Würzburg

Der Bischof, der sich in die Wüste schickt

Franz Jung ist der künftige Bischof von Würzburg.
Foto: Patty Varasano | Franz Jung ist der künftige Bischof von Würzburg.

Die Karwoche war für Franz Jung in Speyer alles andere als ruhig. Letzte Entschlüsse unter seiner Führung als Generalvikar mussten getroffen, laufende Geschäfte beendet werden. Das hatte er nach seiner Ernennung zum Bischof von Würzburg am 16. Februar versprochen. Nach Ostern gönnt sich Franz Jung, der in seiner Freizeit gerne zeichnet, einige Urlaubstage. Danach geht er „ganz in die Stille“: eine tiefe spirituelle Vorbereitung auf seine Bischofsweihe am 10. Juni im Kiliansdom.

Ganz irdische Dinge wie Umzugskartons packen stehen allerdings auch noch auf seinem Programm für die nächsten Wochen, darüber hinaus der Abschied aus Speyer von seinen Mitarbeitern, von Bischof Wiesemann und vom emeritierten Bischof Schlembach, der vor 35 Jahren aus Unterfranken in die Pfalz gerufen wurde. Im Gespräch erzählt der promovierte Kirchenmann davon, was er nicht erledigen wird, was ihn in den vergangenen Wochen sehr berührt hat und dass er beinahe für immer freiwillig in die Wüste gegangen wäre.

Frage: Wie fühlen Sie sich angesichts des anhaltenden großen Interesses an Ihrer Person?

Franz Jung: Das ist eine ganz neue Situation für mich. Sonst war ich der Macher im Hintergrund, jetzt steht man als Repräsentant im Vordergrund– und das über Nacht.

Sie wurden ja von den Medien umlagert wie ein Popstar.

Jung: Das ist auf der einen Seite schön, denn man hat ganz andere Möglichkeiten, etwas zu transportieren. Dennoch habe ich auch Schwierigkeiten mit der totalen Fixierung auf die Person. Sie ist meist völlig losgelöst von anstehenden Sachproblemen – und vergleichbar mit einem Wahlkampf in der Politik. Da werden nicht zuallererst die Wahlprogramme angeschaut, sondern die Person. Erst später kommen inhaltliche Nachfragen.

Dann will ich mal kurz weg von Ihrer Person und nachfragen: Werden Sie sich, wie kürzlich in der südpfälzischen Stadt Kandel, nun öfter auch auf der politischen Bühne zu Wort melden. Dort haben Sie ein deutliches Zeichen gesetzt gegen die Instrumentalisierung des gewaltsamen Todes von Mia durch rechtsextreme Gruppen.

Jung: Es war eine sehr beklemmende, fast unerträgliche Situation im Ort. Deshalb hielten wir es vonseiten der Kirche für wichtig, Farbe zu bekennen, wenn Kandel zum Aufmarschort für Flüchtlingsgegner mit ihren rechtsradikalen Parolen wird. Kandel ist eben nicht überall – wie dort laut gerufen wurde. Der Tod von Mia vor einigen Monaten darf nicht für diese Gruppen missbraucht werden. Deshalb wollten wir die Familie unterstützen und auch schützen, damit aus ihrer Trauer keine allgemeine Kampagne gegen Flüchtlinge wird.

Ein Statement hat kürzlich auch der Echter Verlag in Würzburg mit seinem Buch „Christliches in der AfD“ gesetzt. Es enthält fast nur leere Seiten.

Jung: Ich glaube, es braucht ein differenziertes Urteil, wenn es um die AfD geht. Mir geht es nicht darum, die AfD zu verteufeln. Viele, die AfD wählen, sind Menschen, die ihren Protest, ihre Angst und ihre Not artikulieren wollen und die glauben, dass sie nicht ernst genommen werden. Es ist gefährlich für eine Demokratie, wenn der Eindruck entsteht, dass die Politik nicht mehr auf das hört, was die Menschen sagen. Vorverurteilungen und Pauschalierungen helfen nicht weiter.

Sie werden also auch als Bischof Ihre politische Meinung vertreten.

Jung: Wenn es erforderlich ist, werde ich mich zu Wort melden. Das ist auch die Aufgabe eines Bischofs. Dazu gehört manchmal auch, anderen zu zeigen: Ich nehme deine Position wahr und ernst, aber ich teile sie nicht.

Sie haben den Ruf, ein Mann zu sein, der auf Kommunikation setzt und klare Entscheidungen trifft– etwa in der Umsetzung der Pastoralreform. Diese Aufgabe ist im Bistum Würzburg noch nicht zu Ende gebracht.

Jung: Kommunikation heißt zunächst einmal die Bereitschaft, mit dem anderen in Dialog zu gehen. Meine Aufgabe als Generalvikar habe ich immer so gesehen, dass die Leitung Vorschläge macht. Diese Verantwortung hat sie aufgrund des Überblicks. Und da Veränderungen meist Verunsicherungen hervorrufen, muss auch ein Ziel formuliert werden. Das gibt Handlungssicherheit. Die Vorschläge der Leitung werden dann zur Diskussion gestellt, damit man gemeinsam darüber redet. Und wenn Probleme entstanden sind, muss man versuchen, diese, je nach Möglichkeit, in den weiteren Planungen zu berücksichtigen. Das haben die Menschen im Bistum Speyer honoriert. Sie haben gemerkt, da hört uns jemand zu – und es wird nachgebessert.

Nicht alle Vorschläge können wohl nachgebessert werden.

Jung: Wenn Veränderungen anstehen, gibt es das berühmte Drittel: Die einen gehen mit, die anderen sind unentschieden und der Rest dagegen. Das wird immer so sein, und es ist auch legitim zu sagen: „Ohne mich!“ Veränderungsprozesse machen nicht alle mit. Das kennt man ja auch aus dem eigenen Leben. Es ist eine Illusion zu denken, dass man immer alle gleichermaßen mitnehmen kann. Das Signal sollte aber sein: „Leute, wir reden!“

Also, auf nach Würzburg – reden!

Jung: Bevor Maßnahmen eingeleitet werden, möchte ich das Bistum kennenlernen. Erst dann ist es möglich festzustellen: Was sind die Fragen und die Herausforderungen – und die Lösungen? Außerdem haben sich im Bistum schon viele Leute Gedanken darüber gemacht, die weiterentwickelt werden können. Ich komme ja nicht als der große Heilsbringer.

Aber als ein Mann, der großes Interesse hervorruft – und wohl auch Hoffnungen weckt. Jedenfalls war der Dom voll bei Ihrem ersten Besuch vor wenigen Wochen in Würzburg. Über 1000 Menschen wollten Sie kennenlernen.

Jung: Es war sehr berührend für mich, dass so viele Menschen da waren. Als ich aus der Sakristei kam, dachte ich im ersten Moment: Oh! Das große Interesse freut mich. Das ist ja in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich.

Nicht selbstverständlich ist auch Ihre Aussage, dass Sie sich verheiratete Priester vorstellen können. Wäre das eine Lösung für den Priestermangel?

Er lacht gerne, ist weltoffen, sucht aber auch immer wieder die Stille: Franz Jung, der künftige Bischof von Würzburg.
Foto: Daniel Biscan | Er lacht gerne, ist weltoffen, sucht aber auch immer wieder die Stille: Franz Jung, der künftige Bischof von Würzburg.

Jung: Ich glaube, das Priesteramt in der katholischen Kirche war immer gut beraten mit dem Zölibat. Das ist eine gute Lebensform, auch in ihrer Entschiedenheit, ganz für eine Sache frei zu sein. Ich glaube nicht, dass verheiratete Priester alleine unser kirchliches Problem lösen würden.

Sie sprachen kurz nach ihrer Ernennung zum Bischof von Überforderung.

Jung: Damit war nicht Überarbeitung gemeint. Es geht um die vielen Ansprüche, die an dieses Amt herangetragen werden. Wie sich das gestaltet, wird sich zeigen. Es ist eine neue Rolle für mich. Die muss ich erst lernen.

Deshalb ziehen Sie sich nach Ostern zurück, um Kraft zu schöpfen und sich vorzubereiten?

Jung: Ich gehe nach Ostern in Exerzitien, tatsächlich ganz in die Stille. Danach nehme ich Abschied, unter anderem auch von der Komturei der Ritter vom Heiligen Grab Regina Coeli Speyer, mit denen ich gemeinsam eine Wallfahrt unternehme.

Sie gehören den Rittern seit 2012 an, sind Komtur. Aufgenommen wurden Sie von Großprior Reinhard Kardinal Marx. Was bedeutet Ihnen das?

Jung: Der Ritterorden ist eine geistliche Gemeinschaft, die die Erinnerung an den Ursprung unseres Glaubens wachhält: an das Heilige Grab in Jerusalem. Es gibt derzeit kaum jemand, der sich für die Christen im Heiligen Land so engagiert wie die Ritter und so solidarisch mit ihnen ist. Die christlichen Brüder und Schwestern dort stehen oft auf verlorenem Posten.

Sie sind nicht nur Ritter, sondern auch Mönch, zeitweise zumindest.

Jung: Und beinahe wäre ich auch ganz Mönch geworden, aber der Weg hat mich dann woanders hingeführt. Die Verbindung zu den monastischen Gemeinschaften von Jerusalem in Köln bedeutet mir sehr viel. Mehrmals im Jahr verbringe ich dort ein Wochenende. Die Schwestern und Brüder werden auch alle zur Weihe nach Würzburg kommen. Das freut mich sehr.

Warum zieht es Sie in die „Wüste der Großstadt“ beziehungsweise in die „Oase des Gebets“? So beschreiben sich die monastischen Gemeinschaften von Jerusalem, die es in mehreren Städten gibt, meist selbst.

Jung: Es ist die Kraft der Stille. Es gibt nichts Größeres. Vor dem Morgengebet gehen wir alle eine Stunde ganz in die Stille. Ich habe einmal gesagt: Diese Stunde rettet Leben. Wir verbringen diese Stille in Gemeinschaft, versuchen, ihr standzuhalten. Diese Stunde der Stille verbindet Menschen mehr miteinander, als wenn sie den ganzen Tag miteinander reden, auf Facebook chatten oder twittern. Verbindend ist auch das einfache Zusammenleben. Wir kochen, spülen und putzen zusammen. All dies möchte ich nicht missen. Und meiner künftigen Aufgabe wird dies auch guttun.

Sie schicken sich nicht nur ab und an selbst in die Wüste, sie beschäftigen sich seit vielen Jahren auch mit den sogenannten Wüstenvätern. Warum?

Franz Jung und Redakteurin Christine Jeske in Speyer
Foto: Markus Herr | Franz Jung und Redakteurin Christine Jeske in Speyer

Jung: Die Wüstenväter sind die Grundlage der abendländischen Spiritualität. Sie haben im dritten Jahrhundert in Ägypten gelebt und stehen für eine Theologie aus der Situation heraus. Erzählt werden kleine Geschichten, Begebenheiten aus dem Leben. Etwa, dass ein Mensch mit einem Problem zu einem Wüsten- oder Altvater kommt, um einen Rat bittet und eine Antwort erhält – eine, die ihm keine Lösung bietet, sondern zu denken gibt. Die Spiritualität der Wüstenväter ist nie moralisierend oder belehrend, sondern achtet immer die Freiheit des Gegenübers. Meist geht es um die Ehrlichkeit im Leben, um Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Das zweite ist: Es geht bei den Wüstenvätern auch darum, im Leben nicht wegzulaufen: Geh in deine Zelle, bleibe dort, lenk dich nicht ab – etwa mit Facebook oder Terminen – halte aus, bis sich ein Tor in deinem Leben öffnet und dir den Weg zeigt.

Hat sich in der Zelle in Köln Ihr Tor zum Leben geöffnet?

Jung: In Köln habe ich diesen Geist der Einfachheit entdeckt und die innere Haltung des Empfangens. Keiner kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht von Gott gegeben ist, wie es im Johannesevangelium heißt. Es macht sich keiner zum Priester und keiner zum Bischof. Es geht darum, diese Gaben zu empfangen, ein Leben lang auch geistlich darum zu ringen und diese inneren und äußeren Kämpfe im Leben durchzustehen – wie einst die Wüstenväter. Das fasziniert mich an ihnen.

Nun werden Sie bald zum Bischof geweiht – und müssen noch äußere Kämpfe bewältigen. Etwa die vielen Briefe beantworten, die Sie erhalten haben.

Jung: Das werde ich nicht schaffen. Die Glückwunschpost füllt mittlerweile mehrere Ordner. Und täglich werden es mehr. Ich freue mich sehr darüber, habe aber nicht die Zeit, allen Menschen persönlich zu antworten. Es war so viel Neues in den letzten Wochen, ich hatte so viel im Kopf. Und freue mich jetzt – bei allem Abschiednehmen – auf meine neue Aufgabe.

Werdegang von Franz Jung

Der 89. Bischof von Würzburg wurde am 4. Juni 1966 in Mannheim geboren und wuchs in Ludwigshafen mit zwei Schwestern und einem Bruder auf. Seine Mutter war Lehrerin, sein Vater freier Grafiker und Kunsterzieher, das Elternhaus religiös.

In Rom weihte ihn Bischof Franz Kamphaus am 10. Oktober 1992 zum Priester. 2001 beginnt seine Zeit als Kaplan in der Dompfarrei Speyer; zugleich als Sekretär von Bischof Anton Schlembach.

Die Ernennung zum Leiter der Abteilung Gemeindeseelsorge des Bischöflichen Ordinariats erfolgte 2003; 2007 wurde Franz Jung zusätzlich Leiter des Referats „Klösterliche Verbände“.

Im November 2008 wurde er in das Speyerer Domkapitel aufgenommen und im Januar 2009 von Bischof Karl-Heinz Wiesemann zum Generalvikar berufen.

Am 10. Juni wird Franz Jung im Würzburger Kiliansdom zum Bischof geweiht und ins Amt eingeführt. Beginn ist um 14 Uhr. Die Weihe wird durch den Bamberger Erzbischof und Metropolit Ludwig Schick als Hauptkonsekrator sowie den Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann und Bischof emeritus Friedhelm Hofmann, dem Vorgänger Jungs, vollzogen. cj

 
 
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