Würzburg

Ein Stück vom Himmel

In diesem Jahr feiert die Peterkirche ihren 300. Jahrestag der Kirchweihe.
Foto: Patty Varasano | In diesem Jahr feiert die Peterkirche ihren 300. Jahrestag der Kirchweihe.

Die Zwanziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts waren für die Leute im Würzburger Süden sicher keine Aufbruchzeit. Trotzdem bemerkten die Armen, dass sich große Dinge durchgreifend änderten. Man baute auf der Festung, eine fürstbischöfliche Residenz wuchs außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern. Ein neuer Schutzwall wurde halbkreisförmig an der Linie des heutigen Glacis-Parks angelegt. Danach war die Stadt damals zu Ende, es folgten Gemüse-, Obst und Weinanbau. Aber im klösterlich geprägten Viertel südlich des Bischofshuts zog Prunk ein. Die Peter-und-Paul-Kirche wurde so richtig modern gemacht.

Die Kirche war kein Neubau. Schon Mitte des 12. Jahrhunderts hatte die Pfarrei ein eigenes Gebäude. Die Namen Peter und Paul stammten aus dem benachbarten Kloster, das den zwei Aposteln und dem Heiligen Stefan als drittem geweiht war. Während im Lauf etwa eines Jahrhunderts verschiedene Orden in Würzburg und Umgebung ihren Sitz hin und her verlegten – man muss unwillkürlich an das Gesellschafts-Brettspiel "Sakropoly" denken – löste sich die Patenschaft des Duos Peter und Paul von der Abtei ab und ging auf die Pfarrkirche über.

Fürstbischof beteiligte sich am Bau der Kirche

Von der stand am Anfang des 18. Jahrhunderts ein Ensemble vor allem aus zwei eher niedrigen romanischen Türmen, wohl aus der Gründerzeit, vermehrt und erweitert um eine schmale Gottesdiensthalle, gotisch. Die durchgreifende Vergrößerung blieb nicht allein Sache der Gemeinde. Der Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths, der hier im Petererviertel getauft worden war, zahlte aus seiner Privatschatulle mit und schaffte mit an. Nämlich dass der Baumeister Joseph Greising die Barockisierung vornehme.

Der eingeheiratete Vorarlberger hatte den aufwändigen Stil als Markenzeichen: Anfangs, wie beim Wiederaufbau des abgebrannten Juliusspitals, arbeitete er dem eher klassischen, für Franken ungemein wichtigen Meister Petrini zu. Als der 1701 starb, ließ Joseph Greising die Ornamente sprießen. Dem gemäßigten Barock folgte der Inbegriff der geschwungenen Formen.

Genau in dem Jahr, als Fürstbischof Greiffenclau droben auf seiner Festung den neuen, äußeren Hof fertig stellen ließ, 1717, begann Greising mit dem Umbau von Peter und Paul. Wer sich dem Prachtbau heute nähert, denkt wahrscheinlich nicht über die Positionierung der Kirchtürme nach. Aber ungewöhnlich ist es schon, dass sie aus dem Dach sprießen, also keinen direkten Bezug zur Vorderfassade haben.

Greising baute neues Gotteshaus über die alte Kirche

Das liegt an der Art, wie Joseph Greising seine Hauptaufgabe bewältigte, ein größeres Gotteshaus zu errichten: Er hat es einfach über die alte Kirche drübergebaut, die er auch nach vorne hin beträchtlich erweiterte. So traten die Türme ein gutes Stück von der Frontmauer zurück. Sie bekamen aber auch je ein neues Geschoss und zwei Helme. Drinnen, in die neu angebauten Seitenschiffe, kamen Emporen, die die mögliche Besucherzahl im Vergleich zum Altbau deutlich erhöhten. Ende Januar 1721 wurde die Kirche eingeweiht.

Der Gläubige aus dem Peterer-Viertel bekam bald noch mehr zu bestaunen. Denn der führende Innenausstatter der – immer noch in Arbeit befindlichen – Residenz, Johann Wolfgang van der Auwera, schuf eine figurenreiche, überquellende, in alle Richtungen golden strahlende Predigerkanzel für das neue bauliche Schmuckstück. Man kann heute, im grell ausgeleuchteten 21. Jahrhundert, kaum überschätzen, welche Wirkung dieser leuchtende Glanz auf das Auge der Menschen vor 300 Jahren hatte. Auch war die Bedeutung des Bildes und des Heiligen sehr viel anders als heute im Hirn der Zeitgenossen verankert. Kurz: Das Möbelstück, von dem der Priester herab die Worte Gottes erläuterte, konnte selbst als ein Stück Himmel angesehen werden.

Gemeinde hat 1100 Follower auf Facebook

Verehrt wird hier heutzutage das Gemälde des Barmherzigen Jesus von Michael Triegel, eines Vertreters der so genannten Leipziger Schule. Diese Verehrung, versichert Pfarrvikar Christian Stadtmüller, ist keineswegs rein kunsthistorisch, sondern auch spirituell. Außerdem lebte, von der Kirche nur eine Hausecke entfernt, der Heilige Aquilin. Der sei, so Stadtmüller, besonders für die russisch-orthodoxe Gemeinde in Würzburg ein Verbindungsglied ins Petererviertel, weil er vor der Konfessionstrennung der Christen lebte und somit eine Art Ökumene begründet.

Indes, diese Aspekte vermitteln ein zu traditionsorientiertes Bild des katholischen Lebens in der Sander Vorstadt. Für Pfarrer Chritian Stadtmüller ist das Besondere dieser Gemeinde "die Vielzahl junger Leute und das gute Miteinander von Jung und Alt – sehr typisch städtisch". Allein auf der Sozialen Plattform Facebook hat St. Peter und Paul 1100 Follower.

Vielfältiges Engagement in der Gemeinde

Das Engagement des Nachwuchses geht weit über ministrierende Studenten hinaus. Man unterhält einen Chor, der mehrstimmig übt, ein Frauenkurs widmet sich weiblicher Spiritualität – und die Gemeinde hält auch eine recht weltliche Tradition hoch: Weil Peter und Paul die Grabkirche des "Kartoffelprofessors" Philipp Adam Ulrich ist, steigt einmal im Jahr das Peterer Kartoffelessen.

Den nächsten Termin erwartet Stadtmüller besonders freudig: Die erste Pfarrstelle der Kirche wird neu besetzt. Der Einführungsgottesdienst ist am 21. Februar.

Das Kirchenbau-Jubiläum wurde schon Ende Januar gefeiert, aber Würzburg begeht heuer obendrein den 300. Todestag von Joesph Greising, und das ist erst der 12. Dezember. In seinem Todesjahr also hatte der Architekt einen seiner größten Triumphe.

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