Giebelstadt

Corona-Impfung: Telefone bei den Hausärzten stehen nicht still

Endlich die Impfung gegen das Coronavirus bekommen: Dafür setzen viele Menschen Himmel und Hölle in Bewegung. In den Hausarztpraxen im Landkreis sorgt das für Stress.
Seit kurz vor Ostern impft Dr. Christian Pfeiffer in seiner Giebelstadter Praxis Patienten gegen das Coronavirus. In einer gestellten Situation demonstriert er den Ablauf.
Foto: Daniel Peter | Seit kurz vor Ostern impft Dr. Christian Pfeiffer in seiner Giebelstadter Praxis Patienten gegen das Coronavirus. In einer gestellten Situation demonstriert er den Ablauf.

Bitte rufen Sie uns nicht an - wir rufen Sie an. So in etwa lässt sich die Strategie zusammenfassen, die sich der Giebelstadter Hausarzt Dr. Christian Pfeiffer für die Terminvergabe überlegt hatte, bevor in Bayern die Hausärzte mit den Corona-Impfungen begannen. Der Bezirksvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes für Unterfranken ahnte eine Flut von Telefonanrufen in den Hausarztpraxen voraus und sprach sich deshalb dafür aus, dass die Hausärzte im Rahmen der Priorisierung selbst diejenigen unter ihren Patienten heraussuchen und kontaktieren sollten, die als erste zum Impfen kommen dürfen.

Andernfalls, so befürchtete Pfeiffer, wären die Telefonleitungen für Patienten mit anderen Anliegen blockiert. Hat sich diese Befürchtung bewahrheitet? Welche Erfahrungen mit der Terminvergabe haben Hausärzte nach der ersten Zeit nun tatsächlich gemacht?

"Viele rufen wegen einer Corona-Impfung bei uns an."
Dr. Christian Pfeiffer, Hausarzt aus Giebelstadt

Ganz so, wie Christian Pfeiffer sich das vorgestellt hatte, ist es in seiner Praxis nicht gelaufen. "Viele rufen wegen einer Corona-Impfung bei uns an", sagt der Hausarzt. "Ich weiß auch nicht, wie man das abstellen sollte." Die Praxis vermerkt nun in der Kartei, welche Patienten geimpft werden wollen. Zunächst sei jetzt die zweite Priorisierungsgruppe an der Reihe, so Pfeiffer. Und diese Gruppe sei groß. Ob Grundschullehrer oder Erzieher, chronisch Kranke oder stark Übergewichtige, Menschen mit Lungen- oder Krebserkrankungen, oder ganz allgemein die 70- bis 80-Jährigen: Innerhalb der Gruppe müssen die Ärzte ebenfalls wieder eine Auswahl treffen, wer zuerst geimpft wird.

Für Christian Pfeiffer ist dabei das größte Problem, dass er die Termine für die jeweils nächste Woche nur schlecht planen kann, weil ihm die Anzahl der zu erwartenden Impfdosen immer erst kurzfristig bekannt gegeben wird. Auch die Frage, von welcher Herstellerfirma der Impfstoff kommt, kann zu Erklärungsbedarf führen - vor allem beim Produkt von Astrazeneca.

Der Arzt und sein Team sind geimpft

Dass um diesen Impfstoff viel Unsicherheit herrscht, bekommt auch der Arzt aus Giebelstadt mit. Nicht wenige Patienten wünschten sich einen bestimmten Impfstoff, und Astrazeneca zähle dabei nicht unbedingt zu den Favoriten. "Anderen ist es egal, auch jüngeren Patienten", sagt Pfeiffer. Wenn es nach ihm ginge, sollte jeder Patient selbst entscheiden können, ob er diesen Impfstoff haben möchte, den der Arzt als gut und hoch wirksam bezeichnet.

Er selbst wie auch sein Team sind übrigens bereits gegen das Coronavirus geimpft. Ärzten und Mitarbeitern von Praxen, die beispielsweise Covid-Abstriche machen, Infektpatienten behandeln oder Patienten in Altenheimen, sei frühzeitig ein Impfangebot gemacht worden. Als nächstes, sagt Pfeiffer, seien nun seine niedergelassenen Kollegen aus anderen Fachrichtungen an der Reihe.

"Die Leute sind sehr nervös und wollen möglichst schnell geimpft werden."
Dr. Johannes Schmitt, Hausarzt in Rimpar

Auch in anderen Hausarztpraxen im Landkreis Würzburg steht dieser Tage das Telefon nicht still. Impfwillige Patienten machten einen großen Teil der Anrufer aus, bestätigt eine Mitarbeiterin einer Praxis. Eine andere spricht zum Thema Terminvergabe von einem "Albtraum". Auch Dr. Johannes Schmitt, Hausarzt in Rimpar, findet die Situation ausgesprochen schwierig. "Die Leute sind sehr nervös und wollen möglichst schnell geimpft werden," sagt Schmitt. Seine Praxis ermöglicht eine Anmeldung per telefonischer Impf-Hotline oder online.

Um sicherzugehen, dass ihr Anliegen auch tatsächlich bearbeitet wird, meldeten sich manche Patienten parallel auf allen Kanälen an und fragten teils mehrmals nach. Die Flut an Anrufen führe dazu, dass es für Patienten mit anderen gesundheitlichen Fragestellungen bisweilen schwierig sei, durchzukommen – problematisch, findet Johannes Schmitt, der wie sein Kollege aus Giebelstadt die Impfung selbst bereits erhalten hat.

Im Augenblick gibt es keine Impfstoff-Wahl

Die Rimparer Hausarztpraxis hat inzwischen alle Patienten aus der ersten Priorisierungsgruppe kontaktiert, um festzustellen, wer noch keine Impfung erhalten hat. Das sei sehr aufwändig gewesen, sagt Schmitt. Die jetzt noch Ungeimpften aus dieser Gruppe stünden der Corona-Impfung zum größten Teil kritisch gegenüber. Inzwischen haben sich aber schon viele Patienten aus den Gruppen zwei und drei angemeldet.

Diese Leute nun der Reihe nach zur Impfung einzubestellen, ist ebenfalls aufwendig für das Praxisteam. Denn auch in Rimpar erfährt die Praxis immer erst relativ kurzfristig, mit vielen Impfdosen sie rechnen kann. Die Impfwilligen, die die EDV nach Alter sortiert, werden dann eingeladen – wobei die Praxis natürlich auch nicht jeden sofort erreicht. "Wir impfen, wen wir erreichen können", fasst Johannes Schmitt zusammen.

"Die Helferinnen müssen viel aushalten."
Dr. Stefan Heßdörfer, Hausarzt aus Leinach

Auch der Arzt aus Rimpar erlebt eine gewisse Zurückhaltung seiner Patienten beim Impfstoff von Astrazeneca. "Im Moment ist hier die Devise, dass wir eine Impfstoff-Wahl nicht anbieten können", sagt Schmitt. Dennoch will er nach Möglichkeit versuchen, solchen Patienten einen anderen Impfstoff zu verabreichen oder sie auf eine separate Warteliste zu setzen.

In der Praxis von Dr. Stefan Heßdörfer aus Leinach ist die Situation kaum anders. Er spricht von einem erheblichen Aufwand durch die Organisation der Corona-Impfungen. Um den Patienten schon vor einem Anruf in der Praxis Orientierung zu bieten, finden sich auf der Homepage stets aktuelle Hinweise, etwa zur Priorisierung der Impfwilligen. Die Praxis hat Listen nach dem Alter der Patienten erstellt und wird demnächst mit der Gruppe zwei starten. Leider hat der Hausarzt schon erlebt, dass weniger Impfstoff kam, als er bestellt hatte, und deshalb Termine wieder absagen müssen.

Auch Stefan Heßdörfer hört von seinen Patienten oft Bedenken gegen den Impfstoff von Astrazeneca. Und dann? "Dann reden wir darüber", sagt der Arzt. Was natürlich ebenfalls wieder zeitaufwendig ist. Daneben nimmt sich das Team aus Leinach selbstverständlich auch die Zeit für Patienten mit anderen Anliegen. Heßdörfer weiß, dass die Situation seinen Mitarbeitern derzeit viel abverlangt und sie an den Rand der Belastbarkeit bringt. "Die Helferinnen müssen viel aushalten", sagt er. Andererseits motiviere es aber auch ungemein, mit den Impfungen als Hausarztpraxis endlich aktiv werden und etwas gegen die schlimme Situation unternehmen zu können.

"Impfen ist die einzige Möglichkeit, aus dieser Pandemie auszubrechen."
Dr. Elisabeth Rieck, Hausärztin aus Neubrunn

Ähnlich äußert sich Dr. Elisabeth Rieck, Hausärztin aus Neubrunn: "Es ist für mich eine große Freude, meine Patienten impfen zu können. Da kommt viel Dankbarkeit zurück." Aber auch sie und ihr Team sind nach vielen Monaten mit immer neuen Ansagen und Regelungen aus dem Gesundheitsministerium inzwischen erschöpft. Aktuell seien ihre Mitarbeiterinnen etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit nur damit beschäftigt, Telefonate zu führen, Patienten auf Wartelisten zu setzen und Diskussionen um den Astrazeneca-Impfstoff zu führen, sagt die Ärztin.

In letzter Zeit stellt sie bei ihren Patienten eine zunehmende Unruhe fest, was das Thema Impfung betrifft. Sie sehen, dass andere geimpft sind, sie selbst aber noch keinen Termin haben. Das führe zu Frust und teils auch unerfreulichen Reaktionen am Telefon. Trotzdem stellt sich die Ärztin der Aufgabe, denn sie ist überzeugt: "Impfen ist die einzige Chance, aus dieser Pandemie auszubrechen." Man müsse dabei pragmatisch an das Thema herangehen. Deshalb hat sie einige Patienten, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, auch schon durchs Autofenster geimpft.

Seit rund einem Jahr ist eine mehr als 60-Stunden-Woche für die Ärztin Normalität. Sie wohnt im Ort, nimmt die Bedürfnisse wahr und erlebt neben all dem Stress vor allem bei den älteren Patienten immer wieder auch einfach nur stille Freude, wenn jemand seine Impfung endlich erhalten hat.

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