Würzburg

Gastbeitrag: Corona - viel mehr als eine Infektion

Ist das Leben bedroht, werden Ängstliche ängstlicher, Leugner leugnen heftiger. Sozialpädagoge Professor Ernst Engelke über Gefährdung, gereizte Stimmung - und uns.
Prof. Ernst Engelke im Garten des Juliusspitals in Würzburg.
Foto: Silvia Gralla | Prof. Ernst Engelke im Garten des Juliusspitals in Würzburg.

Was ist anders, wenn das Leben eines Einzelnen oder die gesamte Bevölkerung durch eine tödliche Erkrankung bedroht wird? In der Coronavirus-Pandemie ist das Leben aller Menschen durch das unheimliche Virus gefährdet. Niemand ist davor geschützt. Jeder kann jeden mit dem bösen Virus anstecken. Die präventiven Maßnahmen ähneln den Einschränkungen, die ein lebensbedrohlich Erkrankter ertragen muss: Verlust des Normalen, wenig soziale Kontakte, stark eingeschränkte Mobilität und unsichere Zukunft. Letztlich gibt es keine Sicherheiten und der Ausgang bleibt offen.

Die Behandler, Pflegenden und Angehörigen eines an Krebs Erkrankten sind im Normalfall nicht bedroht; sie können ungefährdet aus sicherer Distanz handeln. Das und ihre Fachkompetenz vermitteln Zuversicht. Wenn aber alle durch das tödliche Virus bedroht sind, ist auch das Leben der Behandler, Pflegenden und Angehörigen bedroht; sie handeln zugleich als Gefährdete und als Gefährder, ohne emotionale Distanz.

Wer lebensbedrohlich erkrankt, wehrt sich gegen die Bedrohung

Wer lebensbedrohlich erkrankt, wehrt sich gegen die Bedrohung. Dazu gehört heute, sich eine zweite Meinung zu Diagnose und Therapie von externen Ärzten einzuholen. Bei einer Pandemie gibt es keine zweite Meinung von externen Ärzten, sondern tausende zweite Meinungen von Gefährdeten und Gefährdern, die öffentlich miteinander konkurrieren. Die Verwirrung sorgt für Unruhe und Angst.

Wer entscheidet, welche Erkenntnisse die Basis für Maßnahmen bilden, die die gesamte Bevölkerung betreffen? Selbstverständlich ist es die gewählte Regierung. Doch auch ihre Mitglieder sind Gefährdete und Gefährder und als solche müssen sie entscheiden. Was auch immer sie tun, sie haben keine Chance, es allen oder auch nur vielen recht zu machen. Sie sind utopischen Erwartungen und Ansprüchen ausgeliefert, die weder sie noch ihre wissenschaftlichen Berater jetzt erfüllen können: Das Virus und seine Mutationen zu entmachten und für ein „normales Leben“ zu sorgen. Folglich sind die Entscheider, also die Politiker und die Regierung, dem Frust und der Wut über die Einschränkungen und ausbleibenden Impfungen ausgeliefert.

Auf die Diagnose einer lebensbedrohenden Erkrankung reagieren wir individuell.

Auf die Diagnose einer lebensbedrohenden Erkrankung reagieren wir individuell. Die einen nehmen sie sehr ernst, andere lassen die Geschichte einfach laufen und wieder andere leugnen sie. Warum sich jemand wie verhält, das hängt von vielen Faktoren ab, von der Persönlichkeit, der Lebensgeschichte, den Sachkenntnissen usw. Wenn alle Menschen der Bevölkerung zugleich erfahren, dass ihr Leben durch ein böses Virus bedroht ist, reagiert jeder nach seinem persönlichen Verhaltensmuster. Aus der Sterbeforschung ist bekannt, dass eine Lebensbedrohung die gewohnten Verhaltensweisen potenziert: Ängstliche werden beispielsweise ängstlicher und Leugner leugnen heftiger. Dieses Gemisch sorgt für eine gereizte Stimmung.

Jeder Patient kann für sich selbst entscheiden, wie er mit seiner Gefährdung umgeht.

Jeder Patient kann für sich selbst entscheiden, wie er mit seiner Gefährdung umgeht. Wenn ein Krebskranker seine Diagnose für eine Erfindung der Ärzte hält, dann ist er allein den natürlichen Folgen seiner Ansicht ausgeliefert. Andere werden dadurch nicht bedroht. Das ist jedoch bei einer Pandemie völlig anders. Aus der Weigerung, die reale Bedrohung durch das Coronavirus anzuerkennen und sich nicht entsprechend schützend zu verhalten, resultiert die Lebensbedrohung aller anderen Menschen.

Eine Frage der Solidarität

Die Anerkennung der generellen Lebensbedrohung durch das Coronavirus ist letztlich eine Frage der Solidarität. Nun gibt es zu viele Beispiele dafür, dass sich Verweigerer wie die Herren Trump und Johnson gleich mehrfach unsolidarisch verhalten: Sie leugnen die Bedrohung und nutzen ihr politisches Amt, um Schutzmaßnahmen zu verhindern. Obendrein beanspruchen sie die best mögliche Behandlung für sich, wenn das Virus sie erwischt, und gefährden durch ihre Infektion andere Menschen. Das Unbegreifliche: Selbst danach ändern sie weder ihre Einstellung noch ihr Verhalten.

Nun verhalten sich nicht nur Prominente so. Es ist hinlänglich bekannt, dass auch weniger prominente Corona-Leugner und Verschwörungsextremisten sich genauso wie Trump und Johnson verhalten, wenn das Virus sie selbst oder ihre Eltern angreift. Mit solchem Verhalten werden die Ärzte und Pflegenden grob fahrlässig gefährdet. Das wird ziemlich sicher dazu führen, dass weniger Ärzte und Pflegende bereit sein werden, sich noch länger den Gefahren auszusetzen. Der Pflegenotstand wird noch größer.

Hier die Trauer um die Toten und persönliche Verluste. Da die Frage: Was wird normal?

Der Bundespräsident plant eine zentrale Gedenkfeier für die mehr als 50.000 Menschen, die inzwischen im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben sind. Gemeinsam mit den anderen Verfassungsorganen will er damit „ein Zeichen setzen, dass wir als Gesellschaft gemeinsam trauern, dass wir die Toten und das Leid der Hinterbliebenen nicht vergessen". Die Trauer um die Toten, das Memento für die Hinterbliebenen und auch unsere Trauer über unsere persönlichen Verluste sind das eine.

Das andere ist: Was lernen der Einzelne und die Bevölkerung insgesamt aus dieser Lebenskrise? Was wird normal, wenn das Virus seine Macht verloren hat? In dem Roman „Die Pest“ von Albert Camus fallen die Menschen nach dem Ende der Pest ganz schnell in ihren alten Trott wieder zurück.

Prof. Ernst Engelke

Ernst Engelke (79) ist Theologe und Sozialpädagoge. An der Fachhochschule Würzburg war er Professor für Soziale Arbeit. Schon früh engagierte er sich in der Hospizbewegung und der Palliative Care. Zur Sozialen Arbeit und zur Sterbeforschung hat er zahlreiche Veröffentlichungen verfasst. Er hat unter anderem über das Erleben und Verhalten sterbenskranker Menschen, insbesondere über die Kommunikation mit ihnen, geforscht.
  
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Würzburg und erhalten Sie dreimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren
Würzburg
Albert Camus
Coronavirus
Gedenkfeiern
Hinterbliebene
Infektionskrankheiten
Kranke
Pandemien
Patienten
Professoren
Solidarität
Sozialarbeit
Tote
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (7)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!