Auch wenn ihn ein japanischer Gast tatsächlich schon einmal für den Heiligen Geist persönlich gehalten hatte. Soweit würde niemand gehen, wenn er Heinrich Bauer beschreiben sollte. Aber ein guter, sogar ein sehr guter Geist des Bürgerspitals zum Heiligen Geist war er allemal in den letzten fast 40 Jahren. So lange hatte er die Leitung des Weinladens und der kleinen Weinschänke. An diesem Samstag hat Heinrich Bauer dort seinen letzten Arbeitstag und geht in den Ruhestand. Damit geht eine Ära zu Ende, weil für viele Weinkäufer aus aller Welt, vor allem aber für Weintrinker aus der Stadt und auch Touristen das Bürgerspital seit nahezu zwei Generationen eng mit dieser Persönlichkeit, einer der markantesten Würzburgs, verbunden ist. Er verkörpert wie kaum einer noch den echten, knorrigen fränkischen Charme.
Das sieht auch Weingutsleiter Robert Haller so. Er bekennt zum Abschied von Heinrich Bauer nicht nur seine hohe Wertschätzung für die besondere Atmosphäre von Laden und Stehausschank an der Ecke Semmelstraße/Theaterstraße („beides müsste unter Denkmalschutz gestellt werden“), sondern auch zum langjährigen Leiter. „Einen Heinrich Bauer gibt es nur einmal“, sagt er, dieser sei nicht austauschbar. Damit meinte er Bauers „süffisanten Humor, den kantigen, sehr sympathischen fränkischen Typ“. Das passt zusammen: „Wir wollen ja auch keinen aalglatten Wein verkaufen“.
Fränkisch bodenständig waren auch andere Eigenschaften, die Haller noch hervorhebt. So sei es einmalig, wenn sich jemand vier Jahrzehnte lang mit soviel Leidenschaft dem Weinverkauf hingibt, da stecke viel Disziplin dahinter. Tatsächlich war Bauer für die Mitarbeiter vorbildlich, wenn er morgens der erste und abends der letzte im Laden war.
Heinrich Bauer ist zeitlebens dem Wein eng verbunden. Aus einer Winzerfamilie in Thüngersheim stammend, kannte er die Arbeit im Wengert und im Keller schon als Kind. Bevor er zum Bürgerspital kam, lernte er als Weinkaufmann und ist deshalb insgesamt schon fast 50 Jahre im Berufsleben. Das Bürgerspital hat ihn dann aber geprägt. Nicht nur, dass er mehrere Führungsspitzen im Bürgerspital erlebte, auch die Ansprüche der Kunden an den Wein änderten sich wellenartig. Immer verstand es Bauer darauf einzugehen. Bei „besonderen“ Kundenwünschen konnte er sich freilich fein-hintersinnige Kommentare nicht immer verkneifen. Oft wurde auch nur der hellhörig und konnte verstehen, wer ihn näher kennt.
„Wenn ich zu jemandem ungehobelt war, tut es mir leid“
Heinrich Bauer, Leiter des Bürgerspital-Weinladens mit Weinschänke
Im Bereich des Stehausschanks, wo Bauer und seine Mitarbeiter wohl die illusterste Gesellschaft Würzburg in einer einmaligen Atmosphäre bediente, kamen seine besonderen Eigenschaften zur Hochform. Hier treffen Rentner, Geschäftsleute, hochrangige Beamte, Professoren, Journalisten, Kanalarbeiter und Büroangestellte aufeinander. Ein oder mehrere gute Schoppen vereinen sie. Da war Heinrich Bauer immer ein scharfer Beobachter, seine Kommentare blitzten aus den Augenwinkeln. Er konnte verschmitzt über komische Situationen lächeln und grimmige Pfeile aussenden, wenn einer über den Durst getrunken hatte oder sonst wie nicht in die Gesellschaft passte. So war er halt. Und so hatte er den Laden, was nicht immer leicht war, fest im Griff.
Zahlreiche Geschichten ranken sich um die Person des „Heinrich“, der wegen seiner zahlreichen ausländischen Kunden im Weinladen an der Volkshochschule Kurse in Englisch und japanisch belegt hat. Da lieferte der humorvoll trockene Franke bei Verkaufsgesprächen schon gelegentlich filmreife Dialoge ab. Genauso wie eine Reihe von Weinproben unter seiner Führung als legendär gelten.
Auch wenn er wenige Tage vor seinem Abschied selbst sagt, er werde wohl die Betriebsamkeit und den Publikumsverkehr vermissen, legt er großen Wert darauf, mit 63 Jahren selbst den Schnitt zu machen. 50 Jahre sind genug, so Bauer, die Gesundheit habe gelitten und ihm Zeichen gegeben. Jetzt aufzuhören ist für ihn auch seine Art von Verantwortung für sich und den Betrieb. Wenn er so nachdenklich wird, zeigt er auch seine sehr sensible Seite. „Wenn ich zu jemandem ungehobelt war, tut es mir leid“, das möchte er noch loswerden. Dann setzt er noch ein Dankeschön an seine Frau Kunigunde obendrauf, denn im Rückblick spürt er ganz genau, dass sie durch sein berufliches Pflichtbewusstsein und die vielen Überstunden sehr viel hinnehmen musste.
Jetzt hat er dann endlich Zeit in seinem Haus in Veitshöchheim mit Frau, Tochter und zwei Enkeln und großem Garten. Für den Ruhestand hat er sogar ein eigenes große Dachzimmer, wo er endlich seine Märklin-Eisenbahn wieder aufbauen könnte.