Würzburg

Diskriminierungssensibel und gendergerecht: Wie die Redaktion künftig formuliert

Die Redaktion hat ihre Leitlinien erweitert und Regelungen erarbeitet, die ab jetzt gelten. Chefredakteur Michael Reinhard erklärt, wie es dazu kam und was sich ändert.
Die Redaktion der Mediengruppe Main-Post hat intensiv und kontrovers über gendergerechte Sprache und diskriminierungssensible Berichterstattung diskutiert - und sich neue Vorgaben gegeben.
Foto: Ivana Biscan | Die Redaktion der Mediengruppe Main-Post hat intensiv und kontrovers über gendergerechte Sprache und diskriminierungssensible Berichterstattung diskutiert - und sich neue Vorgaben gegeben.

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Woran denken Sie, wenn in einem Bericht von zwei Polizisten die Rede ist? An Männer? Oder an männliche und weibliche Einsatzkräfte? Wenn Sie beim Lesen Männer vor Augen haben, dann geht es Ihnen wie den meisten Menschen. Sie verbinden mit dem generischen Maskulinum eher männliche Wesen in Uniform. Das zeigen zahlreiche Studien. Kein Wunder also, dass sich Frauen und all jene, die nicht der heterosexuellen Geschlechternorm entsprechen, im besten Fall nur mitgemeint fühlen – wenn überhaupt.

Untersuchungen belegen die Folgen rein männlicher Bezeichnungen eindrucksvoll: Frauen werden beispielsweise als nicht so relevant wie Männer wahrgenommen. An der Freien Universität Berlin ist nachgewiesen worden: Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden, also sowohl die männliche als auch die weibliche Form genannt sind, schätzen Kinder typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen.

Sprache bildet nicht nur die Wirklichkeit ab, sie schafft auch Realitäten. Wir Journalistinnen und Journalisten der Mediengruppe Main-Post haben in dieser Frage eine große Verantwortung und wichtige Vorbildfunktion. Wir halten es für unsere Pflicht, Texte so zu formulieren, dass sich alle Leserinnen und Leser angesprochen fühlen.

Eine intensive und kontroverse Diskussion in der Redaktion

Unsere Redaktion hat deshalb ihre journalistischen Leitlinien erweitert und Vorgaben für diskriminierungssensible Berichterstattung und gendergerechter Sprache erarbeitet. Diese gelten von heute an. Ich möchte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gerne erläutern, wie es dazu kam und was sich künftig ändern wird.

Uns war und ist bewusst, wie stark das Thema gendergerechtes Formulieren polarisiert. Eine Mehrheit der Deutschen lehnt Gender-Sternchen, Doppelpunkt und Binnen-I laut Umfragen ab. Der  CDU-Politiker Friedrich Merz hat sogar laut über ein Verbot nachgedacht. Die Befürworter verweisen unter anderem darauf, dass Gendersensibilität für die Gleichberechtigung unabdingbar sei, weil Sprache unser Denken präge - und umgekehrt. 

Die Redaktion hat in den vergangenen Monaten intensiv, kontrovers, respektvoll und wertschätzend darüber diskutiert, was genau diskriminierungssensible Berichterstattung für uns bedeutet und wie wir sie in unsere Arbeit integrieren wollen. Inhaltliche Vorschläge dazu hat eine redaktionelle Arbeitsgruppe geliefert. Ziel der Redakteurinnen und Redakteure war es, nicht nur eine Haltung zu Geschlechtergerechtigkeit zu definieren, sondern auch zu sexualisierter Gewalt und rassistischer Diskriminierung.

"Uns war es wichtig, einerseits ein Zeichen zu setzen für mehr sprachliche Gerechtigkeit und andererseits mit unserer Initiative niemanden vor den Kopf zu stoßen."
Chefredakteur Michael Reinhard

Uns war es wichtig, einerseits ein Zeichen zu setzen für mehr sprachliche Gerechtigkeit und andererseits mit unserer Initiative niemanden vor den Kopf zu stoßen. Denn aus der Psychologie wissen wir: Menschen verweigern sich gewissen Positionen oft nicht aus inhaltlichen Gründen. Ihre Ablehnung resultiert eher aus dem Gefühl heraus, dass sie sich bevormundet fühlen. Die Ansichten darüber, wie beide Ziele am besten erreicht werden können, gingen in der Redaktion auseinander. Einen kleinen Eindruck von den unterschiedlichen Positionen spiegeln die persönlichen Stellungnahmen von Kolleginnen und Kollegen.

Der Kompromiss: Wie wir künftig formulieren

Am Ende unserer Debatten steht nun ein Kompromiss: Wir haben uns entschieden, künftig geschlechtergerechte Schreibweisen zu verwenden, um Menschen sichtbarer zu machen, die kein Mann sind. Wir verzichten jedoch in eigenen Texten auf Gender-Konstruktionen wie Sternchen, Doppelpunkt und Binnen-I. Als Standard verwenden wir Doppelnennungen (Beispiel: Lehrerinnen und Lehrer) und Synonyme (Beispiel: Lehrkräfte). Wenn der Platz knapp ist (etwa in Überschriften), bemühen sich die Journalistinnen und Journalisten um Alternativen, schließen das generische Maskulinum aber nicht aus. Wenn in Ausnahmefällen Gender-Konstruktionen veröffentlicht werden, dann weisen wir am Ende des Textes darauf hin, warum das so ist (siehe dazu auch unsere FAQ).

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Diskriminierungspraxen wie Rassismus, Antisemitismus, Ausgrenzung und Sexismus können durch Sprache normalisiert, verfestigt und reproduziert werden. Wir vermeiden deshalb, gesellschaftliche Gruppen oder Einzelpersonen durch unsere Sprache zu diskriminieren und hinterfragen in unserer journalistischen Arbeit aktiv unseren Umgang mit Rassismen, Sexismus und anderen Diskriminierungsformen. Menschen, die aufgrund ihres Alters, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, Religion, Herkunft oder sonstiger Umstände des Schutzes bedürfen, schützen wir in angemessener Weise. Besonderes Augenmerk haben wir dabei auf Kinder und Jugendliche.

Unsere Entscheidung haben wir übrigens in enger Abstimmung mit den Kolleginnen und Kollegen der Augsburger Allgemeinen getroffen. Die Zeitung gehört wie die Main-Post zur Augsburger Mediengruppe Pressedruck. Beide Chefredaktionen haben sich auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt. Das ist deshalb sinnvoll, weil es im Alltag bei der überregionalen Berichterstattung eine enge Zusammenarbeit gibt.

Was die Nachrichtenagenturen entschieden haben

Unser Vorgehen deckt sich weitgehend mit der Entscheidung deutschsprachiger Nachrichtenagenturen. Diese haben kürzlich vereinbart, sprachlich auf „behutsame Anpassungen“ zu setzen und auf Sonderzeichen zu verzichten. „Die Sprache ist historisch gewachsen und verändert sich nicht sprunghaft“, heißt es in einem gemeinsamen Papier. Die sprachliche Entwicklung solle beobachtet und regelmäßig neu bewertet werden. Es müsse abgewartet werden, welche der unterschiedlichen Zeichen sich durchsetzen. „Bislang entsprechen sie auch weder dem amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung noch dem allgemeinen Sprachverständnis beziehungsweise der allgemeinen Sprachpraxis“, so das Papier.

Ich teile die Ansicht des Berliner Soziologen Steffen Mau, liebe Leserinnen und Leser, der im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" die Ansicht vertreten hat: "Insgesamt ist die Gesellschaft viel weiter, als es in der Debatte scheint."

Wie sehen Sie das? Schreiben Sie Ihre Meinung an red.chefredaktion@mainpost.de.

Herzlichst, Ihr Michael Reinhard

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