Kürnach

Debatte um Kürnachs Schafe: Schlachter oder Gnadenhof?

Fünf Schafe des tierpädagogischen Projekts sollten geschlachtet werden. Eine Berlinerin initiierte dagegen eine Petition und sorgte für Wirbel. Wie geht es jetzt weiter?
Wie geht es weiter mit dem tierpädagogischen Projekt und dessen Schafen in Kürnach?
Foto: Silvia Gralla | Wie geht es weiter mit dem tierpädagogischen Projekt und dessen Schafen in Kürnach?

In einem sind sich alle einig: "Es ist ein wirklich schönes Projekt", sagt der Kürnacher Bürgermeister René Wohlfart (SPD). "Eine Begegnungsstätte zwischen Tieren und Kindern", lobt die Kürnacher Gemeinderätin Lea Nachtigall (Bündnis 90/Grüne)."Ein Pfund für Kürnach, ein Traum, dass wir das haben", sagt die Kürnacher Landtagsabgeordnete Kerstin Celina (Bündnis 90/Grüne). "Ein besonderer Ort für groß und klein", sagt die Vereinsvorsitzende Helga Ländner.

Doch damit enden die Gemeinsamkeiten, wenn es um das tierpädagogische Projekt in Kürnach geht. Mittlerweile sorgt es für erhitzte Gemüter in der rund 4500-Seelen-Gemeinde im Landkreis Würzburg. "Ich kann nicht glauben, dass so ein Projekt, so in den Dreck gezogen wird", sagt Ländner.

Zucht als Inhalt des tierpädagogischen Projekts

Beim tierpädagogischen Projekt der Schaffreunde Kürnach, einer Untergruppe des Vereins Kürnacher Geschichten, geht es darum, "Kindergartenkindern und Grundschülern die Möglichkeit zu geben, die Haltung und Pflege von Schafen und die damit verbundene Verantwortung zu vermitteln", heißt es auf der Homepage des Vereins. "Es ist mehr als ein Streichelzoo", erklärt der Bürgermeister Wohlfart. Die Kinder reinigen dabei beispielsweise auch die Ställe, füttern die Tiere oder gehen spazieren.

Bislang war auch die Zucht ein Inhalt des Projekts. Jedes Jahr wurden Lämmer geboren, vier Stück waren es heuer, drei von ihnen Böcke. Genau das sorgt nun für Wirbel. Denn die Böcke müssen, sobald sie geschlechtsreif sind, die Herde verlassen. "Für ein Projekt mit kleinen Kindern sind die Böcke nicht geeignet. Das kann ich nicht verantworten", sagt Ländner. Zu ungestüm und wild seien die Tiere. Außerdem wolle man Inzucht vermeiden. Zudem sollten noch zwei Mutterschafe die Herde verlassen. Sie seien extrem ängstlich, erklärt Länder. "Die springen über kleine Kinder einfach drüber."

Die Weidefläche ist zu klein für neun Schafe

Ein weiterer Punkt kam hinzu: Die  Tiere stehen auf einer Wiese nahe des Seniorenheims, die die Gemeinde zur Verfügung stellt. Zusätzlich unterstützt die Gemeinde das Projekt mit 1500 Euro jährlich. Gemäß des Tierschutzgesetzes bietet die Weide jedoch nur für vier Tiere Platz, aktuell sind es noch neun. Der Herde musste also verkleinert werden.

Die Schaffreunde wollten zunächst die fünf Tiere schlachten lassen. Auch im vergangenen Jahre seien die Böcke geschlachtet worden, das wussten alle im Gemeinderat, so Ländner: "Auf der Weihnachtsfeier haben wir sogar die Bratwurst angeboten und sie wurde auch von den Mitgliedern des Gemeinderates gegessen." Auch der Bürgermeister bestätigt: "Es war bekannt, dass die Tiere geschlachtet werden." Aber ob wirklich alle Kürnacher wussten, dass die Lämmer geschlachtet werden, bezweifelt Grünen-Politikerin Celina: "Die Frage bleibt, ob die Menschen wissen, welche Konsequenzen dieses Ausflugsziel hat."

"In diesem Jahr ist es definitiv so, dass kein Tier geschlachtet wird."
René Wohlfart (SPD), Bürgermeister von Kürnach

Schlachten von gesunden Tieren, für die 28-jährige Tatjana Rößler, die sich im Tierschutz engagiert, ist das nicht nachvollziehbar. "Ich fragte, ob ich den Tieren einen Lebenshof suchen kann, auf dem sie ihr Leben lang Schaf sein dürfen. Dem stimmte Frau Ländner zunächst zu." Das Angebot habe sie in einem Anruf  jedoch zurückgezogen. "Ich könne vergessen, die Tiere zu bekommen. Außerdem könne sie das nicht allein entscheiden", habe Länder in diesem Telefonat gesagt, so Rößler.

Aus Sorge, dass die Schafe nun doch geschlachtet werden, startet die gebürtige Lengfelderin eine Petition, wollte weiter, dass die Tiere auf einen Gnadenhof gebracht werden.  Mehr als 1000 Unterschriften sammelte Rößler, die inzwischen in Berlin lebt, auf diesem Weg. Allein 63 von ihnen aus dem Landkreis Würzburg.

Die Petition zeigt Wirkung

Die Debatte erhitzt auch in Kürnach viele Gemüter. Es sei eine sehr persönliche Entscheidung, in diesem Fall gebe es kein richtig oder falsch, es gebe verschiedene Sichtweisen, ordnet Bürgermeister Wohlfart die Diskussion ein. Auch bei den Eltern der Kindergartenkinder gebe es diese, ergänzt Gemeinderätin Nachtigall und betont: "Die darf es auch geben. Es gibt Eltern, die sind mit dem Schlachten der Tiere groß geworden und die es ganz normal finden. Andere Eltern haben eine neutrale Haltung, möchten aber nicht, dass es den Kindern bereits im Kindergartenalter vermittelt wird. Es gibt auch Eltern, die sich selbst fleischlos ernähren und für die es keine Notwenigkeit mehr darstellt, Tiere zu schlachten." 

Der unter anderem durch die Petition aufgebaute Druck zeigt Wirkung. Der Kürnacher Bürgermeister schaltet sich ein, vermittelt zwischen beiden Positionen. "Ich kann das Thema erst abschließen, wenn ich weiß, dass die Tiere, an einem sicheren Ort sind", sagt Rößler. Es wurden noch einmal verschiedene Optionen diskutiert und letztlich eine Lösung gefunden.

Fünf Tiere ziehen im November um

"In diesem Jahr ist es definitiv so, dass kein Tier geschlachtet wird", sagt Wohlfart. Im November kämen die drei Böcke auf einen Gnadenhof nach Nordrhein-Westfalen, die zwei Muttertiere in eine Einrichtung für Jugendliche in den Hassbergen. Die Orte habe sie selbst ausgewählt, so Ländner. "Sie können sich darauf verlassen, dass ich die Tiere dort unterbringe, wo es ihnen gut geht."

Doch auch wenn für heuer eine Lösung gefunden wurde, für Ländner ist das Thema damit noch nicht vom Tisch. Sie kann derzeit nicht sagen, ob und wie es mit Projekt weitergehen wird. Bleibt das Projekt bestehen wie bislang, steht man im kommenden Jahr vor dem gleichen Problem: Wohin mit den Böcken?

Bis zum Ende des Jahres erarbeiten die Schaffreunde nun ein entsprechendes Konzept, dass dem Gemeinderat vorgestellt wird. "Eine Option wäre das Projekt weiterzuführen, die Zucht dabei allerdings auszuklammern", schlägt der Bürgermeister vor. "Vielleicht hat das tierpädagogische Projekt die Möglichkeit mit der Bestandsherde zu arbeiten. Wir wissen hoffentlich zum Jahreswechsel, wie es weitergehen wird."

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