Würzburg

Engpass in Unterfranken: Grippeimpfstoff wird zur Mangelware

Von Grippeimpfungen, die wie "warme Semmeln" weggehen, sprechen unterfränkische Ärzte. Apotheker berichten von leeren Lagern. Für manche Patienten ist das problematisch.
26 Millionen Grippeimpfdosen sind für die Grippesaison 20/21 geordert. 20 Millionen davon sind bereits ausgeliefert. Aber nicht alle Bürger, die eine Grippeimpfung wollen, bekommen aktuell auch eine. 
Foto: ERGO Group | 26 Millionen Grippeimpfdosen sind für die Grippesaison 20/21 geordert. 20 Millionen davon sind bereits ausgeliefert. Aber nicht alle Bürger, die eine Grippeimpfung wollen, bekommen aktuell auch eine. 

Unterfränkische Apotheker beklagen aktuell, dass ihnen der Grippeimpfstoff ausgeht. "Es gibt nichts mehr, ich bekomme nichts mehr", sagt beispielsweise Christian Machon, Sprecher des bayerischen Apothekerverbands für Rhön-Grabfeld. "Die Ärzte, mit denen ich zusammenarbeite, rufen mich seit Tagen an und beknien mich; aber ich kann halt leider keinen Impfstoff beibringen, wenn die Großhändler nichts haben." Er habe, sagt Machon, in den vergangenen Tagen seine "letzten Reste zusammengeklaubt". Aber jetzt seien alle seine Vorräte aufgebraucht.

Grippeimpfung? Leider aus! Apotheker Christian Machon aus Bad Neustadt  beklagt wie viele seiner Kollegen Lieferengpässe.
Foto: Ines Renninger | Grippeimpfung? Leider aus! Apotheker Christian Machon aus Bad Neustadt  beklagt wie viele seiner Kollegen Lieferengpässe.

Nachschub ist bestellt, aber das Lieferdatum ist unbekannt

Auf Drängen der Ärzte liegt Machon jetzt seinerseits den Großhändlern mit Bitten nach Grippeimpfstoff in den Ohren – aber der Großhandel kann den gestiegenen Bedarf offenbar nicht decken. Auf Nachfrage bestätigt eine Sprecherin des Pharmagroßhandels Noweda, zu dem auch der in Unterfranken stark genutzte Großhändler Eberth und Jacobi gehört: "Die Ware, die wir für von uns belieferte Apotheken vorbestellt hatten, haben wir bereits an die Apotheken ausgeliefert." Nachbestellungen seien erfolgt. Auf die Frage, wann der bestellte Impfstoff dann tatsächlich eintrifft, heißt es seitens Noweda: "Leider können wir das nicht sagen."

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Das Problem, das Apotheker Machon für die Rhön beschreibt, beschäftigt ganz Unterfranken. Ob Würzburg, Schweinfurt oder die Hassberge – überall wird im Corona-Jahr Grippeimpfstoff zur Mangelware. "Natürlich ist aufgrund der zahlreichen Impf-Aufrufe die Nachfrage größer als sonst“, sagt Stephan Schmitt, der in Hassfurt eine Apotheke besitzt und für seine Apotheker-Kollegen im Bereich Hassberge spricht. Auch Schmitt kommt nicht mehr an Grippeimpfstoff. Besonders ärgerlich sei der Lieferengpass natürlich für Risikopatienten, sagt der Haßfurter Apotheker. Allerdings hofft Schmitt, dass es im November wieder Lieferungen geben wird. "Und wenn dann der Grippeimpfstoff wirklich eintrifft, reicht die Zeit, um einen entsprechenden Schutz aufzubauen."

Außergewöhnlich viele Patienten wollen sich in diesem Herbst gegen Grippe impfen lassen. Doch in vielen Apotheken gibt es keinen Impfstoff mehr –  auch nicht auf Privatrezept.
Foto: Fabian Strauch, dpa | Außergewöhnlich viele Patienten wollen sich in diesem Herbst gegen Grippe impfen lassen. Doch in vielen Apotheken gibt es keinen Impfstoff mehr –  auch nicht auf Privatrezept.

Ganz Deutschland von Mangel an Grippeimpfstoff betroffen

Der Mangel an Grippeimpfstoff ist beileibe kein rein unterfränkisches Problem. "Die Klagen höre ich aus ganz Bayern", sagt Thomas Metz, Sprecher des bayerischen Apothekerverbandes. "Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass ganz Deutschland vom Lieferengpass betroffen ist." Auch von entsprechenden Notständen in Österreich und Italien kann Metz berichten. Aber wieso ist Grippeimpfstoff denn Mangelware, wenn doch heuer im Krisenjahr bundesweit deutlich mehr Grippeimpstoff als sonst geordert worden ist, nämlich rund 26 Millionen Impfdosen?

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"Wir sehen eine Art Vorzieh-Effekt", erklärt Metz. In "normalen Jahren" ließen sich die Menschen mit der Grippeimpfung Zeit und erschienen zeitlich versetzt bei ihren Hausärzten. "Aber in diesem Jahr wollen sich ganz viele Menschen frühzeitig impfen lassen und stürmen die Hausarztpraxen." Man müsse ja sehen, dass die von den Apothekern im März georderte Ware fristgerecht eingetroffen sei; Probleme gebe es aktuell nur mit den Nachbestellungen.

Auch jüngere Menschen wollen die Impfung

Genau das beschreibt auch Hausarzt Jürgen Schott, der in Grafenrheinfeld praktiziert und stellvertretender Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands ist. Ihn bitten gerade außergewöhnlich viele Patienten, auch jüngere Patienten, sie gegen Grippe zu impfen; aus früheren Jahren kennt Schott dieses Verhalten nicht. "Die Grippeimpfungen gehen weg wie warme Semmeln", sagt er. Sein Impfdosenvorrat halte üblicherweise bis Dezember; im Vergleich zu Vorjahren sei sein Lager aber viel schneller geschrumpft, obwohl er mehr geordert habe als sonst.

Schnupfen? Grippe? Oder Corona?  Die Symptome ähneln sich. 
Foto: Christin Klose, dpa | Schnupfen? Grippe? Oder Corona?  Die Symptome ähneln sich. 

Problematische Situation für Privatpatienten

Problematisch sei die Situation aktuell vor allem für Privatpatienten, sagt Schott. "Ihnen darf ich von meinen Vorräten für Kassenpatienten nichts geben. Ich könnte mich auch für Privatpatienten bevorraten, aber das geht nicht, weil deren Kassen nur Rechnungen über Einzelimpfdosen akzeptieren." Einzelimpfdosen bevorrate er aber nicht, so Schott, diese müssten sich die Privatpatienten selbst über Apotheken besorgen. Das sei angesichts des derzeitigen Mangels sehr schwierig.

20 von 26 Millionen Grippeimpfdosen sind bereits ausgeliefert

Wie schätzt das für die Prüfung der Grippeimpfungen zuständige Paul-Ehrlich-Institut die Lage ein? Das Institut zeigt sich in einer  Pressemitteilung zuversichtlich, dass die 26 Millionen Impfdosen, von denen 20 Millionen bereits ausgeliefert worden seien, ausreichen werden. Sollte dennoch im Verlauf der Impfsaison ein Mangel auftreten, so könne vom Bundesministerium für Gesundheit ein Versorgungsmangel nach § 79 Abs. 5 Arzneimittelgesetz erklärt werden, teilt das Institut weiter mit. Damit würden Importe von Impfstoffdosen aus dem Ausland erleichtert.

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