LENGFELD

Ein Turbo-Dorf wächst immer noch weiter

Lengfeld: In einem Wahnsinnstempo hat das einstige Dorf im Nordosten sein Gesicht verändert. Hochhäuser, Gewerbeparks, Neubaugebiete – und immer mehr Verkehr. Dennoch überrascht der Stadtteil mit viel Natur, Lebensqualität und Gemeinsinn.
Das ländliche und das städtische Lengfeld: Zwei Reitställe sorgen dafür, dass auf den Wiesen am Ortsrand fast immer Pferde anzutreffen sind.
Foto: Alle Thomas Obermeier | Das ländliche und das städtische Lengfeld: Zwei Reitställe sorgen dafür, dass auf den Wiesen am Ortsrand fast immer Pferde anzutreffen sind.

Vorabend zum Feiertag: Bis auf die B 19 hinaus stauen sich die Autos am Sonnfeld. Alle wollen zum Shoppen – Real, Mediamarkt, Baumärkte. In der Industriestraße stinkt's aus Auspuffen. Das ist Lengfeld. Der Nachmittag des Feiertags: In Kleingärten wird gegrillt und gelacht. An der Kürnach spaziert ein Pärchen durch den Auwald, Kinder toben auf dem Spielplatz. Auf Bänken an den Fischweihern genießen Senioren die Sonne, dahinter grasen Pferde. Naturidylle pur. Auch das ist Lengfeld – der Stadtteil mit vielen Gesichtern.

Das frühere Dorf ist seit den 70er Jahren explodiert. Streuobstwiesen wichen. Ebenso Äcker für verdichtete Reihenhaussiedlungen, Betriebsgebäude oder Einkaufsmärkte. Kaum ein anderer Würzburger Stadtteil hat binnen kurzer Zeit seinen Charakter so verändert, und die Entwicklung ist nicht zu Ende. Im Baugebiet Lengfelder Höh', neben der Volksschule, wird noch gebaggert und gehämmert. Und selbst im Altort, am Dorfgraben, werden gerade 21 Reihenhäuser aus dem Boden gestampft. Die Ersten sollen Anfang 2013 einziehen.

Wer mit alteingesessenen Lengfeldern spricht, hört ein wenig Wehmut über den Verlust der Eigenständigkeit heraus – 1978 wurde man im Zuge der Gebietsreform eingemeindet. In einer Befragung hatten sich 95 Prozent der Bürger dagegen ausgesprochen, aber davon ließen sich die Verantwortlichen nicht beirren. Neben den „Dörflern“ gibt es – längst die Mehrheit – die bekennenden Städter in Lengfeld. Neu zugezogen, fühlen sie sich als Würzburger und schätzen die Annehmlichkeiten urbaner Infrastruktur wie etwa die guten ÖPNV-Verbindungen mit fünf Buslinien durch den Stadtteil.

Gescheitert sind bis dato alle Pläne, mit einer Tangente durch oder über das Kürnachtal die B 19 und B 8 miteinander zu verbinden. Gegner fürchten um das Naherholungsgebiet, auch wenn die Wasserqualität der Kürnach durch diverse Einleitungen mittlerweile in besorgniserregendem Zustand ist.

Das ärgert auch Alois Hornung, der als Bub mit dem Bach aufgewachsen ist. Der 64-Jährige hat gesehen, wie von dort ausgehend erst den Südhang, dann den Nordhang hinaufgebaut wurde. Wie aus ein paar Gartenhäusern im Pilziggrund nach dem Krieg ein großes Wohngebiet geworden ist. Wie immer mehr Verkehr den Stadtteil belastet. Wie sich die Nahversorgung im Altort – in Konkurrenz zum Gewerbegebiet an der B 19 – verschlechtert hat.

Da tun Konstanten gut. Eine wie das Gasthaus „Zum Hirschen“, das die Familie Schömig im Jahr 1886 übernommen hat und bis heute führt. Hier treffen sich Vereine und Stammtische, hier wird debattiert und gekartet. Auch Chefin Claudia Schömig kennt die Erzählung, wonach früher manch guter Katholik statt rechts in die Kirche nach links in die Wirtschaft abgebogen ist und die Sonntagsmesse gegen einen zünftigen Schafkopf tauschte. Der heilige St. Laurentius gegenüber dürfte ein Auge zugedrückt haben. Nach dem Ortspatron Lengfelds ist die 1804 fertiggestellte Kirche im Altort benannt. Sie ist unter anderen mit Werken der Bildhauerfamilie Schiestl gestaltet.

Und doch schlägt das religiöse Herz des Stadtteils woanders. Nur einen Steinwurf entfernt, hat sich das 1975 eingeweihte Ökumenische Zentrum zum religiösen und mit der Kürnachtalhalle zum gesellschaftlichen Zentrum entwickelt. Es steht wie keine zweite Einrichtung für Integration und einer Offenheit gegenüber dem Neuen und Fremden, der man in Lengfeld auf Schritt und Tritt begegnen kann. In der früheren Korkfabrik in der Werner-von-Siemens-Straße zum Beispiel.

Im Kellergeschoss hat die Sikh-Gemeinschaft einen Tempel eingerichtet. Der aus Indien stammende Priester Lakhwinder Sing Bath hütet hier den 1430 Seiten starken „Guru Granth“, das heilige Buch. Jeden Morgen steht er um 4.30 Uhr auf und liest daraus. Auch Muslime und Mormonen sind in Lengfeld zuhause, dem multikonfessionellen und multikulturellen Stadtteil, der sich – nicht zuletzt durch Zuzüge Russlanddeutscher – immerzu neu erfindet.

Bis auf sieben Häuser ist der Ort am 3. September 1796 in der „Schlacht bei Würzburg“ abgebrannt – angezündet von österreichischen Truppen, die gegnerische Franzosen im Dorf vermuteten. Im Jahr 1800, berichtet Alois Hornung als versierter Ortschronist, wurden in Lengfeld ganze 385 Einwohner gezählt. Und wenn er ein US-Luftbild von 1945 auf den Tisch legt, mag man den eigenen Augen kaum trauen: Lengfeld – Entschuldigung – ein Fliegenschiss in der Landschaft. Die Ansammlung einiger Häuser, kaum Straßen, laut Statistik rund 1000 Einwohner.

„Die Hälfte der Geschwindigkeit hätte mir gereicht“, sagt Hornung über das rasante Wachstum der letzten Jahrzehnte. Lengfeld habe Konturen verloren, aber auch viel gewonnen. Etliche Vereine „könnten ohne die Neubürger gar nicht überleben.“ Herausragend ist der TSV Lengfeld, mit 2341 Mitgliedern (Stand Januar) der größte Breitensportverein der Stadt. Nicht nur junge Familien finden hier schnell Anschluss.

Ein Leuchtturm im sozialen Lengfeld ist das Blindeninstitut an der Ohmstraße, liebevoll „Blindi“ genannt. In Schule, Werkstatt, Wohn- und Pflegeheim, im Internat und neuerdings in einer Spezialklinik werden Menschen mit Seh- und Mehrfachbehinderung betreut und unterrichtet. Das „Blindi“ ist mit rund 850 Beschäftigten in Würzburg eine Vorzeigeeinrichtung internationalen Formats. Sie passt zu Lengfeld. Zu einem Stadtteil, der durch dynamisches Wachstum Grenzen gesprengt hat und dennoch zusammenhält – durch den Kitt von Bürger- und Gemeinsinn.

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