste man mit dieser Erfahrung künftig nicht auch beim Personal flexibler werden?

Ertl: Das ist sicher so. Wir müssen den Personalstamm erweitern, der bei Bedarf auf die Intensivstation gehen kann. Diese Lehre haben wir gezogen. Leider haben wir eine starke Statik im Pflegeberuf. Hier muss man ansetzen. Eine besondere Qualifikation, zum Beispiel für Intensivmedizin, muss attraktiv sein und bezahlt bleiben, auch wenn die Pflegekraft den Bereich wechselt.

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Wie haben Sie denn ganz persönlich die Pandemie erlebt?

Ertl: Es klingt etwas zynisch. Aber es war für mich auch eine spannende Zeit mit großen Aufgaben und ganz neuen Blickwinkeln: festzustellen, dass auch Medizin an Grenzen stößt. Es war nicht das erste Virus und wird nicht das letzte Virus gewesen sein. Im Übrigen: Stellen Sie sich vor, es wäre nicht ein biologisches Virus, sondern ein Virus im Netz, das die Industrie und komplette Kliniken lahmlegt. Die möglichen Folgen sind gar nicht auszumalen.

Corona war das extreme Ende Ihrer Zeit als Ärztlicher Direktor. Extrem war auch der Anfang, als die Opfer des terroristischen Axt-Attentats in der Uniklinik versorgt wurden.

Ertl: Es war mein erster breiterer Kontakt mit internationalen Medien und von daher sehr lehrreich. Da saßen plötzlich zwei junge Leute vorm OP und haben sich als Angehörige ausgegeben. Später stellte sich heraus, dass sie von einer Hongkonger Zeitung waren. In den Griff bekommen haben wir den Mediendruck, indem wir dann sehr offensiv und aktuell kommuniziert haben. 

Bringt so leicht nichts aus der Fassung: Georg Ertl.
Foto: Ulises Ruiz | Bringt so leicht nichts aus der Fassung: Georg Ertl.
Sie selbst haben auch in dieser Situation große Ruhe ausgestrahlt.

Ertl: Ich hatte keine Angst um die Patienten. Sie waren kritisch verletzt. Aber ich wusste, dass sie bei unseren Chirurgen in allerbesten Händen sind und alles Mögliche und Nötige getan wird. Deshalb konnte ich mit breitem Kreuz vor die Öffentlichkeit treten. Als Wissenschaftler ist man geschult darin, Dinge vor einem kritischen Auditorium zu vertreten. Das hat geholfen.

Und zwischen den Extremen am Anfang und Ende das zähe Ringen um die Erweiterung der Uniklinik im Norden. Größter Brocken in ihrer Amtszeit?

Ertl: Es war die größte Herausforderung, denn da hätte viel anbrennen können. Die Vorstellung, die Kopfklinik im Bestand neu zu bauen – und dann noch Corona... furchtbar! Keiner wusste so richtig, wohin man die Stationen während der Bauzeit verlagern sollte. Insofern war die Entscheidung für den Ankauf des Erweiterungsgeländes im Norden ein Befreiungsschlag.

Nicht nur für die Kopf-, sondern auch die Frauenklinik.

Ertl: Eine Erweiterung der Frauenklinik war aus Platzgründen im Altgelände nicht mehr möglich – eine Zusage hatten wir aber zunächst nur für den Neubau der Kopfklinik. Dass wir nun auch gleichzeitig das neue Zentrum Frauen-Mutter-Kind planen können, hat einen entscheidenden Vorteil: Die Kliniken hängen funktional zusammen, beides sind operative Fächer, wir können die Zentral-OPs gemeinsam nutzen. Aber das hat die Kosten entsprechend gesteigert.

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Wird man in der Planung gleich Pandemie-Erfahrungen berücksichtigen?

Ertl: Hygiene wird eine noch stärkere Rolle spielen und man wird in der Bauplanung noch mehr abtrennbare Bereiche vorsehen.

Ist nach der Hängepartie um den Grundstücksankauf der Neubau jetzt definitiv auf dem Weg oder kann noch etwas schiefgehen?

Ertl: Der Architektenwettbewerb ist ausgeschrieben. Aber wir müssen akzeptieren, dass im Lande Bayern sehr viel gebaut wurde und wird – und auch in Bayern die Mittel begrenzt sind.

Läuft man Gefahr, dass nur geplant, aber nicht gebaut wird?

Ertl: Das glaube ich nicht. Aber sicherlich muss man weiter mit allen politischen Kräften aus der Region am Ball bleiben. Hier findet ein Verteilungskampf im Freistaat statt, da muss es gerecht zugehen.

Blick in die Zukunft: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden die Medizin weiter verändern. Bei allen Chancen auch eine Gefahr?

Ertl: Das ist enorm wichtig, auch für den Bürokratieabbau. Da hat uns die Digitalisierung bisher noch nicht das Erhoffte abgenommen. Aber man muss immer sehen: Medizin kann nicht der Computer machen. Im Mittelpunkt steht immer die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Als Mediziner haben wir den Anspruch, dass die Informatik eine Hilfswissenschaft bleiben muss.

Prof. Georg Ertl

Der Mediziner, Jahrgang 1950, ist in Neuburg am Rhein (Rheinland-Pfalz) mit einem Bruder aufgewachsen, sein Vater war Landarzt. Ertl studierte Medizin in Mainz und Graz und war nach Promotion und Bundeswehrzeit (Stabsarzt) zunächst wissenschaftlicher Assistent an der Uni Düsseldorf. Nach einem Forschungsstipendium in Harvard (USA) wechselte er 1981 an die Medizinische Klinik der Uni Würzburg. Er habilitierte 1986 für Innere Medizin, seit 1987 ist er Facharzt für Kardiologie. In den Jahren 1995 bis 1998 hatte der Mediziner den Lehrstuhl für Kardiologie an der Uni Heidelberg inne. 1999 kehrte er zurück nach Würzburg auf den Lehrstuhl für Innere Medizin und als Direktor der Medizinischen Klinik. Von 2004 bis 2006 war Ertl Dekan der Medizinischen Fakultät, 2007/08 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, heute ist er deren hauptamtlicher Generalsekretär. Von 2010 bis 2017 war er Sprecher des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz, von 2016 bis Ende 2020 stand Ertl als Ärztlicher Direktor an der Spitze des Uniklinikums. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Georg Ertl ist mit der Kardiologin Christiane Angermann verheiratet und hat fünf erwachsene Kinder.
Quelle: UKW, aj
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