Würzburg

Corona-Krise: Diese 5 Dinge belasten unterfränkische Kliniken

Die Pandemie verschärft grundlegende Probleme der Krankenhäuser in Unterfranken teilweise enorm. Eine Auflistung, was jetzt die größten Herausforderungen der Kliniken sind.
Wichtige Instrumente wie Beatmungsgeräte konnten unterfränkischen Kliniken zufolge nicht ausreichend im Voraus gelagert werden  - aufgrund des medizinischen Finanzierungsystems.
Foto: Peter Kneffel, dpa | Wichtige Instrumente wie Beatmungsgeräte konnten unterfränkischen Kliniken zufolge nicht ausreichend im Voraus gelagert werden  - aufgrund des medizinischen Finanzierungsystems.

Sie sind ein wichtiges Standbein unseres Gesundheitssystems, doch Fachkräftemangel und zunehmender Wettbewerbsdruck machen den Kliniken zu schaffen. Nun strapaziert auch noch die Corona-Pandemie das Krankenhaussystem. Die Genossenschaft Klinik-Kompetenz-Bayern (KKB), die für viele kommunale Einrichtungen in Unterfranken spricht, hat auf einer Konferenz in Würzburg jetzt die Problemfelder benannt und diskutiert. Was derzeit die fünf größten Sorgen der Kliniken sind - und was Corona damit zu tun hat.

1. Betriebskosten: Mangelhafte Finanzierung

Das aktuelle Finanzierungsystem zwingt Kliniken laut Genossenschaft KKB zum Abbau von Kapazitäten.
Foto: Benjamin Nolte, dpa | Das aktuelle Finanzierungsystem zwingt Kliniken laut Genossenschaft KKB zum Abbau von Kapazitäten.
  • Das Problem laut KKB: Staatliche Kliniken finanzieren ihren Betrieb primär durch anlassbezogene Vergütung der Krankenkassen. Die ist pauschal durch sogenannte Diagnosis Related Groups (DRG) geregelt. Jürgen Winter, Geschäftsführer des Schweinfurter Leopoldina-Krankenhaus, kritisiert dies. Investitionen müssten mit den DRG-Geldern querfinanziert werden, tarifliche Lohnsteigerungen und individuelle Kosten der Kliniken würden nicht ausreichend berücksichtigt. Das System erzwinge wirtschaftliches Wachstum bei gleichzeitigem Abbau von Kapazitäten.
  • Der Corona-Faktor: Schutzartikel wie Masken, Testkits und Beatmungsgeräte sowie entsprechende Lagerkapazitäten präventiv vorzuhalten, ist laut Winter mit den anlassbezogenen DRGs kaum möglich. Problematisch ist das System laut Alexander Schraml, KKB-Vorstandsmitglied und Leiter der Main-Klinik Ochsenfurt, auch, weil sich derzeit viele Patienten nicht trauten, sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Das führe zu finanziellen Ausfällen im wachstumsorientierten System.
  • Der KKB-Standpunkt: Klinken benötigen eine leistungsunabhängige Basisfinanzierung, um Reserven für Herausforderungen wie die Corona-Krise bilden zu können. Zudem muss tarifliche Personalkostensteigerung refinanziert werden.
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2. Investitionskosten: Gesunkene Förderungen

Investitionsförderungen etwa für Baumaßen wie hier beim Rhön-Klinikum Bad Neustadt sind laut KKB in den vergangenen Jahren massiv gesunken.
Foto: Julia Back | Investitionsförderungen etwa für Baumaßen wie hier beim Rhön-Klinikum Bad Neustadt sind laut KKB in den vergangenen Jahren massiv gesunken.
  • Das Problem laut KKB: Für Investitionen wie Baumaßnahmen ist eigentlich der Staat zuständig, Kliniken müssen jedoch einen großen Anteil des Investitionsbedarfs selbst stemmen. Die in Bayern vergebenen Fördermittel sind laut KKB in den vergangenen Jahren massiv geschrumpft. Zu Beginn der 90er Jahre wurden demnach 664 Millionen Euro ausgeschüttet. 2019 waren es 643 Millionen Euro, was im Vergleich einer Kaufkraft von 400 Millionen Euro entspreche. Grund für den Rückgang laut KKB: Kommunen ohne eigene Kliniken sperrten sich gegen eine Anhebung der Fördermittel.
  • Der Corona-Faktor: Aufgrund mangelnder Investionsförderung sind aktuell laut KKB-Vorstand Alexander Schraml Reha-Möglichkeiten in Sachen Corona oft nicht verfügbar: "Reha und Pflege werden bei Corona ein großes Thema werden", so Schraml. Laut Wolfgang Schirmer, Geschäftsführer der Geomed-Klinik in Gerolzhofen und ebenfalls KKB-Mitglied, wird sich das wirtschaftlich schwierige Jahr 2020 negativ auf künftige Investitionen auswirken: "Die Kliniken werden enorme Schwierigkeiten haben, den Investitionsbedarf zu decken."
  • Der KKB-Standpunkt: Die Investitionsförderung soll insgesamt erhöht werden, Investitionen für Außenanlagen, Küchen und Apotheken sollen extra gefördert werden, Kosten für notwendige Maßnahmen sollen nicht mehr durch Klinik-Einnahmen querfinanziert werden müssen.
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3. Notfallversorgung: Ungeeignete Neustrukturierung

Die Kliniken wollen die Leitung bei der Durchführung der Notfallversorgung übernehmen. Im Bild die Notaufnahme des Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt.
Foto: Anand Anders | Die Kliniken wollen die Leitung bei der Durchführung der Notfallversorgung übernehmen. Im Bild die Notaufnahme des Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt.
  • Das Problem laut KKB: Die teure Notfallversorgung teilen sich in Deutschland die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die Kliniken sowie die Kommunen durch die Rettungsdienste. Eine Notfallbehandlung kostet laut KKB im Schnitt 120 Euro, erstattet würden nur 32 Euro. Die KV richtet laut Alexander Schraml vermehrt Bereitschaftspraxen an Kliniken ein, die die dortige Notaufnahme entlasten. Kreiskliniken aber würden dabei oft ausgeschlossen und somit im Wettbewerb benachteiligt. Ein Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums sehe nun eine Neuregelung für ambulante und stationäre Notfallversorgung unter maßgeblichem Einfluss der KV vor. Die KV sei dafür aber nicht geeignet.
  • Der Corona-Faktor: Laut Jürgen Winter vom Schweinfurter Leopoldina-Krankenhaus hat die Corona-Pandemie die wichtige Rolle der Kliniken bei der Notfallversorgung aufgezeigt: "Wir sind immer für die Bevölkerung dagewesen und wollen hier deswegen die Leitung übernehmen."
  • Der KKB-Standpunkt: Notfallversorgung soll von den Ländern geplant und von den Krankenhäusern durchgeführt werden, dabei sollten Vertragsärzte der KV nur nach Ermessen der Kliniken einbezogen werden. Die Notfallversorgung soll kostendeckend refinanziert werden.
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4. Personalmangel in der Pflege und bei den Ärzten

Pflegefachkräfte leiden unter anstrengenden Arbeitsbedingungen. Laut KKB kann ein Branchentarifvertrag Abhilfe schaffen.
Foto: Patrick Seeger, dpa | Pflegefachkräfte leiden unter anstrengenden Arbeitsbedingungen. Laut KKB kann ein Branchentarifvertrag Abhilfe schaffen.
  • Das Problem laut KKB: Das Arbeitsaufkommen im Gesundheits- und Sozialwesen ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Die Anzahl der Ärzte hingegen sinkt laut KKB stetig, immer mehr Ärzte müssten aus dem Ausland angeworben werden. In der Pflege wird laut KKB zudem der Bedarf an Arbeitskräften laut KKB das verfügbare Angebot in wenigen Jahren übersteigen.
  • Der Corona-Faktor: Die Corona-Krise, so Alexander Schraml, habe gezeigt, wie knapp die Personalsituation im Pflegebereich der Kliniken bemessen ist. Zwar habe man die Krise bislang gut gemeistert, aber "wir müssen alles aktivieren, was zu aktivieren ist". Auch sei etwa für die Bedienung von Beatmungsgeräten nicht immer ausreichend geschultes Personal verfügbar.
  • Der KKB-Standpunkt: Die Personalnot in der Pflege liegt nicht primär an zu schlechter Vergütung, sondern etwa an überbordender Dokumentationspflicht, psychischer Belastung sowie mangelnder Familienverträglichkeit. Hier könnte laut Alexander Schraml ein Branchentarifvertrag Verbesserung bringen. Nötig seien zudem bessere Investitionsförderung von Pflegeschulen sowie weniger Bürokratie beim Anwerben ausländischer Fachkräfte.
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5. Digitalisierung: Höhere Anforderungen, mangelnde Infrastruktur

Bessere Digitalisierung kann medizinisches Arbeiten enorm erleichtern. Im Bild moderne telemedizinische Technik eines Bad Kissinger Unternehmens.
Foto: Wolfgang Dünnebier | Bessere Digitalisierung kann medizinisches Arbeiten enorm erleichtern. Im Bild moderne telemedizinische Technik eines Bad Kissinger Unternehmens.
  • Das Problem laut KKB: Verschärfte Digitalgesetze, steigende Kommunikationsanforderungen, neuer digitaler Wettbewerb, Cyberangriffe und fehlende Mittel setzen Kliniken im Digitalen unter Druck. Die Kliniken leiden unter fehlenden Prozessstandards, Fachkräftemangel und ungenügender IT-Infrastruktur.
  • Der Corona-Faktor: Das DRG-Abrechnungssystem fördert laut KKB ein problematisches Zusammenspiel zwischen Wachstumszwang und dem Abbau von Personalkapazitäten. Dies werde durch die Pandemie noch verstärkt und verlangsame die dringend notwendige Digitalisierung in der Branche.
  • Der KKB-Standpunkt: Laut Wolfgang Schirmer von der Geomed-Klinik gibt es bei der Digitalisierung trotz bestehender Probleme Grund zum Optimismus: Das kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Krankenhauszukunftsgesetz sehe drei Milliarden Euro unter anderem für Digitalisierung vor. "Das setzt definitiv an der richtigen Stelle an", so Schirmer.
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