Würzburg

Der Finger und seine Missverständnisse: Wohin zeigst du?

Zeigegesten sind hilfreich, werden aber oft gar nicht richtig verstanden. Warum? Psychologe Dr. Oliver Herbort erforscht, wie mit dem Fingerzeig weniger schief läuft.
Den Fingerzeig richtig deuten: Wie es geht und warum das gar nicht so leicht ist, erklärt Psychologe Dr. Oliver Herbort.
Foto: Thomas Obermeier | Den Fingerzeig richtig deuten: Wie es geht und warum das gar nicht so leicht ist, erklärt Psychologe Dr. Oliver Herbort.

Da, siehst du?“ – „Wo?“ – „Da.“ „Hä, wo?“ – „Na da!“ – Wenn es um entfernte und unauffällige Objekte geht, stößt auch der Fingerzeig an seine Grenzen. So hilfreich Gesten mit Arm und Finger sind, sie können erstaunlich oft zu Missverständnissen führen. Weil die Gesten unterschiedlich interpretiert werden, sagt Psychologe Dr. Oliver Herbort von der Universität Würzburg. In einem neuen Forschungsprojektwill er mit seinem Team am Lehrstuhl für Kognitive Psychologie herausfinden, welche Faktoren die räumliche Interpretation von Zeigegesten beeinflussen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG fördert das Projekt, im März soll es losgehen.

Frage: Sogar die „ZEIT“ hat neulich über Ihr neues Forschungsprojekt berichtet. Allerdings unter der kleinen Rubrik „Halbwissen“. Was ist denn das ganze Wissen hinter der Fingerzeige-Forschung? Worum geht es?

Dr. Oliver Herbort: Wir untersuchen, wie Menschen die Zeigegesten anderer Menschen interpretieren. Eine Person x zeigt irgendwo hin, eine Person y betrachtet das aus einer bestimmten Perspektive. Was glaubt Person y, wohin Person x zeigt? Das klingt erst mal einfach und man hält das für selbstverständlich. Gucken, zeigen: Klar, wir haben sofort eine Idee, wo das sein könnte. Aber wenn man sich überlegt, was unser Gehirn dafür leisten muss, ist das ein ziemlich komplizierter Prozess. Das Gehirn muss aus der Orientierung von Arm und Finger im Raum oder der Blickrichtung ausrechnen, was gemeint ist. Wir wollen untersuchen, wie diese Übersetzung aussieht.

Gekonnt zeigen: Psychologe Dr. Oliver Herbort interessiert sich für Gesten - und ihre Interpretation.
Foto: Thomas Obermeier | Gekonnt zeigen: Psychologe Dr. Oliver Herbort interessiert sich für Gesten - und ihre Interpretation.

Wie kommt man denn auf Fingerzeige-Forschung? Was interessiert Sie als Psychologe daran?

Herbort: Zugegeben, das war relativ zufällig. Mich interessieren generell menschliche Bewegungen, oder genauer gesagt die Frage: Wie steuert das Gehirn den Körper? Das Fachgebiet heißt Psychomotorik. Wir nehmen alltägliche Bewegungen als ganz selbstverständlich hin. Aber dahinter stehen sehr komplexe Prozesse im Gehirn. Allein in unserem Arm stecken über 40 Muskeln, die koordiniert sein müssen, wenn man zum Beispiel etwas greifen möchte. In diesem Zusammenhang untersuche ich auch Zeigegesten, die ja auch Bewegungen sind. Zeigegesten sind interessant, weil man sie ständig verwendet und sie ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Kommunikation sind. Sie machen fast jede Art von Kommunikation effizienter. Auch beim Spracherwerb spielen sie eine Rolle. Wenn Kinder Wörter lernen, zeigen sie auf Sachen, die Eltern sagen, was es ist. Zeigegesten sind wirklich eine Grundlage menschlicher Kommunikation.

Überall auf der Welt? In allen Kulturen?

Herbort: Halb, halb. Fingerzeige sind sicher etwas Universelles. Kindern fangen in allen dahingehend untersuchten Kulturen ungefähr im Alter von einem Jahr an zu zeigen. Was dazu kommt, sind Nuancen bei Erwachsenen. Was man auf jeden Fall sagen kann: Zeigegesten werden überall auf der Welt verstanden. Sich mit Händen und Füßen, also auch mit Zeigegesten, verständlich zu machen, wird überall funktionieren. Dazu kommen dann aber kulturelle Unterschiede: Manche Gesellschaften würden nicht so häufig und deutlich mit dem Arm und dem Finger zeigen wie wir, sondern zum Beispiel eher mit Lippen oder Nase. Und in manchen Kulturen haben Zeigegesten, je nach Körper- und Handhaltung, unterschiedliche Bedeutungen. Was eben nicht gut verstanden ist, wie Menschen die Zeigegesten anderer Menschen interpretieren.

Wohin genau zeigt der Finger? Nicht so einfach . . .
Foto: Thomas Obermeier | Wohin genau zeigt der Finger? Nicht so einfach . . .

Kann man denn so viel falsch interpretieren?

Herbort: Jedenfalls sind unsere Interpretationen oft nicht richtig. Bei offensichtlichen Sachen ist die Zeigegeste unheimlich wirkungsvoll und hilft sehr in der Kommunikation. Wenn man jemandem den Weg erklärt, hilft es natürlich, dabei in die Richtung zu zeigen. Aber es gibt Situationen, in denen die Zeigegesten erstaunlich schlecht funktionieren und nicht mehr wirkungsvoll sind, obwohl man sich gerne auf sie verlassen würde. Wenn Sie probieren, jemandem einen Stern am Nachthimmel oder beim Wandern ein Murmeltier an der Felswand zu zeigen, richtet diese Person ihre Aufmerksamkeit sehr wahrscheinlich auf die falsche Stelle. Wir wollen herausbekommen, welche Stelle das dann ist.

Wie kommt es zu solchen Missverständnissen?

Herbort: Zeigegesten werden oft relativ systematisch falsch interpretiert. Dies liegt zum Beispiel an den unterschiedlichen Perspektiven. Wir wollen jetzt systematisch untersuchen, wie der Blickwinkel die Interpretation beeinflusst.

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Sie sprechen davon, dass der, der etwas gezeigt bekommt, die Geste falsch interpretiert. Müsste der, der zeigt, dann nicht was besser machen?

Herbort: Natürlich sind beide dafür zuständig, dass man sich versteht. Das Schöne am Zeigen ist ja, dass man es ganz intuitiv macht. Und es funktioniert ja auch oft gut. Wenn man überlegt, was macht man: Man streckt seinen Arm aus und legt seinen Zeigefinger ungefähr an den Ort im eigenen visuellen Feld, wo das zu zeigende Objekt ist. Wer aber jetzt zum Beispiel zwei Meter weiter entfernt neben einem steht, sieht den Arm von der Seite. Eigentlich müsste er die Linie von den Augen über den Finger verlängern. Aber die Richtung, die Arm und Finger vorgeben, ist so ein starker visueller Reiz, dass man sie unwillkürlich als Referenz nimmt. Was dazu führt, dass man den gezeigten Ort als tendenziell zu hoch einschätzt. Bei einem Abstand von nur vier Metern verschätzt man sich in einer solchen Situation durchschnittlich um etwa 40 Zentimeter.

Könnte und müsste man genauer zeigen? Haben Sie einen Tipp?

Herbort: Man könnte in so einer Situation als Zeigender einfach ein bisschen weiter nach unten deuten, als es einem richtig erscheint. Aber es hilft auch schon zu wissen, dass man sich weniger auf die eigene Zeigegeste verlassen kann als man selbst vielleicht vermutet und man deshalb den gezeigten Ort auch gleich beschreibt – und nicht wartet bis man merkt, dass die andere Person die Zeigegeste nicht wie erwartet interpretiert.

Und da kommt Ihr Projekt ins Spiel?

Herbort: Das Ziel ist, eine Formel zu entwickeln, die den Zusammenhang zwischen der Interpretation einer Zeigegeste und der Körperstellung des Zeigers, der Perspektive des Betrachters, und weiteren Faktoren abbildet. Die Formel soll natürlich keiner im Kopf haben, um besser zu zeigen. Es gibt aber zum Beispiel immer mehr Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen, virtuellen Agenten oder Robotern. Da wäre es praktisch, wenn der Roboter auf verständliche Art und Weise zeigt – also anders, als es der Mensch selbst machen würde. Also eine Art benutzerfreundliches Zeigen. Bislang haben wir vor allem untersucht, wie es zu den Missverständnissen kommt. Jetzt geht es um die vielen weiteren Faktoren. Was ist, wenn der Finger einen anderen Winkel hat wie der Arm? Welche Rolle spielt es, dass wir es oft nicht schaffen, eine Linie gerade zu verlängern? Das wollen wir jetzt detaillierter untersuchen.

Ziel des neuen Forschungsprojekts: Die Formel für den perfekten Fingerzeig.
Foto: Thomas Obermeier | Ziel des neuen Forschungsprojekts: Die Formel für den perfekten Fingerzeig.

Das macht sonst keiner auf der Welt, oder?

Herbort: Das würde ich so nicht behaupten. Es gibt viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit Zeigegesten auseinandersetzen, sowohl in der Psychologie als auch in der Informatik, wenn es um Mensch-Maschine-Interaktionen geht. Es wird zum Beispiel untersucht, wie Kinder Zeigegesten nutzen, wie sie sich in unterschiedlichen Kulturen unterscheiden, oder welche Rolle sie im Unterricht spielen. Aber es stimmt schon: Die Frage der räumlichen Interpretation ist weniger im Fokus, vor allem im Vergleich zur komplementären Frage: Wie kann ein Computer wissen, wohin ein Mensch zeigt?

Die „ZEIT“ hat in ihrer Halbwissen-Meldung über den Wink mit dem Zaunpfahl gewitzelt. Fanden Sie das nett oder hat Sie's geärgert?

Herbort: Die Meldung von der „ZEIT“ fand ich eigentlich eher positiv. Ich hatte da ein bisschen pointierte Kritik befürchtet. Und als jemand, der Greifbewegungen untersucht, bin ich es natürlich gewohnt, dass nicht jedem sofort klar ist, was es da alles zu untersuchen gibt. Antwort: ganz viel! Mit dem Wink mit dem Zaunpfahl jedenfalls haben Zeigegesten nichts zu tun. Fingerzeige und Sprache ergänzen sich, das macht unsere Kommunikation effizienter.

Probanden gesucht: Wer an Untersuchungen des Psychologischen Instituts der Uni Würzburg teilnehmen möchte, kann sich anmelden aufwww.i3.psychologie.uni-wuerzburg.de. In der Regel gibt es eine Aufwandsentschädigung.

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