Würzburg

Bofinger zum Abschied: "Schwarze Null ist reine Ideologie"

Er denkt quer, steckt Kritik von Kollegen ein: Als einer von fünf Wirtschaftsweisen ist für den Würzburger Peter Bofinger nun Schluss. Er geht versöhnt - und kritisch.
Der Würzburger Volkswirtschaftsprofessor Peter Bofinger scheidet Ende Februar nach 15 als dienstältester der fünf Wirtschaftsweisen aus dem Gremium.
Foto: Fabian Gebert | Der Würzburger Volkswirtschaftsprofessor Peter Bofinger scheidet Ende Februar nach 15 als dienstältester der fünf Wirtschaftsweisen aus dem Gremium.

Dass die fünf Wirtschaftsweisen, der Sachverständigenrat der Bundesregierung, am Donnerstag in der Würzburger Uni tagte, ist kein Zufall: Es war die letzte Sitzung mit dem Würzburger Volkswirtschaftsprofessor Peter Bofinger (64). Er scheidet Ende Februar nach drei Amtsperioden und 15 Jahren als dienstältestes Mitglied aus dem Gremium aus. Ein Gespräch über Wirtschaftsweisheiten, Politik und Persönliches.

Frage: Etwa 40-mal trifft sich der Sachverständigenrat pro Jahr. Was machen Sie ab März mit Ihrer freien Zeit?

Peter Bofinger: Ich bin ja weiter als Professor an der Uni tätig und will mich verstärkt der China-Forschung und dem Wachstum dort widmen. Die deutsche Wirtschaftswissenschaft beschäftigt sich noch erstaunlich wenig mit China.

Eigens zum Abschied von Peter Bofinger kamen die Wirtschaftsweisen am Donnerstag in Würzburg zusammen. Auf der Treppe vor der Uni am Sanderring stellten sich Wolf Heinrich Reuter (von links/Wissenschaftlicher Stab), Isabel Schnabel (Ratsmitglied), Peter Bofinger, Lars P. Feld (Ratsmitglied) und Christoph M. Schmidt (Ratsmitglied) fürs Foto auf.
Foto: Patty Varasano | Eigens zum Abschied von Peter Bofinger kamen die Wirtschaftsweisen am Donnerstag in Würzburg zusammen. Auf der Treppe vor der Uni am Sanderring stellten sich Wolf Heinrich Reuter (von links/Wissenschaftlicher Stab), ...
Sie stammen aus Pforzheim, einer grauen, gesichtslosen Stadt mit vielen sozialen Problemen. Was heißt das für Sie?

Bofinger: Pforzheim ist ein Beispiel dafür, dass der Strukturwandel nicht immer gelingt. Die Stadt hat den Strukturwandel von der Schmuckindustrie zu neuen Industrien und Dienstleistungen nicht wirklich geschafft. Da ist die Regionalpolitik gefordert. Und es ist zu überlegen, ob man solchen Städten nicht Schulden erlassen müsste, um eine Abwärtsspirale wegen ungünstiger Finanzlage und immer geringerer Standortattraktivität zu stoppen.

Ist Deutschland mehr Pforzheim oder mehr Würzburg?

Bofinger: Bei allen Problemen hat Deutschland den Strukturwandel mit Globalisierung und Digitalisierung bisher sehr gut geschafft, mit einer insgesamt sehr guten Arbeitsmarktentwicklung. Darum werden wir weltweit beneidet. Die Globalisierung hat uns nicht Wohlstand gekostet, sondern gebracht. Allerdings ist er nicht bei allen in gleicher Weise angekommen. Für Bezieher niedriger Einkommen hat sich die wirtschaftliche Lage kaum verbessert.

Ein Land, dem es so gut geht… in dem aber Schulen und Straßen marode sind. Wie passt das zusammen?

Bofinger: Wir haben so große ungenutzte Finanzspielräume wie kein anderes Land! Wir sollten dazu übergehen, die öffentliche Verschuldung nicht in Euro, sondern im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung konstant zu halten. Dann hätten wir jedes Jahr 60 Milliarden Euro mehr zum Investieren – in Bildung, Infrastruktur, Bahn oder Umwelt.

Warum hört ein SPD-Finanzminister nicht auf den „linken“ Wirtschaftsweisen und pocht auf die schwarze Null?

Bofinger: Weil die schwarze Null in Politik und Öffentlichkeit sehr ideologisch gesehen wird. Das hat sich festgesetzt. Wenn man in 20 bis 30 Jahren auf unsere Zeit zurückschaut, wird man fragen: Wie konnten die Briten so bescheuert sein, den Brexit zu machen. Und warum haben wir in Deutschland an einer reinen Ideologie festgehalten, die uns so viele Potenziale genommen hat, unser Land noch viel stärker zu machen. Es gibt keinerlei ökonomische Rechtfertigung für diese schwarze Null.

Der langjährige Wirtschaftsweise Peter Bofinger auf dem Dach der Neuen Universität in Würzburg, wo am Donnerstag der Sachverständigenrat tagte - die letzte Sitzung für Bofinger. 
Foto: Fabian Gebert | Der langjährige Wirtschaftsweise Peter Bofinger auf dem Dach der Neuen Universität in Würzburg, wo am Donnerstag der Sachverständigenrat tagte - die letzte Sitzung für Bofinger. 
Wenn Sie selbst einkaufen gehen: Wie viel Ökonom sind Sie dabei? Regen Sie sich über Preise auf?

Bofinger: Eher weniger. Die Preise haben sich auch recht moderat entwickelt… Und Aufregen liegt nicht gerade in meinem Gemüt.

Anders gefragt: Verhalten Sie sich als Privatmann Bofinger so wie der Wirtschaftsweise? Dann müssten Sie in der Null-Zins-Phase gerade ordentlich Geld ausgeben und investieren…

Bofinger: Es ist ja ein Unterschied, ob man als Staat, Unternehmer oder als Professor agiert. Da ist es besser, vorsichtig zu sein und nicht in großem Stile Kredite aufzunehmen.

Also privat steht bei Ihnen die schwarze Null?

Bofinger: Ja. Aber Ihre Frage verdeutlicht den Denkfehler, den die Leute machen: Sie übertragen das Denken eines Privathaushalts auf den Staat. Eine Privatperson kann nur in einer bestimmten Lebensphase ein hohes Einkommen erzielen und muss damit auch für das Alter sorgen. Staaten dagegen leben ewig und sollten wie vernünftige Unternehmen handeln: Wenn die Investition eine Rendite bringt, die höher ist als die Verzinsung, sollte man in die Verschuldung gehen.

Werden Sie auch privat von Leuten nach Rat gefragt?

Bofinger: Ja, die Leute fragen manchmal. Was ich grundsätzlich nicht mache: spezielle Aktientipps zu geben. Meine Prognosen sind da zu schlecht.

Vergangenes Jahr wurden Sie von ihren Kollegen im Sachverständigenrat angegangen, weil Sie sich in einem Gastbeitrag für mehr staatliche Lenkung ausgesprochen haben…

Bofinger: Das klingt zu planwirtschaftlich. Die Frage ist doch: Wie schaffen wir es, dass die großen Technologiesprünge auch weiterhin bei uns in Deutschland stattfinden? Die Batteriezellen kommen zum größten Teil aus China. Das haben wir schon fast verpennt.

Aber lässt sich das staatlich verordnen?

Bofinger: Natürlich. Schauen Sie nach China: Dort hat der Staat so viel Geld in die Entwicklung der Solarenergie gepumpt, dass die Chinesen dominant wurden und unsere Solarindustrie kaputt gemacht haben.

Peter Bofinger (Mitte) im Gespräch mit den beiden Main-Post-Redakteuren Jürgen Haug-Peichl (links) und Andreas Jungbauer. 
Foto: Fabian Gebert | Peter Bofinger (Mitte) im Gespräch mit den beiden Main-Post-Redakteuren Jürgen Haug-Peichl (links) und Andreas Jungbauer. 
Ruft eigentlich mal ein Minister bei Ihnen an und holt sich Rat ein?

Bofinger: In der alten Koalition habe ich mit Herrn Gabriel häufiger telefoniert und mich mit ihm getroffen. Mit dem neuen Wirtschaftsminister hat das noch nicht stattgefunden.

Bofinger gegen den Rest: Sie haben in 15 Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen 52 Minderheitsvoten abgegeben. Sind waren im Rat der "Mr. Minderheit"… Stolz darauf?

Bofinger: Nein. Mir wäre es lieber gewesen, mit vier ähnlich denkenden Ökonomen die Zeit zu verbringen. Da hätte man konstruktivere Lösungen erarbeiten und mehr bewirken können.

Haben Sie schon als Schüler oder Student die andere Meinung formuliert?

Bofinger: Ich war relativ unpolitisch. Aber es ging mir nie ums pure Dagegen- oder Anderssein, sondern um die eigene Überzeugung. Ich freue mich heute, wenn die Bundesregierung die Industriepolitik entdeckt und die SPD Hartz VI als falschen Weg erkennt.

Worauf sind Sie denn mit Rückblick auf 15 Jahre Sachverständigenrat besonders stolz?

Bofinger: Wir haben 2011 einstimmig ein Gutachten mit Lösungen zur europäischen Schuldenkrise gemacht, das war eines der besten und wurde weltweit zitiert. Stolz ist das falsche Wort. Aber ich bin doch zufrieden, wenn meine Einschätzungen durch die spätere Entwicklung bestätigt werden.

Wo zum Beispiel?

Bofinger: Klar beim Mindestlohn, der verteufelt wurde – den ich aber für richtig gehalten habe. Ähnlich bei der Bewertung der EZB-Politik, die ich im Gegensatz zu meinen Kollegen immer positiv gesehen habe.

Peter Bofinger in der Neuen Uni Würzburg. Hier hat er seit 1991 den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen inne.
Foto: Fabian Gebert | Peter Bofinger in der Neuen Uni Würzburg. Hier hat er seit 1991 den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen inne.
Aktuell kritisieren Sie die SPD mit ihrem Vorstoß einer Mindestlohn-Erhöhung auf zwölf Euro…

Bofinger: Ich finde nur, man sollte behutsam vorgehen. Der Mindestlohn sollte angehoben werden – aber zehn Euro würden als erster Schritt reichen.

Sind Sie im Nachhinein von der Politik auch mal gelobt worden?

Bofinger: Lob bekommt man nicht wirklich. Aber als Herr Draghi als EZB-Präsident zu meinem Ausscheiden gesagt hat: „This will be a desaster“ – das war schon nett…

Mit welchen Politikern sind Sie per Du?

Bofinger: Mit keinem, das hat sich nicht ergeben.

Wird eigentlich in Öffentlichkeit und Politik die Kompetenz eines Wirtschaftsweisen eher angezweifelt, wenn man über das Gewerkschaftsticket nominiert wurde?

Bofinger: Das nehme ich nicht so wahr. Ich habe mich in all den 15 Jahren auch nie als Gewerkschaftsvertreter gefühlt. Ebenso gab es nie Versuche der Einflussnahme von Gewerkschaften auf mich. Ein einziges Mal haben sie mich explizit kritisiert – ausgerechnet, als ich 2013 eine pauschale Lohnerhöhung gefordert habe.

Haben Sie sich auch mal so richtig getäuscht?

Bofinger: Die Entwicklung vor der Finanzkrise 2008 habe ich nicht richtig wahrgenommen. Es hatte sich eine Riesenwelle aufgebaut, die habe ich nicht gesehen – wie die meisten anderen Wirtschaftswissenschaftler auch.

Anfang November stellten sie ihr Jahresgutachten 2018/19 vor: die fünf Mitglieder des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Von links Volker Wieland, Isabel Schnabel, Vorsitzender Christoph Schmidt, Peter Bofinger, und Lars P. Feld.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa | Anfang November stellten sie ihr Jahresgutachten 2018/19 vor: die fünf Mitglieder des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.
Haben Sie sich im Sachverständigenrat in den 15 Jahren verändert?

Bofinger: Rückblickend muss ich sagen, dass ich gleich nach der Ernennung 2004 etwas forsch war. Ich hatte schon vorher über die Medien Vorschläge gemacht – das kam nicht so gut an und die Stimmung war im ersten Jahr relativ schlecht. Aber man hat sich die Hörner abgestoßen…

Wo finden Sie eigentlich Ausgleich zu all den Zahlen und Wirtschaftstheorien?

Bofinger: Wir wandern gern am Wochenende in der Rhön, auch längere Strecken.

Das Handy ist dann aus?

Bofinger: Meistens…

Ihre 64 Jahre sieht man Ihnen nicht wirklich an. Liegt‘s am Wandern oder an den Genen?

Bofinger: Eher Letzteres. Aber wichtig ist auch, sich über Dinge nicht viel zu ärgern.

Oder hält es frisch und agil, wenn man der Stachel, der Provokateur ist?

Bofinger: Es geht nicht um die Provokation. Aber es ist doch der Job von Wissenschaftlern, bestimmte Sichtweisen zu hinterfragen und nicht alles zu glauben. Hartz IV ist so ein Beispiel. Finden alle großartig, aber dann schauen Sie sich mal die Fakten an…

Prof. Peter Bofinger (rechts) und Wolfgang Wiegard, ehemaliger Wirtschaftsweiser, 2018 in einem Main-Post-Streitgespräch zur Wirtschaftspolitik.
Foto: Thomas Obermeier | Prof. Peter Bofinger (rechts) und Wolfgang Wiegard, ehemaliger Wirtschaftsweiser, 2018 in einem Main-Post-Streitgespräch zur Wirtschaftspolitik.
Hat nicht die Agenda 2010 den wirtschaftlichen Erfolg der letzten Jahre erst ermöglicht?

Bofinger: Überhaupt nicht. Die Agenda wird völlig überschätzt. Wenn man die alten Bundesländer 2001 und 2016 vergleicht, dann haben wir gerade mal 90 000 Langzeitarbeitslose weniger. Und es gab 2016 sogar mehr Arbeitslose mit einem Leistungsanspruch als 2001. Ostdeutschland muss man aufgrund der Historie separat betrachten. Warum ist denn die deutsche Wirtschaft in den letzten zehn Jahren super gelaufen? Doch nicht, weil man Druck auf ältere, qualifizierte Arbeitslose gemacht hat, sondern weil wir eine fantastische Unternehmenslandschaft und engagierte Arbeitnehmer haben – auch in Mainfranken.

Hatten Sie eigentlich mal den Wunsch, etwas ganz anderes zu machen? Vielleicht Handwerker zu sein?

Bofinger: Nein. Eigentlich habe ich mir meinen Beruf früh so gewünscht, wie er gekommen ist. Dafür bin ich auch dankbar. Und mit dem Sachverständigenrat hatte ich einfach auch Glück.

Zur Person
Peter Bofinger (64) hat an der Universität Würzburg seit 1991 den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen inne. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Europäische Integration, die Geld- und Währungspolitik und die Energiepolitik. Der gebürtige Pforzheimer hat an der Uni Saarbrücken Volkswirtschaft studiert, promoviert und sich 1990 habilitiert. Bereits von 1978 bis 1981 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Die Wirtschaftsweisen") tätig.
2004 wurde er auf Empfehlung der Gewerkschaften eines von fünf Mitgliedern, Ende Februar scheidet er nach 15 Jahren aus. Damit ist Bofinger in der Geschichte des Gremiums einer von nur drei Wirtschaftsweisen mit drei Amtszeiten. Sein Arbeitsgebiet im Rat war die Europapolitik. 2017 wurde er in die internationale Kommission zur Umgestaltung der Weltwirtschaft (CGET) mit Sitz in New York berufen. Bofinger gilt als führender Vertreter einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik in Deutschland, er plädiert für höhere Löhne und Staatsausgaben. Der 64-Jährige hat eine Tochter und lebt heute mit seinem Partner in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft.
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