Würzburg

Corona: Was macht diese Zeit mit Alt und Jung? Wir müssen reden!

Sind Reiseverbote sinnvoll? Dürfen Freunde umarmt werden? Wie wird Weihnachten aussehen? Ein Gespräch zwischen Jung und Alt über verworfene Pläne und gelebte Leben.
Wie beeinflusst Corona die Lebenswelten ganz unterschiedlicher Generationen? - Günther Rinke (70) und Pia May (22) sprechen darüber. 
Foto: Fotomontage Silvia Gralla | Wie beeinflusst Corona die Lebenswelten ganz unterschiedlicher Generationen? - Günther Rinke (70) und Pia May (22) sprechen darüber. 

Sind Reiseverbote sinnvoll? Dürfen Freunde umarmt werden? Wie wird Weihnachten aussehen? Die Corona-Pandemie hat Selbstverständlichkeiten des Alltags auf den Kopf gestellt. Würzburger Studentin Pia May (22) und der langjährige Vorsitzende der Würzburger Seniorenvertretung Günther Rinke (70) über nachvollziehbare und nicht nachvollziehbare Corona-Beschränkungen, verworfene Lebenspläne und quälende Einsamkeit.

Frage: Schauen wir mal ein Jahr zurück auf den Dezember 2019 – welche Pläne hatten sie für 2020?

Günther Rinke: Ein schönes Leben als Rentner. Wir hatten Reisepläne, vor allem Busreisen, aber die mussten heuer fast alle ausfallen. Ich selbst bin seit dem Lockdown täglich Fahrrad gefahren und habe es auf 3000 Kilometer bisher gebracht. Im Durchschnitt bin ich 15 bis 25 Kilometer am Tag gefahren, der Erfolg war, das ich über 5 Kilo abgenommen habe. 

Pia May: Mein größter Plan war eine Exkursion nach Paris. Solche Exkursionen sind in meinem Studium verpflichtend. Wenn ich die Exkursion nicht mache, kann ich mein Studium nicht abschließen. Derzeit wird von der Uni zwar geprüft, ob es dabei bleibt oder man es irgendwie nachholen kann, aber noch ist es nicht entschieden. Ganz allgemein bin ich durch die Corona-Zeit sehr entspannt geworden, weil ich merke, dass ich es nicht ändern kann.

"Diese Mentalität: Ich will jetzt was erleben, ich will Party machen, weil ich jung und gesund bin, das ist mir unverständlich."
Pia May (22), Studentin
Erinnern Sie sich noch, wann sie das erste Mal etwas von Corona gehört haben?

Rinke: Ich weiß, wann der Lockdown gekommen ist: Am 16. März. Da wurde Deutschland zu einer anderen Welt.

May:  Ja, ich glaube es war exakt der 16. März, als alles runtergefahren wurde.

Rinke: Mir war klar, ich muss jetzt irgendwas machen. Deswegen habe ich mein Fahrrad hergerichtet. Es ging ja nichts mehr. Und zugleich die Nachrichten.  Wenn man die schrecklichen Bilder von Italien gesehen hat, wurde es einem anders.

Haben Sie diese Bilder anders berührt als einen jüngeren Menschen?

Rinke: Die Bilder von Italien waren für mich prägend. Die LKW mit den Särgen, das war nicht mehr normal. Was passiert dort? Warum ist es so stark? Warum ist es bei uns noch immer ziemlich geordnet? Es ist mir unverständlich, warum sich manche nicht an die Regeln halten, die die Politik vorgibt. Wenn ich sehe, dass auf Sportplätzen die Hinweisschilder der Stadt von jungen Leuten abgemacht werden, damit man bessere Sicht zum Volleyballspielen hat, obwohl der Platz gesperrt ist, da kann ich meinen Mund nicht halten. Dafür habe ich kein Verständnis. 

Pia May
Foto: Silvia Gralla | Pia May

May: Ich kann da nur zustimmen. Ich mache mir nicht nur Sorgen um meine Großeltern, die über 70 sind und alles soweit runtergefahren habe, dass ich Angst habe, sie vereinsamen. Zugleich habe ich Angst um meine Freunde. Eine Freundin beispielsweise hat Asthma. Im Grunde genommen kann jeder betroffen sein. Ein Kollege meiner Mutter, der sehr sportlich war, ist an Covid 19 gestorben.  Diese Mentalität: Ich will jetzt was erleben, ich will Party machen, weil ich jung und gesund bin, das ist mir unverständlich. 

Gibt es nicht in jeder Altersgruppe Menschen, die sich nicht an die Vorgaben halten?

Rinke: Der größte Teil hält sich an die Regeln, aber ein kleiner Teil meint: Das betrifft mich nicht. Ob das jetzt die Schüler sind, die sich nachmittags mit ihren Freunden, ob das junge Leute sind, die sich im Bekanntenkreis treffen oder ob das Ältere sind. Die Unvernunft ist teilweise sehr groß, auch wenn Menschen in Gaststätten Fantasienamen eintragen. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis, denn es gilt vor allem der eigenen Sicherheit.

Wie viel Verständnis haben sie auf der anderen Seite derzeit noch für die Maßnahmen?

Rinke: Die Gastronomie kann mit den Hygienekonzepten meiner Meinung nach sofort wieder aufmachen. Auch für die Reiseverbote habe ich kein Verständnis. Ich habe heuer drei Busreisen in Deutschland gemacht und erlebt, welche Bemühungen es seitens der Hotels gibt. Hoteliers sind daran interessiert, ihre Hygienekonzepte umzusetzen, um so ihre Existenz zu sichern. Sie wollen keine Unterstützung, sie wollen ihr Geld erwirtschaften. Und wenn man sich die Schutzvorkehrungen anschaut, ist das doch ein besserer Schutz als in jedem Supermarkt, wo man sich immer wieder in den Fluren begegnet.

May: Im Supermarkt hat man sicher weniger Kontakt als wenn man Restaurant sitzt und isst. Deswegen finde ich es gut, dass die Restaurants geschlossen bleiben, auch wenn es für die Betreiber schrecklich ist. Ich finde Aktivitäten mit Maske in Ordnung, aber alles ohne Maske in einem geschlossenen Raum ist derzeit nicht tragbar.

Lesen Sie auch: Gegen das System: Warum uns das Daheimbleiben so schwerfällt

Über die Masken wurde in Vergangenheit ja viel diskutiert.

May: Masken sind für mich eine richtig gute Lösung. Es ist um einiges angenehmer zu wissen, dass man andere schützt und auch selbst geschützt ist. Es ist mir unverständlich, dass man in Wartezimmern von Ärzten all die Jahre keine Masken getragen hat. Ich hoffe es sehr, dass sich das in Deutschland etabliert.

Rinke: Bisher haben wir als Deutsche eine Maske nicht gekannt, es sei denn die Touristen aus Fernost sind gekommen. Wir haben es oft gar nicht verstanden, weshalb die eine Maske aufsetzen, da wir doch so eine gute Luft haben. Aber wir werden diesbezüglich sicher schauen, was die Zukunft bringt. Das Thema Maske wird sicher noch ausgebaut werden, so dass es Standard wird. Es kann sein, dass wir die Maske noch länger brauchen als uns das lieb ist. Allerdings: Ich finde frische Luft ist wesentlich gesünder als das Tragen einer Maske- vorausgesetzt der Abstand ist gewahrt. Wir haben schließlich keine FFP2-Masken. Es sind einfache Stoffmasken oder Einmal-Artikel und keiner weiß, wie lange die Menschen ihre Masken tragen. Die Gefahr sehe ich darin, dass man Masken trägt, die mehr schaden als nutzen.

Seit März verändert Corona und die Beschränkungen des Alltags unser Leben.  Maskenpflicht ist, wie auf der alten Mainbrücke in Würzburg vielerorts Pflicht. 
Foto: Heiko Becker | Seit März verändert Corona und die Beschränkungen des Alltags unser Leben.  Maskenpflicht ist, wie auf der alten Mainbrücke in Würzburg vielerorts Pflicht. 
Glaube Sie, dass sich unsere Gesellschaft verändert und es zukünftig irritiert, wenn sich Menschen auf der Straße umarmen?

Rinke: Wer hat denn das ganze Umarmen eingeführt? Die ältere Generation war es nicht. Es ist die jüngere Generation, die sich bei jedem Begrüßen um den Hals fallen muss. Die jüngere Generation macht das ja teilweise heute noch, gerade die Teenager: Ich schüttel den Kopf, wenn ich sehe, wie die sich begrüßen. Muss das in der jetzigen Zeit sein? Wir haben das so nicht gelernt, wir haben uns die Hand gegeben. Und daran, dass man sich keine Hand mehr gibt, haben wir uns schon lange gewöhnt. Wir werden uns auch schnell dran gewöhnen, mehr Abstand zu halten als bisher.

May: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich umarme meine Freunde. Ich glaube, sobald Menschen  geimpft werden und wir eine gewisse Immunität haben, könnte es sogar sein, dass mehr umarmt wird, weil viele Menschen die Nähe vermissen. Ich wohne alleine in einem 16-Quadratmeter-Zimmer und ich merke, dass es mir fehlt, umarmt zu werden.

Rinke: Dieses Umarmen ist im letzten Jahrzehnt immer stärker geworden. Beim Umarmen ist die Gefahr der Übertragung sehr hoch. Wenn man hört, dass die Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar sind, dann sollte man das Umarmen, egal mit wem, unterlassen.

Günther Rinke 
Foto: Thomas Obermeier | Günther Rinke 
Umarmen Sie denn ihre Frau noch?

Rinke: Ja, selbstverständlich. Wir sind ja eine Hausgemeinschaft. Wenn sich bei uns einer ansteckt, ist das Risiko für den anderen groß. Mit dem Umarmen hat das nichts mehr zu tun. 

May: Mir ist die mögliche Folge immer bewusst, aber ich habe vier Wochen komplett allein gewohnt, ich hatte keinerlei Kontakt zu irgendwem. Ich habe gemerkt, wie sehr mich das psychisch belastet hat und bin depressiv geworden. Ich habe dann mit meinen täglichen Spaziergängen angefangen, aber das ist kein Ersatz für körperliche Nähe. Jeder muss schauen, wie viel brauche ich für meine psychische Gesundheit und wie viel für meine physische Gesundheit. Da muss ich die richtige Balance finden, sonst würde ich Corona vermutlich nicht überleben. Es ist einfach schrecklich, niemand umarmen zu können.

Rinke: Wir als Rentner leben auch ziemlich alleine und auch uns fehlen die Begegnungen und Kontakte, ob das ein zufälliges Treffen ist oder der Stammtisch, zu dem man regelmäßig geht. Der persönliche Austausch gehört dazu, Gespräche über den Bildschirm sind kein Ersatz. 

Wenn das ganze Jahr 2021 so weitergehen soll, läuft Deutschland Gefahr die Wirtschaft kaputt zu machen.
Günter Rinke (70), Rentner
Ist Stammtisch Luxus für Sie, Frau May?

May: Ich bin noch am Anfang meines Lebens. Das Studium ist zentraler Baustein meines Alltags und da ich keine Uni habe, fällt er weg. Senioren haben vieles erlebt und gearbeitet, um die Rente zu erleben. Und ja, es ist schrecklich, dass man sich nicht treffen kann. Aber mir ist sehr viel verbaut worden mit Blick auf meinen Studienabschluss und damit mein zukünftiges Berufsleben. Viele sehen nur die Studenten, die aufs Feiern verzichten müssen, aber es ist mehr. 

Rinke: Ich habe mit 18 Jahren das Arbeiten angefangen und 45 Arbeitsjahre hinter mir. Ich habe noch eine begrenzte Lebenserwartung, das merke ich immer deutlicher. Wenn ich jetzt nachholen möchte, was ich das ganze Leben nicht hatte, da möchte ich das ein oder andere in der nächsten Zeit doch noch erleben. Sie sind jung und haben das Leben noch vor sich. Aber Sie wissen auch nicht, was das noch für Auswirkungen haben wird. Ich kann mir etwa zukünftig Fernreisen in diesem Umfang nicht vorstellen. Aber die große Herausforderung wird die Wirtschaft. Die Wirtschaftsförderung kann nicht mehr so erfolgen wie bisher. Geld kann nur einmal ausgegeben werden, wir haben jetzt ein dreiviertel Jahr vieles mit erheblichen Mitteln finanziert. Wenn das ganze Jahr 2021 so weitergehen soll, läuft Deutschland Gefahr die Wirtschaft kaputt zu machen. So wie es mal war, wir es sicherlich nicht weitergehen.

May: Ich glaube Dinge erholen sich wieder. Eine Krise ist immer der Übergang von einer Normalität in die nächste. Vielleicht gibt es keine Rente, aber wenn es so ist, kann ich es nicht ändern. Ich werde aber einen Beruf haben, der mir wegen seiner Vielfalt ermöglicht, lange zu arbeiten.

Wie sieht das Leben in fünf Jahren  aus. Wie viel wird Corona verändert haben?

Rinke: Keine Ahnung. Das Schlimmste wäre, wenn die Beschränkungen so bleiben wie derzeit. Das wäre kein Leben mehr. Aber wir wissen ja nicht, was in fünf Jahren ist. Es kann auch wieder etwas Neues sein, aber man muss positiv in die Zukunft blicken.

May: Ich glaube, der Tiefpunkt war im Sommer. Es gab die Schließungen und alle waren sehr ängstlich. Dann kamen die Lockerungen. Jeder war froh, dass es erstmal vorbei war, aber man wusste, dass es nicht vorbei ist. Man tat so, als sei alles normal, aber das war es nicht. Noch immer hingen Menschen an den Herz-Lungen-Maschinen.

Rinke: Ich glaube, der Tiefpunkt kommt erst noch. Im März hatten wir sehr schönes Wetter und trotzdem stiegen die Zahlen. Aber was kommt jetzt: Neue Einschränkungen, Temperaturen um die null Grad, auf eine Parkbank braucht man sich überhaupt nicht mehr zu setzen und Weihnachten steht vor der Tür. Jeder freut sich das ganze Jahr auf das Familienfest. 

May: Ich finde es okay, dass es einmal nicht so toll läuft an Weihnachten. Wenn wir uns an die Regeln halten, kann es sein, dass nächstes Jahr besser wird. Problematisch ist das natürlich für ältere Menschen, die möglicherweise nächstes Weihnachten nicht mehr erleben.

Welche Wünsche haben sie ganz persönlich für das Jahr 2021?

Rinke: Gesund bleiben. Ganz einfach.

May: Dass meine Familie gesund bleibt und ich meinen Bachelor rechtzeitig machen kann.

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Würzburg und erhalten Sie dreimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren
Würzburg
Sara Sophie Fessner
Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten
Anselm Grün
Busreisen
Coronavirus
Exkursionen
Familienfeiern und Familienfeste
Hoteliers
Infektionsketten
Renten
Rentner
Senioren
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!