Würzburg

Corona: Die Kliniken rüsten sich für den Krisenbetrieb

Im mehr Infektionen: Die Kanzlerin wendet sich mit einem Appell an die Bürger. Krankenhäuser bereiten sich auf eine historische Notfallsituation vor, auch in Unterfranken.
Frau Melissa Förster mit der abgenommenen Abstrich der Patientin. Unterdessen berät Prof. C. Schoen die Patientin über den nächsten Ablauf.
Foto: Silvia Gralla | Frau Melissa Förster mit der abgenommenen Abstrich der Patientin. Unterdessen berät Prof. C. Schoen die Patientin über den nächsten Ablauf.

Es war das erste Mal, dass sich Kanzlerin Angela Merkel in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung wandte. Üblicherweise spricht sie an Neujahr ein Grußwort oder sie lässt sich von Journalisten interviewen. Doch jetzt ist Merkel als Krisenmanagerin und Vertrauensperson gefragt. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, sagte sie.

„Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“ Einen besonderen Dank richtete sie an die Pflegekräfte in den Krankenhäusern.  Und die rüsten sich auch in Unterfranken für eine schwere Belastungsprobe.

Planbare Operationen abgesagt, Intensiv-Kapazität aufgestockt

Flächendeckend wurden nach Ausrufung des Katastrophenfalls für Bayern Besuchsverbote erlassen, planbare Operationen abgesagt und vielerorts mehr Betten mit Beatmungsgeräten bereitgestellt. Das Würzburger Uniklinikum stimmt sich eng mit den Krankenhäusern der Region ab. „Sie alle sind von der Situation sehr belastet. Aber wir sind, glaube ich, gut aufgestellt“, sagt Georg Ertl, Ärztlicher Direktor des Uniklinikums.

Kanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend in ihrer Fernsehansprache zur Corona-Pandemie.
Foto: Steffen Kugler, dpa | Kanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend in ihrer Fernsehansprache zur Corona-Pandemie.

Dort hat man sich seit Wochen auf den Katastrophenfall vorbereitet. „Wir analysieren stündlich die Lage und leiten davon Maßnahmen ab“, erklärt Thomas Wurmb, Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin. So werden nur noch medizinisch zwingende Maßnahmen durchgeführt.

Dazu gehören Notfälle wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder onkologische Behandlungen und Operationen, die keinen Aufschub dulden. Der Stopp gilt laut Uniklinik insbesondere für „planbare Eingriffe, die eine intensivmedizinische Versorgung nach sich ziehen können.“ Sie wird für Corona-Patienten vorgehalten und ausgebaut: 75 Beatmungsplätze könne man bei Bedarf einrichten, Personal wird dafür aus anderen Bereichen umgeschichtet.

Am Rhön-Klinikum in Bad Neustadt wurden sechs Container aufgestellt, die im Notfall aktiviert werden können, „wenn die Bereitschaftspraxis und die Notaufnahme den hohen Andrang an fußläufigen Patienten nicht mehr in den Räumlichkeiten der Klinik stemmen können", so Pressereferentin Josefine Astl.

"Wir sind nur ein bis zwei Wochen vor Italien."
Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts

Auch das Klinikum Main-Spessart hat vorerst bis 19.April alle geplanten OPs, Untersuchungen und ambulanten Termine abgesagt sowie die geriatrische Rehabilitation bis auf eingestellt. Erschwerend hinzu kommen Coronafälle bei Patienten und Personal der Krankenhäuser: In der Klinik Kitzinger Land hat es einen Arzt erwischt, in der Orthopädischen Klinik König-Ludwig-Haus in Würzburg eine betagte Patientin. In beiden Häusern wurden Sicherheitsvorkehrungen getroffen.

Experten erwarten in den nächsten Wochen eine drastische Zunahme der Infektionen: „Wir sind nur ein bis zwei Wochen vor Italien“, warnt der Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler. „Wenn wir es nicht schaffen, Kontakte unter den Menschen wirksam und über einige Wochen nachhaltig zu reduzieren, dann ist es möglich, dass wir in zwei bis drei Monaten bis zu zehn Millionen Infizierte in Deutschland haben.“

Teststation der Uniklinik Würzburg: Melissa Förster mit dem abgenommenen Abstrich einer Verdachtsperson.
Foto: Silvia Gralla | Teststation der Uniklinik Würzburg: Melissa Förster mit dem abgenommenen Abstrich einer Verdachtsperson.

Die bayerischen Krankenhäuser erarbeiten deshalb intensiv Notfallpläne: „Wenn die Welle an Infektionen wirklich so über uns hereinbricht, wie es uns die Virologen und Experten voraussagen, steuern wir auf eine historische Krisensituation zu, die den Krankenhäusern alles abverlangen wird“, sagt der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Siegfried Hasenbein unserer Redaktion. „Deswegen ist es entscheidend, die Infektionskurve so flach zu halten wie möglich“, betont er. „Wir können nur an jeden dringend appellieren, bei verdächtigen Symptomen jetzt unbedingt zuhause zu bleiben.“

Am Mittwoch: Starker Anstieg der Infektionszahlen in Bayern

Am Mittwoch stiegen die Infektionszahlen im Freistaat erneut sprunghaft an: Das Landesamt für Gesundheit meldete binnen eines Tages 446 neue bestätigte Fälle. Laut offiziellem Stand Mittwoch haben sich 1800 Bayern mit dem Coronavirus infiziert, etwas mehr als 200 davon in Unterfranken. Damit hat sich die Zahl im Freistaat seit Freitag mehr als verdreifacht.

Dabei ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Tests würden trotz verdächtiger Symptome nicht oder nur sehr verzögert durchgeführt, heißt es aus Medizinerkreisen. Auch die Versorgung mit Schutzkleidung sei selbst in Notaufnahmen stellenweise unzureichend. Krankenhausverbandschef Hasenbein bestätigt Probleme: „Diese Sorgen beim medizinischen Personal gibt es in einigen Häusern, die Situation mit der Ausstattung von Schutzkleidung ist regional unterschiedlich.“

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