Würzburg

Bewohner von Seniorenheimen: Geimpft – und weiter isoliert?

Sie wurden zuerst gegen Corona geimpft, trotzdem gelten für sie teils strengere Regeln als für andere: die Bewohner von Senioreneinrichtungen. Wie ist die Lage dort heute?
Ein Großteil der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen ist gegen Corona geimpft (Symbolbild). Die Erleichterungen, etwa bei den Besuchsregeln, halten sich in den Einrichtungen aber noch in Grenzen.
Foto: Sebastian Gollnow, dpa | Ein Großteil der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen ist gegen Corona geimpft (Symbolbild). Die Erleichterungen, etwa bei den Besuchsregeln, halten sich in den Einrichtungen aber noch in Grenzen.

"Gerade in einem Alter, wo man so viel Zeit hat, sitzt man allein da", erzählt eine Bewohnerin des Seniorenwohnstifts von Steren im Würzburger Stadtteil Hubland. Die Frau ist wie die meisten ihrer Mitbewohner gegen das Coronavirus geimpft und froh darüber. Ihre Situation empfindet sie trotzdem als bedrückend: "Vor Corona haben wir zusammen im Speiseraum gegessen – jetzt sitzt jeder allein an einem Tisch, isst seinen Teller leer, steht auf und geht wieder in sein Zimmer." Sie sehnt sich nach regelmäßigen Veranstaltungen wie in Vor-Corona-Zeiten, bei denen es leicht war, Kontakte zu knüpfen. "Ich sehe oft den ganzen Tag niemanden, außer der Schwester, die mir die Tabletten bringt", sagt sie.

"Noch gibt es keine Änderungen bei den Bewohnern mit vollem Impfschutz, weil es die offiziellen Regelungen nicht gibt", sagt Annette Noffz, Direktorin der Stiftung Bürgerspital, zu der auch das Seniorenwohnstift von Steren gehört. Von den Bewohnern der Senioreneinrichtungen des Bürgerspitals seien gut 90 Prozent geimpft, so Noffz, bei den Mitarbeitenden sei die Situation uneinheitlich: "Einige haben die Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten und die Zweitimpfung fehlt noch; andere haben bereits vollen Impfschutz."

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Auch Eva von Vietinghoff-Scheel, Geschäftsführerin der Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg, bestätigt eine hohe Impfquote: "In unseren sieben Einrichtungen gibt es nur noch sehr wenige Bewohner, die nicht geimpft sind – etwa zwei bis vier pro Haus."

Wenngleich die meisten Senioren in Heimen über einen vollständigen Impfschutz verfügen, gelten auch für sie die allgemeinen Vorgaben der 12. Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (BayIfSMV). Darin sind auch spezielle Regelungen für Pflege- und Senioreneinrichtungen festgehalten, wie etwa, dass Besucher die Heime nach wie vor nur dann betreten dürfen, wenn sie einen negativen Corona-Test vorweisen können. In den Häusern muss außerdem weiterhin eine FFP2-Maske getragen und der Abstand beachtet werden.

Einige Erleichterungen gibt es aber dennoch: "Die Bewohner können inzwischen – nacheinander – mehr als nur einen Besucher pro Tag empfangen", sagt von Vietinghoff-Scheel. Auch Besuche auf dem Zimmer seien wieder erlaubt. Es gebe zudem wieder mehr Gruppenangebote, wie etwa Gymnastik. "Das kommt gut an."

"In unseren Häusern besteht Herdenimmunität, trotzdem müssen Menschen in ihren Einzelzimmern in Quarantäne – das tut weh."
Eva von Vietinghoff-Scheel, Geschäftsführerin Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg

Auch die Bewohnerin des Wohnstifts von Steren empfindet es als positiv, dass sie Besuch wieder in ihrem Zimmer empfangen darf. Dass er nur eine Stunde bleiben darf, belastet sie dagegen. "Mein Sohn kommt von weiter her – wenn er mir bei meinen Schriftsachen helfen will, ist die Zeit schon fast vorbei." Ihre Enkel und Urenkel trifft die Seniorin nur auf dem Parkplatz des Heimes. Doch auch wenn sie sich "offenere Besuche" wünscht, ist ihr klar: "Bei steigenden Inzidenzwerten wird das nichts."

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"Abhängig von der Anzahl der Besucher eines Hauses und der Organisation der Besuche lassen wir längere Besuchszeiten bereits gerne zu", sagt Bürgerspital-Stiftungsdirektorin Annette Noffz. Auch von Seiten der Stiftung würde man Erleichterungen begrüßen, diese seien aber von den Erkenntnissen zur Übertragung von relevanten Viruslasten bei geimpften Personen und der Impfquote insgesamt abhängig.

Quarantäne als große Belastung für Heimbewohner

Dass Bewohner trotz Impfung positiv auf Corona getestet wurden, berichtet Eva von Vietinghoff-Scheel – dies sei in zwei Häusern der Einrichtungen des Landkreises bei zwei Bewohnern der Fall. Sie zeigten aber, wenn überhaupt, nur minimale Symptome einer Erkrankung. "Dank Impfungen gehen die Zahlen der Corona-Ausbrüche in Heimen massiv herunter", so die Geschäftsführerin, die die Impfungen für "einen Segen" hält.

Trotz dieser positiven Entwicklung gelten für geimpfte Heimbewohner teils strengere Regeln als für andere: Sie müssen, sobald sie als Kontaktperson der Kategorie 1 eines an Corona Erkrankten identifiziert sind, eine 14-tägige Quarantäne antreten. Diese Regelung gilt nach Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) für Kontaktpersonen der Kategorie 1 mit vollständigem Impfschutz außerhalb von Heimen nicht: Sie müssen nicht mehr in Quarantäne.

"2020 musste die Quarantäne noch sein, damit Menschen nicht sterben."
Eva on Vietinghoff-Scheel, Geschäftsführerin Senioreneinrichtungen des Landkreises Würzburg

Von Vietinghoff-Scheel sieht die Quarantäne als große Belastung für die Heimbewohner: "In unseren Häusern besteht Herdenimmunität, trotzdem müssen Dutzende von Menschen in ihren Einzelzimmern in Quarantäne – das tut weh, da wünsche ich mir schnelle Lockerungen." Auch Angehörige fragten sich, ob diese Regelung heute noch verhältnismäßig sei. "2020 musste die Quarantäne noch sein, damit Menschen nicht sterben", so von Vietinghoff-Scheel. 

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Das RKI begründe die strengere Quarantäne-Regelung unter anderem mit der geringen Impfquote unter dem Pflegepersonal und den Besuchern. "Das Virus soll nicht weitergegeben werden – und die britische Variante ist aggressiv", sagt von Vietinghoff-Scheel. Sie geht davon aus, dass in den Senioreneinrichtungen des Landkreises zwischen 20 und 60 Prozent des Personals geimpft seien – genaue Zahlen gebe es nicht, da das Personal den Impfstatus nicht angeben müsse.

Heimbewohner befinden sich in ihrer letzten Lebensphase

"Bei den Vorgaben, die wir von Seiten der Politik in den Heimen umsetzen müssen, spielen die Impfungen bisher keine Rolle", kritisiert von Vietinghoff-Scheel. Bezüglich eventueller Lockerungen fehlten ihr "Geschwindigkeit und ein ‚wir sehen euch’". Die Bewohner von Pflegeheimen hätten im vergangenen Jahr viel durchgemacht und befänden sich in ihrer letzten Lebensphase. "Drei Monate auf eine Änderung warten, kann da zu lang sein", so die Geschäftsführerin.

Gleichzeitig plädiert sie für besonnenes Handeln und individuelle Spielräume für die Heime: "Man kann leicht meckern, wenn man keine Verantwortung trägt." Zum Teil seien in den Senioreneinrichtungen des Landkreises auch schon strengere Vorschriften durchgesetzt worden als vorgeschrieben.

Seniorenvertretung fordert Aufhebung von Grundrechtseinschränkungen

Auch die Seniorenvertretung der Stadt Würzburg beschäftigt sich mit den Rechten von geimpften Heimbewohnern. Wie die Vorsitzende Renate Fiedler berichtet, wollen sich drei Mitglieder der Seniorenvertretung, die auch Heimbeiräte sind, mit den Heimträgern über die Kontaktbeschränkungen der geimpften Senioren in den einzelnen Einrichtungen austauschen.

"Die Mitglieder der Seniorenvertretung sind sich einig, dass geimpfte Senioren keinen Einschränkungen mehr unterliegen dürfen, wenn gesichert ist, dass von ihnen keine Infektionsgefahr mehr ausgeht – wobei zu berücksichtigen ist, dass durch die Impfung kein hundertprozentiger Schutz erreicht werden kann", so Fiedler. Nach Ansicht der Seniorenvertretung ist es "Sache der Bayerischen Regierung, hier umgehend durch wissenschaftliche Studien Klarheit zu schaffen".

Sollte von Geimpften keine relevante Infektionsgefahr mehr ausgehen, seien die Grundrechtseinschränkungen aufzuheben, so die Seniorenvertretung weiter. Umfang und Zeitpunkt  sollten durch eine Verfügung des Ministeriums geregelt und nicht den einzelnen Heimträgern überlassen werden. "Gerade alte Menschen in Heimen, deren Kontakte an sich schon sehr reduziert sind, leiden psychisch stark unter der Isolierung", betont Fiedler.

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