Fremde Fische im Main

Seit Jahren breiten sich Schwarzmeergrundeln explosionsartig aus. Die Folgen für das Ökosystem sind unklar.
Grundeln satt: Flussfischer Karl-Heinz Schlereth hält zwei Grundeln in der Hand.
| Grundeln satt: Flussfischer Karl-Heinz Schlereth hält zwei Grundeln in der Hand.

Sie messen nur wenige Zentimeter und sorgen doch für große Diskussionen: Die Schwarzmeergrundeln. Die selten mehr als zehn Zentimeter langen Fische haben sich im Main in den vergangenen zehn Jahren rasant ausgebreitet. Heute sind die Grundeln die wohl verbreitetsten Fische im Fluss.

Es ist wohl zehn bis 15 Jahre her, dass die ersten Exemplare als blinde Passagiere einreisten – in den Ballasttanks von Flussschiffen. Die Schleuserroute führte über die Donau und den Rhein-Main-Donau-Kanal. Heimisch sind die Schwarzmeergrundeln, zu denen mehrere Arten zählen, eigentlich im Brackwasser rund um das Schwarze Meer. Doch durch die Einflüsse des Menschen haben sich die kleinen Fische seit 100 Jahren kontinuierlich ausgebreitet. Nun auch im Main – zum Leidwesen auch der Angler, die kaum mehr einen anderen Fisch an den Haken bekommen. „Es ist wirklich massiv geworden“, beschreibt Dr. Wolfgang Silkenat, der Fischereifachberater des Bezirks Unterfranken, die Situation.

Nur die Nebengewässer des Mains haben die Grundeln noch nicht restlos erobert. Dort halten sie sich bislang meist nur in den Unterläufen auf. Das, so Silkenat, liegt unter anderem an der stärkeren Strömung der kleineren Gewässer und auch am geringeren Nahrungsangebot.

Im Main hingegen fühlt sich die Grundel offenbar pudelwohl. Die flächigen Steinschüttungen am Ufer des Flusses bilden mit ihren Zwischenräumen einen idealen Lebensraum für die Invasoren. Und auch das Nahrungsangebot taugt der Grundel offenbar, wobei sie nicht wählerisch ist. Sie gilt als ausgesprochen gefräßig, vertilgt kleine Fische ebenso wie Laich. Ja sogar vor Artgenossen macht die Grundel nicht Halt.

Welche Auswirkungen die Anwesenheit der Grundel langfristig auf das Ökosystem Main haben wird, ist noch unklar. Weißfische, zu denen beispielsweise Rotaugen, Schleien oder Brassen zählen, habe in den vergangenen Jahren spürbar abgenommen. Hubert Holl, Vorsitzender der Fischerzunft Randersacker, vermutet, dass die Grundeln daran zumindest eine Mitschuld haben. Zum einen, weil sie den Laich der einheimischen Fische frisst, zum anderen auch, weil sie ein großer Nahrungskonkurrent ist.

Erst kürzlich hat die Zunft zwischen den Staustufen Randersacker und Goßmannsdorf mit Hilfe von elektrischem Strom geschlechtsreife Aale abgefischt. Im Rahmen eines Schutzprogramm werden sie im frei fließenden Rhein wieder ausgesetzt, um ihre Laichplätze im Atlantik erreichen zu können, ohne vorher von Kraftwerkturbinen zermahlen zu werden.

Dabei gingen den Fischern auch Hunderte von Grundeln ins Netz, die meisten davon an den Steinschüttungen entlang der Ufer. Dort suchen sie einerseits Schutz, vermutet Holl, treffen aber auch auf reichlich Beute.

Die Grundel frisst alles, was sie finden kann. Diese Erfahrung machen auch Angler am Main. Egal ob sie ein Maiskorn, einen Regenwurm oder eine Made an den Haken hängen – fast immer ist es die Grundel, die nach kürzester Zeit anbeißt. Es gibt sogar Erzählungen, wonach schon ein nackter Haken genüge, um die gefräßigen Fischchen zum Anbeißen zu bewegen.

Fischereifachberater Silkenat will der Grundel jedoch nicht alleine die Schuld daran zuschieben, dass andere Fische seltener geworden sind. Es gebe viele weitere Einflussfaktoren wie beispielsweise den Kormoran. Silkenat hat trotz der seit Jahren zu beobachtenden explosionsartigen Zunahme der Grundelbestände die „Hoffnung, dass sich die Natur selber hilft“. Erste Anzeichen dafür gibt es: Offenbar stellen sich die im Main heimischen Raubfische zunehmend auf das neue Nahrungsangebot ein.

Hubert Holl weiß von Fischerkollegen, dass zunehmend Grundeln in den Mägen gefangener Raubfische auftauchen. Prächtig erholt habe sich beispielsweise der natürliche Bestand an Barschen – ein Indiz für die gute Nahrungssituation, an der auch die Grundeln ihren Anteil haben könnten. Auch die kleinen Weißfischarten, Grundlage für die von Kennern geschätzten „Meefischli“, gebe es derzeit wieder reichlich.

Den Wandel im Speiseverhalten der Raubfische machen sich längst auch Angler zunutze. Sie verwenden gefangene Grundeln als Köder, um Raubfische an den Haken zu bekommen – mit Erfolg. Doch Angler, Fischer, Waller, Hechte, Barsche und Zander, sie alle werden wohl nicht in der Lage sein, den Bestand des eingewanderten Fremdlings nennenswert zu reduzieren. „Die kriegen wir nicht mehr los“, sagt der Fischereiberater Silkenat über die Grundel.

Daran ändert selbst die Tatsache nichts, dass manche Angler den kleinen Fisch als Bereicherung des eigenen Speiseplans entdeckt haben. Gebacken, geräuchert, frittiert oder als Bestandteil einer Fischsuppe – Rezepte für die küchentechnische Verwertung der Grundel gibt es in einschlägigen Anglerforen im Internet reichlich.

Auch Silkenat hat schon einen kulinarischen Selbstversuch unternommen. „Das war in Ordnung“, sagt er über den Geschmack der Grundeln. Dennoch geht er davon aus, dass sich der Fisch nicht zum Küchenschlager entwickeln wird. Zu mühselig sei es, sich mit den kleinen Tieren eine Mahlzeit zusammenzuangeln. Auch die lederartige Haut der Grundeln sei etwas abschreckend. Alfred Höfling, der Vorsitzende der Lohrer Fischerzunft, sieht noch einen weiteren Grund dafür, dass die Grundel sich in der Küche nicht durchsetzen wird: „Dazu ist sie viel zu hässlich“, vertritt er die These, dass das Auge mitisst.

Aus dem Schwarzen Meer in den Main

Fünf Grundelarten haben in den vergangenen Jahren den Weg aus ihrem angestammten Lebensraum im Brackwasser rund um das Schwarze Meer in den Main gefunden: Schwarzmundgrundel, Kesslergrundel, Marmorierte Grundel, Nackthalsgrundel und Flussgrundel. Mitte der 1980er Jahre wurden die ersten der Grundeln im Oberlauf der Donau entdeckt. Über den 1992 eröffneten Rhein-Main-Donau-Kanal gelangten die Fische in Ballasttanks von Schiffen in den Main. Der Siegeszug der Grundeln hat sie auch in die Großen Seen nach Nordamerika, in die Ostsee und in viele weitere Flüsse Europas geführt.
Die Blocksteinschüttungen entlang des Mains sind ideale Lebens- und Bruträume für die extrem vermehrungsfreudigen, gefräßigen und anpassungsfähigen Grundeln. Die Bestände haben sich explosionsartig entwickelt. Berufsfischer im RMD-Kanal berichteten, dass sich in ihren Reusen zu 90 Prozent Grundeln fanden. Das als neugierig und aggressiv beschriebenes Beißverhalten der Fische hat dazu geführt, dass auch Angler mancherorts kaum mehr etwas anderes fangen.
Eine Bekämpfung der Einwanderer ist nahezu unmöglich. In einer von den Bezirken, von Landesfischereiverband, der Technischen Universität München und der Landesanstalt für Fischerei zu dem Thema herausgegebenen Broschüre wird als hilfreiches Mittel die Renaturierung der Flussufer genannt. So könne man die für Grundeln ideale Steinschüttungen zurückdrängen und die Lebensräume heimischer Fische stützen.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Grundelinvasion Auswirkung beispielsweise auf Fischnährtiere wie Kleinkrebse, Insektenlarven und Weichtiere hat. Auch teils bedrohte Kleinfischarten zählen zum Nahrungsspektrum der Grundeln.
Anglern und Fischern ist es zur Eindämmung der Grundel-Invasion per Fischereigesetz untersagt, gefangene Grundeln wieder in den Fluss zurückzusetzen. Stattdessen müssen die Tiere tierschutzgerecht getötet werden. Auch das Einsetzen von Grundeln in Gewässer ist verboten.

Idealer Lebensraum: In den am Mainufer nahezu durchgängig vorhandenen Steinschüttungen fühlen sich die Grundeln wohl.
| Idealer Lebensraum: In den am Mainufer nahezu durchgängig vorhandenen Steinschüttungen fühlen sich die Grundeln wohl.
Kleiner Fisch, große Wirkung? Eine Schwarzmundgrundel nach dem Fang aus dem Main. Sie ist am schwarzen Punkt auf der ersten Rückenflosse zu erkennen.
Foto: Johannes Ungemach | Kleiner Fisch, große Wirkung? Eine Schwarzmundgrundel nach dem Fang aus dem Main. Sie ist am schwarzen Punkt auf der ersten Rückenflosse zu erkennen.
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