Würzburg

Fassaden für ungewöhnliche Bauwerke weltweit

Eine himmlische Aussicht aus Glas und Stahl haben Architekten und Mitarbeiter von Gartner beim Glacier Skywalk in Kanada geschaffen.
Foto: Terry Bourque | Eine himmlische Aussicht aus Glas und Stahl haben Architekten und Mitarbeiter von Gartner beim Glacier Skywalk in Kanada geschaffen.

In dem roten Backsteingebäude der altehrwürdigen Würzburger Universitätsdruckerei Stürtz ist der neue US-Präsident Donald Trump zum Greifen nahe. Dort, wo einst große Druckmaschinen standen, ist heute eine kleine Glaskonstruktion ausgestellt. Es ist ein Teil des 2009 fertiggestellten Trump Towers in Chicago. Die Firma Josef Gartner, die in der Beethovenstraße ihren einzigen deutschen Ableger unterhält, zeichnete für die imposante 2000 Quadratmeter große Eingangsfassade und das Vordach des 423 Meter hohen Gebäudes verantwortlich.

Glasmodell vom Trump-Tower

Der Trump Tower in Chicago ist nach wie vor das vierthöchste Gebäude in den USA. Sein Eigentümer ist mittlerweile bekanntlich kein einflussreicher Unternehmer mehr, sondern ein noch einflussreicherer US-Präsident – und in dieser Rolle will er allen voran den heimischen Firmen den Wettbewerb spürbar erleichtern. Stichwort: America first.

Den vier Herrschaften von Josef Gartner, die nun das Glasmodell aus dem Trump Tower betrachten, ist diese Haltung des amerikanischen Präsidenten natürlich nicht entgangen. „Es ist schon eine gewisse Ironie in der Geschichte, dass wir ausgerechnet einen Teil des Trump Towers hier stehen haben“, sagt Stefan Zimmermann, der in der Würzburger Niederlassung für das Projektmanagement zuständig ist. „Wie sich die neue Politik von Trump auf unser Geschäft auswirkt, bleibt abzuwarten. Gleiches gilt für den Brexit.“ Nordamerika und Großbritannien sind jedenfalls zwei bedeutende, wenn nicht die wichtigsten Märkte des Glasfassadenkonstrukteurs, der seinen Hauptsitz im schwäbischen Gundelfingen hat.

Keine großen Stückzahlen

Jürgen Wax, einer der beiden Geschäftsführer des insgesamt 1500 Mitarbeiter beschäftigenden Unternehmens, ist an diesem Tag nach Würzburg gekommen.

„Wir sind genau dann gefragt, wenn ein Architekt oder Bauherr eine Spezialkonstruktion für eine Gebäudefassade aus Glas, Aluminium und Stahl benötigt“, sagt der 39-Jährige und versucht die Stellung seines Unternehmens im Markt einzuordnen: „Die ganz großen Stückzahlen fahren wir nicht. Wenn man so will, dann sind wir so etwas wie Porsche unter den Fassadenbauern.“

Ebenfalls Gartners Handschrift trägt das Museé des Confluences. Das Museum in Lyon zeigt globales Wissen mit Schwerpunkt Naturwissenschaften.
Foto: Karin Jobst | Ebenfalls Gartners Handschrift trägt das Museé des Confluences. Das Museum in Lyon zeigt globales Wissen mit Schwerpunkt Naturwissenschaften.

Die Bauwerke, bei denen Gartner seine Hände im Spiel hat, gehören definitiv zum Besten, was die moderne Architektur zu bieten hat wie zum Beispiele die Glasfassade der Hamburger Elbphilharmonie. Der außergewöhnliche Bahá?í-Tempel in Chile trägt die Handschrift des Unternehmens. Und die künftige Eingangskonstruktion aus gläsernen Seilfassaden des „3 World Trade Center“ – nahe des Ground Zero – sind ebenfalls Marke fränkisch-schwäbischer Eigenbau.

Tüftler am Werk

Die Herausforderungen im letzten Fall waren ganz eigene. Solche Fälle werden für gewöhnlich in die Hände der tüftelnden Würzburger gelegt. „An diesem Standort wird nicht produziert, sondern vor allem die außergewöhnlichen Stahl-Fassaden geplant, entworfen und konstruiert“, erklärt Felix Schmitt, der verantwortliche Mann für Baukonstruktion und Design. Es gibt (fast) nichts, was er und seine Leute nicht in die Tat projektieren könnten. Zumindest dann, wenn die angedachte Bauweise mit anderen Anforderungen wie der Standfestigkeit, Fassadendichtigkeit und Energieeffizienz konform geht. „Die Visionen von Architekten lassen sich natürlich nicht immer Eins zu Eins verwirklichen. Aber die Kompromisse sind in der Regel auch nicht von schlechten Eltern“, sagt Geschäftsführer Wax.

Architektonische Meisterleitungen

Glasscheiben mit einer Länge von knapp 15 und einer Breite von drei Metern (so wie auf dem Campus 2 der Firma Apple in Cupertino) oder die BMW-Welt in München, eine gewundene Form aus Stahl. Auch diese architektonischen Meisterleistungen wurden von Gartner-Hand hübsch verkleidet. „Die Architekten sprechen uns in der Regel zu einem sehr frühen Zeitpunkt des Bauprojekts an“, weiß Dirk Schreiter, der die Anfragen konkretisiert und in Zahlen gießt.

„Dann überlegen wir gemeinsam, was zu welchem Preis möglich ist.“

In Nordamerika gehe in der Regel mehr als hierzulande, fügt Wax an: „Das liegt beispielsweise an den Geldern für Museen und Universitäten, die in den USA häufig nicht aus der Staatskasse stammen, sondern von privater Hand fließen.“ Ähnliches gilt auch für Großbritannien, wo Gartner vor einiger Zeit den Auftrag bekommen hat, das Stadion des Fußballklubs Tottenham Hotspurs zu verkleiden und dazu noch eine Glasbrücke mit verwundenen Außenflächen anzufertigen. „Dort werden die VIP-Gäste auf dem Weg zum Stadion durch eine gläserne Röhre laufen“, erläutert Schmitt. Nicht selten ist der Fahrplan solcher Großprojekte sehr ambitioniert. Die neue Heimat der Tottenham Hotspurs in London etwa muss bis zum Start der Premier-League-Saison 2018/19, also in etwa eineinhalb Jahren, fertiggestellt sein.

Das Dachfenster des Center for Character and Leadership Development der US Air Force Academy in Colorado Springs peilt exakt den Polarstern an.
Foto: Rich Douglas | Das Dachfenster des Center for Character and Leadership Development der US Air Force Academy in Colorado Springs peilt exakt den Polarstern an.

Oder die neue Firmenzentrale des Gasriesen Gazprom in Sankt Petersburg. Das Aushängeschild des sogenannten Lakhta Centers ist eine in sich gewundene Nadel, die – ganz nebenbei – mit fast 461 Metern das höchste Gebäude in Europa wird. Der Tower besteht überwiegend aus Glas und Aluminium sowie Stahlträgern und soll bis zur Fußball-WM 2018 fertig sein. Er wird ein Blickfang unweit eines großen WM-Stadions“, sagt Wax, der Gartner seit vergangenem Jahr gemeinsam mit Klaus Lother leitet.

Junge Mannschaft

Das Unternehmen gehört zum italienischen Baukonzern Permasteelisa. Die Venezianer waren zunächst auch die direkte Mutter des Würzburger Standortes. „Wir haben hier mit 17 Mitarbeitern angefangen“, erinnert sich Zimmermann. „Heute sind wir allein in Würzburg rund 90 Kollegen. Und wir sind in Würzburg eine relativ junge Mannschaft, in der der weibliche Anteil unter den Azubis groß ist“, versichert Maria Ronneberger, die bei Gartner unter anderem für die Pressearbeit zuständig ist. Der früher eher männlich dominierte Ausbildungsberuf zum Technischen Systemplaner und Designer – landläufig bekannt als Technischer Zeichner – werde im Unternehmen zunehmend von jungen Frauen erlernt.

Die Aufträge dürften Gartner jedenfalls so schnell nicht ausgehen. Für die Seil-Glas-Konstruktionen des derzeit noch im Planungsprozess befindlichen Gebäudes auf dem 9/11-Gelände in Manhattan hat Gartner sogar die Bundeswehr zu Rate gezogen. „Eine wichtige Anforderung des Projekts ist, dass bei Explosionen keine Menschen durch das Glas zu Schaden kommen“, erklärt Zimmermann. „Deshalb wurde das Konstrukt in einem Testtunnel der Bundeswehr bei Bad Reichenhall auf Herz und Nieren geprüft.“ Ein Absplittern der verbauten Gläser lasse sich bei starken Explosionen nicht ganz vermeiden, „zu Boden fallen jedoch allenfalls kleinere Glasteile.“

Nach einigen Testläufen halten die Seil-Glaskonstruktionen den Anforderungen der Amerikaner stand, deren Wünsche bisweilen extravagant sind – so auch beim Glasbau des Centers for Character and Leadership Development der US Air Force Academy in Colorado Springs, dessen Gestalt an die Heckflosse eines Flugzeuges erinnert. Das Highlight ist das Dachfenster der schiefen, nach Norden ausgerichteten Pyramide. Es peilt exakt den seit jeher als Orientierung dienenden Polarstern an, in dessen Richtung die Soldaten bei der Vereidigung blicken dürfen.

Josef Gartner GmbH

Hauptsitz: Gundelfingen an der Donau bei Ulm

Niederlassung: Beethovenstraße 5, 97080 Würzburg

Gründungsjahr: 1868 (Würzburg: 2004)

Mitarbeiterzahl (weltweit): 1500 (davon 90 in Würzburg)

Umsatz: insgesamt 350 Millionen Euro Hauptprodukt: Gebäudefassaden aus Glas, Aluminium und Stahl

Geschäftsführer: Klaus Lother und

Jürgen Wax

Homepage:

josef-gartner.permasteelisagroup.com

 
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