WÜRZBURG

Dauerhafte Mahnung für die Menschenwürde

Zeitzeuge: Helmut Försch.
Foto: MP | Zeitzeuge: Helmut Försch.

(aj) Wenn sich am Dienstag ein Menschenzug vorm früheren Platz'schen Garten, heute am Haus St. Benedikt, in Bewegung setzt – dann wird dies ein ergreifender Moment sein. Die Gestapo-Fotografien von Juden, wie sie flankiert von sogenannter Schutzpolizei am Ringpark entlang in die Vernichtung getrieben werden, sind historisch. Aus dem April 1942. Und doch werden diese Bilder am Dienstag gegenwärtig sein wie kaum zuvor.

Wohl weiß niemand, was in den Verfolgten vorgegangen sein muss. Welche Ungewissheit und Ängste sie ausgestanden haben. Doch die öffentliche Wirkung dieser Vertreibung – sie wird zumindest ein Stück weit greifbar, wenn Bürger nun exakt diesen Deportationsweg beschreiten.

Gleicher Ort, gleiche Zahl: Mit 852 Schildern erhalten die Opfer nicht nur ihre Namen zurück. Sie werden sichtbar quantifiziert. „Es waren so viele – das Unrecht konnte nicht übersehen werden“, meint Benita Stolz von der verantwortlichen Projektgruppe „Wir wollen uns erinnern“.

Einer, der sich emotional besonders berührt einreihen wird, ist Helmut Försch. Der 82-Jährige sagt, ihm sei der Erinnerungsweg sehr wichtig gewesen. Andersherum ist es aus der Gruppe zu hören: „Helmut Försch war sehr wichtig für den Erinnerungsweg.“ Beides wird seine Richtigkeit haben. Fakt ist: Aus dem Arbeitskreis Stolpersteine heraus hat der Chronist und ehemalige Stadtrat vor fünf Jahren die Idee für ein solches Projekt an mögliche Mitstreiter herangetragen. Försch, gelernter Reprofotograf, dachte an Bilder am Wegrand, an Linien oder Streifen. Sie sollten die Route der Deportierten markieren und das Geschehene für die Gegenwart festhalten.

Wegen verkehrstechnischer Hindernisse wurden erste Überlegungen verworfen. Die Idee aber blieb. Und wurde Stück für Stück Realität: Seit November mit dem Denkmal vorm Platz'schen Garten, seit kurzem mit neun verlegten „Stolperschwellen“, am Dienstag mit dem Schweigezug (Teilnehmer aus ganz Unterfranken) und schließlich mit Informations-Stelen, die am 1,8 Kilometer langen Weg noch aufgestellt werden.

„Dafür gekämpft, gearbeitet, gehofft zu haben, ist die Krönung meiner weit über 60-jährigen ehrenamtlichen Tätigkeit auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens“, beschreibt Helmut Försch die Bedeutung dieses Projektes, das nur in seiner Art einmalig ist – nicht zeitlich. Denn dauerhaft, sagt der langjährige Sozialdemokrat und überzeugte Pazifist, müsse der Weg der Erinnerung gegangen werden. Er sei ein Auftrag zur permanenten Wachsamkeit gegenüber Rassismus und Ausgrenzung. Ein Aufruf zur Zivilcourage, wo immer die Menschenwürde verletzt wird.

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