Würzburg

Der Mann, der die Pizza nach Deutschland brachte, ist tot

Nico di Camillo mit Frau Janina.       -  Nico di Camillo mit Frau Janina.
Foto: Herbert Kriener | Nico di Camillo mit Frau Janina.

Er gilt als der Mann, der die Pizza nach Deutschland gebracht hat. Nun ist Nicolino di Camillo im Alter von 93 Jahren gestorben. Sein Denkmal hat sich der Mann aus den Abruzzen selbst geschaffen: die 1952 eröffnete „Blaue Grotte“ in der schmalen Elefantengasse im Würzburger Petererviertel. Als älteste Pizzeria Deutschlands ist sie ein Stück Gastronomie-Geschichte.

„Würzburg ist stolz, den ersten Pizzabäcker in Deutschland gehabt zu haben. Di Camillo war für die Gastronomie hierzulande ein wichtiger Impulsgeber“, sagt Michael Berghammer, Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes. „Heute gehört die Pizza zur gastronomischen Kultur in Deutschland. Mit ihr holt man sich ein Stück Urlaubsfeeling hierher.“


Nick di Camillo heißt eigentlich Nicolino. Als junger Mann hatte er mit dem Kriegsende seine Heimat Villa Magna bei Chieti in den Abruzzen verlassen. Dort hatte er als Textilverkäufer gearbeitet, und seine Vorliebe für elegante Mode hat ihn sein Leben lang begleitete.

 



Erste Pizza auf Kuchenblech

Mit einer amerikanischen Einheit  war er nach Nürnberg gekommen und hatte in der Küche eines amerikanischen Clubs in Fürth Arbeit gefunden. Die Amerikaner nannten ihn der Einfachheit halber Nick. Seine Arbeit brachte den Italiener hin und wieder ins Nürnberger Opernhaus, dessen Foyer die Amerikaner beschlagnahmt hatten, um dort Filme zu zeigen.

In der Oper lernte Nick die blutjunge Janine Schmitt aus Würzburg kennen, die hier ihre erste Anstellung als Balletteuse gefunden hatte. Es funkte zwischen den beiden. Bei einem Besuch der Eltern in Würzburg Anfang der 1950er Jahre kam dann der Gedanke auf, mit einem kleinen Restaurant eine gemeinsame Existenz zu begründen.

Ein wagemutiger Plan, denn die Stadt lag damals noch in Trümmern, und die  Not bestimmte den Tagesablauf. Doch Nick di Camillo ließ sich nicht mehr von seinem Weg abbringen. Und so machte er sich bei einem Besuch in der Heimat schlau, was man für ein Restaurant benötigt. In der Zwischenzeit hatte Janines Vater Max ein geeignetes Objekt ausfindig gemacht: Das „Uffenheimer Braustüble“ in Würzburg. Der eingeschossige Bau in der Elefantengasse stand wie eine kleine Insel inmitten von Ruinen.

Die jungen Leute stürzten sich in ihr Abenteuer, und am 24. März 1952 eröffneten sie ihre „Bier- und Speisewirtschaft“ mit dem Zusatznamen Capri. Die Insel am Golf von Neapel hat Nick selbst erst einige Jahre später kennen gelernt, „aber Capri war und ist halt für viele der Inbegriff Italiens“. Auf die Außenwand seines Lokals ließ der junge Wirt „Sabbie di Capri“ schreiben. Sand von Capri – das sollte eine Verbindung sein von Italien zur Sanderstraße, erzählte Nick di Camillo einmal.

Weil es im Würzburg dieser Tage wenig zu kaufen gab, schon gar keine sündhaft teuren, 48 Zentimeter langen Spaghetti, ließen sich die jungen Unternehmer über einen Hamburger Importeur mit dem Nötigsten eindecken. Viel wurde auch improvisiert. Die erste Pizza wurde auf einem Kuchenblech im alten Gasbackofen gebacken. Drei Mark hat sie gekostet, das Glas Bier inbegriffen.

Der Umsatz am ersten Tag war nicht gerade berauschend: 27 Mark Einnahmen zählte Nick, doch schon am zweiten Tag waren es 130 Mark. Das Capri wurde zum Renner. Zunächst freilich nur bei Amerikanern, die vor allem Nicks „Spaghetti mit Meatballs“ nach einem Rezept aus den Abruzzen liebten. Die Würzburger, von denen sich nach dem Krieg nur wenige das Essengehen leisten konnten, brauchten noch ein paar Jahre, um auf den Geschmack zu kommen.

Rasch verbreitete sich der Ruf des Lokals, und auch mit Deutschland ging es aufwärts. So konnte sich Nick di Camillo schon 1956 an eine Erweiterung des Lokales machen, das er kurz zuvor gekauft hatte. In vielen Stunden Handarbeit schuf er, unterstützt vom Orthopäden Willi Haas, im Keller auf einem Holzgerüst mit Pappmaché eine Nachbildung der berühmten „Blauen Grotte“ mit einer „echten“ Gondel als Theke. Nun wurde das Capri endgültig Kult.
 

Die „Blaue Grotte“ war Kult

Viele bekannte Schauspieler und Musiker wie Bernhard Wicki oder der Geiger Helmut Zacharias kehrten hier nach ihren Auftritten in Würzburg ein. Auch die Söhne von Bing Crosby waren zu Gast. Hier saßen Künstler wie Luigi Malipiero, Joachim Schlotterbeck oder Veit Relin bei manch froher Stunde. Doch berühmt oder nicht: Zu all seinen Gästen pflegte Nick di Camillo immer ein persönliches Verhältnis. „Du und deine Spaghetti realisieren der Welt größtes Gottesgeschenk – Italien“, schrieb Zacharias einst ins Gästebuch.
Anfang der 1970er Jahre hat Nick di Camillo das „Capri“ an seinen  Bruder Giuseppe Peppino verpachtet. Er selbst eröffnete am Dominikanerplatz die „Pizzeria Bologna“. 1981 ging er in den Ruhestand und fand im Golfspiel ein Hobby. Die Frage, ob er  Kinder hat, beantwortete er gerne mit einem verschmitzten „Noch nicht“. Nico di Camillo war in Würzburg und in seiner Heimat eine geschätzte Persönlichkeit. Für seine völkerverbindende Leistung wurde ihm die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland verliehen, auch der italienische Staat ehrte ihn schon zu Lebzeiten. Jetzt ist der Pionier der Pizza endgültig gegangen. Arrivederci.
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