Würzburg

Aufholpaket: Wie die Schulen in Bayern Lernlücken auffangen sollen

Wie können Schüler Lernstoff aufholen, den sie wegen Corona verpasst haben? Der Freistaat stellt 40 Millionen Euro zur Verfügung. Doch wie kommt die Hilfe bei den Kindern an?
Schon nach den Pfingstferien sollen an allen Schulen zusätzliche Kurse angeboten werden, damit die Schüler Lernstoff aufholen können. Das Personal dazu fehlt aber vielerorts (Archivbild).
Foto: Sebastian Gollnow | Schon nach den Pfingstferien sollen an allen Schulen zusätzliche Kurse angeboten werden, damit die Schüler Lernstoff aufholen können. Das Personal dazu fehlt aber vielerorts (Archivbild).

Seit Mitte Dezember 2020 waren die Schulen in Bayern geschlossen, vielerorts sahen nur noch die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen die Schulräume von innen. Und während in einigen Regionen der Unterricht, zumindest im Wechsel- oder Hybridmodell, inzwischen auch wieder im Klassenzimmer stattfindet, gibt es in manchen Landkreisen und Städten weiter oder wieder ausschließlich Distanzunterricht. Der ausgefallene Schulstoff ist immens, die Folgen sind noch nicht absehbar. Auch der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) geht von "deutlichen Lernlücken"aus.

Diese Einschätzung deckt sich mit dem Ergebnis einer aktuellen Erhebung des Münchener ifo-Instituts. Deutsche Schüler haben der Befragung von 2000 Eltern zufolge im zweiten Lockdown pro Tag mehr als drei Stunden weniger gelernt als zu normalen Zeiten. Bei 20 Prozent der Schüler gebe es stark erhöhten Förderbedarf, so das ifo-Institut. In der Grundschule rechnen die Experten gar mit mindestens zwei Jahrgängen, die nicht ausreichend lesen und schreiben gelernt haben. Jedes vierte Kind (23 Prozent) hat sich der Umfrage zufolge nicht länger als zwei Stunden am Tag mit Schule beschäftigt. Mit Fernsehen, Computerspielen und Handy haben sich die Schülerinnen und Schüler jeden Tag weit mehr Zeit – 4,6 Stunden – verbracht als mit dem Lernen.

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In Bayern erhalten die Schulen deshalb "weitere finanzielle Mittel für zusätzliches Personal, um die Schülerinnen und Schüler im Regelunterricht besser fördern zu können", kündigte das Kultusministerium Ende vergangenen Woche an. Bereitgestellt würden dafür 40 Millionen Euro. Damit sollen auch Kurse an den Nachmittagen angeboten werden. Die Zusatzangebote sollen nach den Pfingstferien starten und laut Piazolo "bis weit ins kommende Schuljahr beibehalten" werden. Dazu werde es eine "Sommerschule 21" geben, so der Minister: Hier könnten Schulen in der ersten und in der letzten Woche der Sommerferien qualifizierte Nachhilfe anbieten.

"Woher also das Personal nehmen?"
Jörg Nellen, Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft GEW

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht im Personal- und Fachkräftemangel die größte Hürde, um den Zurückgefallenen wieder zum Anschluss zu verhelfen: "Es fehlte schon vor der Pandemie an jeder unterfränkischen Schule eine Lehrkraft. Woher also das Personal nehmen?", fragt der GEW-Bezirksvorsitzende Jörg Nellen. Sollten Eltern, Studierende, motivierte Quereinsteiger die Nachholkurse übernehmen? "Alles Notlösungen, die das strukturelle Problem der bayerischen Personalpolitik nicht lösen", sagt Nellen.

Die Brückenangebote seien "begrüßenswert", weil es um eine ganzheitliche Förderung gehe und nicht nur darum, Wissen nachzuholen, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV). Allerdings sei es mit einer Förderspritze nicht getan. "Der BLLV denkt an einen Fünf-Jahres-Plan", so Fleischmann. Damit das "tolle Programm" auch bei den Kindern ankomme, brauche es Fachpersonal. "Das Geld alleine hilft den Kindern nicht."

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Selbst wenn Lehramtsstudierende, pensionierte Lehrerinnen und Lehrer oder private Nachhilfe-Institute einbeziehen würde, sei unklar, wie man die angekündigte Maßnahme flächendeckend umsetzen wolle, so die BLLV-Präsidentin. Im ländlichen Raum gebe es keine Universitäten als Lehramtsausbildungsstätten. Und wo mit dem Stoff ansetzen in der Praxis? "Das ganze Programm ist noch nicht in trockenen Tüchern", so Fleischmann.

"Insgesamt kann man noch nicht abschätzen, was es aufzuholen gibt", sagt Christian Langer, Oberstudienrat am Friedrich-Rückert-Gymnasium in Ebern (Lkr. Haßberge). "Ich persönlich muss meine Schüler überhaupt erstmal wieder im Klassenzimmer sehen." Rückstände sehe er bei seinen Schülerinnen und Schülern kaum, sagt der Englisch- und Erdkundelehrer. Im Gegenteil: "In vielen Klassen bin ich mit dem Unterrichtsstoff etwa einen Monat schneller dran als in einem normalen Schuljahr", so Langer. Vielen seiner Kollegen gehe es ähnlich. Der Obenstudienrat ist gespannt, wie die Kinder und Jugendlichen aus dem Distanzunterricht wieder an die Schulen kommen: "Viele machen einen guten Eindruck."

Problematisch: die Erwartungshaltung der Eltern

Frank Maier, Fachgruppenleiter Schulleitung im BLLV Schweinfurt-Stadt, hält die  Erwartungshaltung für problematisch, die jetzt bei Eltern geweckt werde: "Der Begriff ,Sommerschule 21' verleitet leider dazu, sich einen normalen Unterrichtsbetrieb in den Sommerferien vorzustellen." Hier müssten die Schulen in den kommenden Wochen mit den Elternvertretern Möglichkeiten und Grenzen auszuloten, um Enttäuschungen zu vermeiden. Das Kultusministerium stelle die Umsetzung als relativ einfach dar. "Damit wird auf die Schulen Druck ausgeübt, den diese in vielen Fällen nicht erfüllen können", sagt Maier. 

"Die Angebote allein für diesen Sommer werden nicht ausreichen, um alle Rückstände kognitiv wie psychosozial aufholen zu können, vor allem für benachteiligte Schülerinnen und Schüler", sagt die Grünen-Landtagsabgeordnete Kerstin Celina. Wichtig sei eine flächendeckende Erhebung des Lernstands als Grundlage für zielgerichtete Maßnahmen. Auch Kinder mit Behinderungen in allen Schulformen müsse man dringend im Blick behalten, so die Sozialpolitikerin aus Würzburg.

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