Würzburg

Gastbeitrag: Maria Montessori und der Traum vom "normalen" Kind

Sie war Ärztin, Reformpädagogin und Philosophin - und entwickelte eine besondere Pädagogik. Ein Gastbeitrag von Professor Winfried Böhm zum 150. Geburtstag der Italienerin.
 Die italienische Pädagogin und Ärztin Maria Montessori (1870-1952) auf einem undatierten Archivfoto. 
Foto: DB, dpa |  Die italienische Pädagogin und Ärztin Maria Montessori (1870-1952) auf einem undatierten Archivfoto. 

Wer auch immer auf dem Gebiet von Erziehung und Pädagogik uneingeschränkte Zustimmung und weltweite Anerkennung finden will, muss das Ziel der Erziehung so weit und so unbestimmt fassen, dass ihm grundsätzlich jeder Erzieher und jede Erzieherin spontan zustimmen und bedenkenlos folgen kann. Das ist in der langen Geschichte der Pädagogik niemand anderem so perfekt gelungen wie der italienischen Medizinerin Maria Montessori (1870-1952).

Als sie 1907 damit begann, die „Normalisation“ des Kindes als das höchste und alles umfassende Ziel der Erziehung zu verkünden, brauchte sie fortan mit keinerlei Widerspruch, schon gar nicht mit Widerstand zu rechnen. Denn wer möchte wohl am Ende der Erziehung lieber ein „unnormales“ Kind sehen statt eines normalen?

Unter der erbarmungslosen Kuratel der Mutter gestanden

Dabei war der Römerin die Berufung zur Pädagogin keineswegs in die Wiege gelegt. Im Gegenteil: Ihre prätentiöse Mutter hatte mit ihrem einzigen Kind ganz andere Pläne. Sie, eine geborene Stoppani aus einem Dorf in der Nähe von Ancona, verstreute das Gerücht, sie sei die Nichte des hochberühmten Geologen und Naturforschers Antonio Stoppani. Ihrer Tochter diktierte sie schon vor der Geburt eine große Karriere in der Wissenschaft zu, und von frühester Kindheit an plante sie Marias „Erziehung“ zu einem wissenschaftlichen Genie. Bis zum Tode ihrer Mutter im Jahre 1912 stand Maria (sie war damals immerhin bereits 32 Jahre alt) unter deren erbarmungsloser Kuratel, von pädagogischer Freiheit keine Spur. Der Vater, ein Finanzbeamter, hatte an Marias Erziehung und ihrem späteren Werdegang so gut wie keinen Anteil.

Maria Montessori besuchte in Rom ein naturwissenschaftliches Gymnasium und begann an der Universität ein breit angelegtes Studium der Medizin. Zu ihren Lehrern gehörten der Kriminologe Cesare Lombroso, der marxistische Philosoph Antonio Labriola, der Anthropologe (und erbitterte Fröbelkritiker) Giuseppe Sergi und der Physiologe Jakob Moleschott – wissenschaftliche Koryphäen von höchster internationaler Reputation. Montessori promovierte in Medizin und Chirurgie und habilitierte sich 1904 für das Fach Anthropologie.

Leidenschaft siegte über den Intellekt

Eine vielversprechende akademische Karriere hätte sich vor ihr aufgetan, wenn da nicht die Leidenschaft über den Intellekt gesiegt hätte. 1895 hatte sie als klinische Assistentin den aus einer aristokratischen jüdischen Familie stammenden Giuseppe Montesano (1868-1961) kennengelernt. Aus der beruflichen Nähe und den gleichen wissenschaftlichen Interessen war eine intensive Liebesbeziehung geworden, die nicht ohne Folgen blieb. Montessori verbarg ihre Schwangerschaft und den heimlich zur Welt gebrachten Sohn (in der offiziellen Geburtsurkunde stand „Eltern unbekannt“), übergab ihn unter dem Decknamen Pipilli einer Pflegefamilie auf dem Lande, und sie nahm den inzwischen Vierzehnjährigen erst 1913, und zwar unmittelbar nach dem Tod ihrer Mutter und wenige Tage vor einer großen Nordamerika-Reise, zu sich.

Das jetzt in englischer Übersetzung veröffentlichte Tagebuch ihrer Reise ist ein ebenso ergreifendes wie erschütterndes Dokument der Beziehung Montessoris zu ihrem Sohn. Da Montesano die Vaterschaft anerkannt hatte, konnte sich Mario erst 1950 vor einem italienischen Gericht das Recht zur Führung des Namens Montessori erstreiten.

Kämpferin für Emanzipation und das Recht auf Erziehung

Nachdem Montessori eine universitäre Karriere abgeschrieben hatte, suchte sie nach neuen Aufgaben, die sowohl ihren wissenschaftlichen als auch ihren sozialen Interessen genügten. Sie engagierte sich für die Emanzipation der Frauen; kämpfte für das Recht sozial benachteiligter Kinder auf Erziehung, und sie predigte die Notwendigkeit einer sozialen „Revolution“. Je kühner sie in die politische Öffentlichkeit trat, umso mehr fand sie Unterstützer – insbesondere im gehobenen Bürgertum und im vermögenden Adel.

Zu einer lebenslang wegweisenden Schlüsselfigur wurde für sie der 1907 neu gewählte römische Bürgermeister Ernesto Nathan. Der profilierte Freimaurer Nathan erkannte die immense Bedeutung einer neuen Erziehung und lud Montessori ein, im Rahmen eines groß angelegten sozialen Bauprogramms für arme kinderreiche Familien pädagogische Mustereinrichtungen zu schaffen, in denen die Kinder, statt auf der Straße zu verwahrlosen, unmerklich an ein gewünschtes soziales Verhalten und an eine elementare Bildung herangeführt werden könnten – ein Gedanke, der ihr später sogar das Wohlwollen Mussolinis und anderer Diktatoren eintrug. Montessori ergriff die sich neu bietende berufliche Chance und sagte zu.

Die Pädagogin Maria Montessori (l) wird von indischen Delegierten im Jahr 1949 auf dem 8. Internationalen Montessori-Kongress begrüßt. Die italienische Ärztin wurde durch ihr vorschulisches Erziehungssystem bekannt. Ihr Ziel war es, die in den Kindern schlummernden Fähigkeiten zu wecken. 
Foto: dpa | Die Pädagogin Maria Montessori (l) wird von indischen Delegierten im Jahr 1949 auf dem 8. Internationalen Montessori-Kongress begrüßt. Die italienische Ärztin wurde durch ihr vorschulisches Erziehungssystem bekannt.

So entstand in dem gigantischen Neubaugebiet von San Lorenzo in Rom das erste „Kinderhaus“, in dem Montessori Schritt für Schritt ihre-später als sog. Montessori-Methode bezeichnete „wissenschaftliche“ Pädagogik erproben ließ. Deren äußeres Alleinstellungsmerkmal ist das sog. „didaktische Material“, anhand dessen die Kinder nicht inhaltlich lernen, sondern alle eine – „normale“ – Entwicklung wie auf einer Schiene durchlaufen sollen.

Ihr Menschenbild: einfach

Montessoris Menschenbild war denkbar einfach. Es beruhte gleichermaßen auf der physiologischen Zelllehre und Embryologie wie auf der Evolutionstheorie und der Glaubenslehre der Theosophie, welcher Montessori bereits seit der Jahrhundertwende anhing.

Eine empirische Untersuchung der tatsächlichen Wirkungen der Montessori-Pädagogik steht bis heute aus. Montessori selbst war nicht daran interessiert. Und die aktuellen Betreiber von Montessori-Schulen scheinen es bis heute nicht zu sein. Sie leben gut vom glanzvollen Namen der Erfinderin und von dem elitären Gestus, mit dem sie sich von den „gewöhnlichen“ Schulen abheben.

Prof. Winfried Böhm
Foto: Böhm | Prof. Winfried Böhm

Der Autor: Prof. Winfried Böhm, Jahrgang 1937, war von 1974 bis 2005 Ordinarius und Vorstand des Instituts für Pädagogik I an der Universität Würzburg. Nach musikalischer Ausbildung und einer Banklehre studierte Böhm Philosophie, Pädagogik, Theologie, Psychologie, Geschichte, Politikwissenschaft und Musikwissenschaft in Bamberg, Würzburg und Padua. Er stand von 1987 bis 2002 als Präsident der Deutschen Montessori-Gesellschaft vor und ist u.a. Mitherausgeber der Böhm ist Mitherausgeber von "Das Kind. Halbjahresschrift für Montessori-Pädagogik".

Buchempfehlungen: Winfried Böhm: Maria Montessori. Einführung mit zentralen Texten. Paderborn (Schoeningh) 2010. Sabine Seichter: Das „normale“ Kind, Weinheim (Beltz) 2020.

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