Würzburg

Dr. Helds Corona-Tagebuch: Wie wirtschaftlich muss Medizin sein?

Die Pandemie belastet Kliniken, auch finanziell. Klatschen allein hilft nicht. Dr. Matthias Held, Ärztlicher Direktor am Klinikum Würzburg Mitte, fordert ein Umdenken.
'Wenn man monatelang um das Leben eines Patienten gerungen hat, ist es absurd, im Nachhinein die Fallschwere begründen zu müssen', sagt Dr. Matthias Held, Ärztlicher Direktor am Klinikum Würzburg Mitte.
Foto: Fabian Gebert | "Wenn man monatelang um das Leben eines Patienten gerungen hat, ist es absurd, im Nachhinein die Fallschwere begründen zu müssen", sagt Dr. Matthias Held, Ärztlicher Direktor am Klinikum Würzburg Mitte.

Die neue Woche hat insgesamt sehr erfreulich begonnen: Wir hatten am Montagmorgen im Klinikum Würzburg Mitte nur noch zehn Corona-Patienten, bei zwei Verdachtsfällen warten wir noch auf das Testergebnis. Auf der Intensivstation liegen derzeit keine Covid-Erkrankten. Deshalb werden wir nun wie geplant schrittweise die Corona-Isolierstation verkleinern. Das schafft wichtige Freiräume für die Behandlung anderer Patienten. Auch können wir an beiden Standorten den OP-Betrieb wieder erweitern.

Trotz dieser guten Entwicklung prägt die Pandemie den Klinikalltag natürlich weiterhin. Das zeigt das Beispiel einer Patientin, die an der Gallenblase operiert werden muss. Der Eingriff ist dringend. Das Problem: Die Frau hat ein kleines Kind, das sie selbst betreuen muss – aber im Krankenhaus gilt das Corona-Besuchsverbot. Das war für die Patientin eine belastende und kaum lösbare Situation. Wir haben jetzt beschlossen, dass sie mit ihrem Mann und dem Kind am Standort Juliusspital aufgenommen und dort operiert wird.

Lesen Sie auch:

Gefreut hat mich auch der Start einer neuen klinischen Studie – für uns wieder ein Stück mehr Normalität. Es geht dabei darum, neue Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit der seltenen Erkrankung Sarkoidose zu finden. Die Betroffenen leiden häufig unter Lungenhochdruck, es gibt aber bisher keine zugelassene Therapie.

Nachdenklich macht hingegen das Thema Ökonomisierung – gerade in der Pandemie. Ich habe gerade mit einer Mitarbeiterin unserer Abrechnungsstelle über einige Patienten diskutiert, die hier auf der Intensivstation beatmet wurden. Es ging dabei um Nachfragen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen zu Aspekten der Behandlungen, ihrer Abbildung und Vergütung. Solche Nachfragen muten grotesk an, wenn man vor Augen hat mit welchem Einsatz alle für Patientenleben kämpfen.

Held: Eine andere gesellschaftliche Haltung zu Medizin und Pflege ist dringend nötig

Dieses Gespräch passt exakt zur aktuellen Debatte um die Wertschätzung des Medizinsystems in Corona-Zeiten. Wenn man monatelang um das Leben eines Patienten gerungen hat, ist es absurd, im Nachhinein die Fallschwere begründen zu müssen. Da kann man nur sagen: Es freut uns sehr, dass in den vergangenen Monaten viele Menschen für Pfleger und Ärzte geklatscht haben – aber was wir wirklich brauchen, ist eine andere gesellschaftliche Haltung zu Medizin und Pflege. Medizinische Strukturen müssen effizient sein, dürfen aber von außen nicht ständig unter dem Gebot der Kostenersparnis stehen.

Lesen Sie auch:

Unter der Corona-Pandemie nehmen wir spürbare, aber nicht existenzgefährdende Erlösrückgänge wahr. Schwierig ist für Kliniken vor allem die Unsicherheit über den bundesweiten Schirm für künftige Ausgleichszahlungen, der erst weiter beraten werden soll. So wissen Kliniken nicht, wie es um die Finanzierung des Jahres 2021 insgesamt bestellt ist.

Mehr Mitarbeiter für weniger Patienten nötig

Sollten hier keine wirksamen Maßnahmen für die Krankenhäuser beschlossen werden, würde dies weitere Schwierigkeiten nach sich ziehen. Deutlich wird das etwa beim Personal: Man braucht unter Isolationsbedingungen schlicht mehr Mitarbeiter und behandelt am Ende weniger Patienten. Das wirkt sich wirtschaftlich negativ aus. Dafür gibt es dann Ausgleichzahlungen. Trotzdem bleibt der Klinikbetrieb mit Corona eine maximale Herausforderung und man muss dafür kämpfen, dass er funktioniert.

Priv.-Doz. Dr. Matthias Held (50) ist Ärztlicher Direktor am Klinikum Würzburg Mitte. Dort ist der Lungenspezialist für die Covid-19-Patienten zuständig. Per Tagebuch gibt er seit vielen Wochen regelmäßig Einblicke in den Klinikalltag: www.mainpost.de/corona-tagebuch

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Würzburg und erhalten Sie dreimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Würzburg
Corona-Tagebuch
Coronazeiten
Covid-19-Pandemie
Klinische Medizin
Klinische Studien
Krankenhäuser und Kliniken
Pandemien
Patienten
Ärzte
Ärztliche Direktoren
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!