THÜNGERSHEIM

Gewiefte Torjäger im Elektrorollstuhl

Rasant: Sandra wird verfolgt von Stefan Falk. Der „Aktiv-Rolli“ (der ohne Elektrostuhl zurecht kommt) unterstützt die Ballsbusters beim Training. In der Liga darf er allerdings nicht mitspielen.
Foto: Traudl Baumeister | Rasant: Sandra wird verfolgt von Stefan Falk. Der „Aktiv-Rolli“ (der ohne Elektrostuhl zurecht kommt) unterstützt die Ballsbusters beim Training. In der Liga darf er allerdings nicht mitspielen.

Die Konzentration ist Noah Goltz, dem Torwart, ins Gesicht geschrieben. Mit hellwachen Augen folgt er den Bewegung von Vadim Lobanow, dem Torjäger der gegnerischen Mannschaft, seinem gefährlichsten Kontrahenten. Noahs Augen zucken – einen Wimpernschlag später gibt sein Finger dem Joystick den entscheidenden Impuls. Ruckartig fährt das Elektrogefährt los, bewegt sich rückwärts.

Noah hat richtig erkannt, dass Vadim hinter dem Tor herumfahren will, um dann den Ball mit seinem Hockeyschläger blitzschnell in die kurze Ecke zu schlenzen. Wie jeder Hockeytorwart will Noah das verhindern, in dem er sich genau in diese Ecke stellt und Vadim somit den Schussweg versperrt.

Blocken mit den Rädern

Darum, dass nun auch die lange Ecke abgeschirmt ist, kümmert sich inzwischen Noahs Teamkollege Marcel Weckesser. Zum Blocken des Schusses bleiben auch ihm, ebenso wie Noah, nur die Räder seines Rollstuhls. Anders als Vadim, der sogenannter Freischläger ist, den Hockeyschläger also in der Hand hält und aus dem Arm schlägt, ist Marcel auf die am Rollstuhl fest angebrachte Variante des Sportgerätes angewiesen. Damit ist er zwar deutlich weniger wendig als sein Gegenspieler, mit taktisch klugem Stellungsspiel kann er aber mit Stuhl und Schläger die Schussbahn blockieren. Ebenso wie er zuvor gegnerische Spieler abgedrängt hat, die seine Stürmerin, Sandra Steiner, bedrängen und ihr den kleinen grünen Plastikball abjagen wollten.

Jetzt aber stürmt nicht Sandra. Noch immer ist Vadim auf dem Weg zum Tor. Mit elegantem Schwung umkurvt er das Tor, holt aus – der Ball zappelt im Netz. Noah und sein Rollstuhl sind diesmal zu spät gekommen. „Ja, Tor!“, brüllt vom anderen Ende des Spielfeldes Sven Haas und reißt jubelnd den Arm hoch. „Das war der Ausgleich“, klärt Julian Wendel, sonst selbst mit auf dem Feld, heute aber als Hallensprecher und Moderator eingesetzt.

Matsch als Werbung

Sie nutzten den Sonntag in Thüngersheim für ein öffentliches Trainingsspiel, um gemeinsam zu werben – für sich und ihren Sport. Denn die Ballbusters Würzburg, so der Name des Teams, brauchen für ihre Wettbewerbsspiele Sponsoren.

Die erste Halbzeit war an Noahs Quintett im rot-weißen Trikot der Ballbusters gegangen. Jetzt, wenige Minuten nach Anpfiff, scheint die Stunde des Gegners gekommen. Den ersten Schuss hat Noah abgewehrt, doch jetzt muss er mehr oder weniger hilflos zusehen, wie der Ball quasi in Zeitlupe aus dem Torkreis herausrollt. Dort lauert - schon wieder - Vadim. Der erfahrene Spieler, der ebenso wie Sandra zum erweiterten Kader des Nationalteams gehört, hat sich direkt an der Kreislinie positioniert. Wartet dort, den Oberkörper vorgebeugt, den Schläger schussbereit. Schuss. Tor. Jetzt liegt das Team mit den schwarzen Hemden, Vadims Team, vorne.

Aber nicht lange. Denn jetzt drehen die Roten wieder auf, stürmt Sandra wieder. Christoph Wendel, der ein paar Jahre und einige Erfahrung mehr im Tor hat als sein Gegenüber Noah, hat keine Chance: Sandras Schuss kommt hart und platziert. Erneut steht es unentschieden.

Das bleibt auch so. Einer legt vor, der andere nach. Selbst das Penalty-Schießen, bei dem jeweils ein Spieler mit Ball alleine dem Tormann gegenüber steht, bringt keine Entscheidung. Die Teams sind sich absolut ebenbürtig. Zur Freude von Trainer Richard Loch-Karl. Denn das spannende Match war nur ein öffentliches Trainingsspiel und die Kontrahenten auf dem Feld spielen in der zweiten E(-lektro)Hockey-Bundesliga normalerweise mit- und nicht gegeneinander.

Neue Banden nötig

Für seine Wettbewerbsspiele braucht das Team allerdings schon bald neue Banden. Die alten, nur zehn Zentimeter hoch und aus Holz, erklärt Noahs Vater, Reinhold Goltz, sind nicht mehr zeitgemäß. Die jetzt geforderten, 40 Zentimeter hoch, aus Kunststoff, mit Platz für Werbebanner - sie bieten eine Einnahmemöglichkeit – sollen beim zweiten Spieltag der zweiten Liga in Thüngersheim (11. April 2015), das Spielfeld begrenzen. Da E-Hockey zwar bei den Krankenkassen als Rehabilitationssport gilt, die Sportler und deren Familien für ihr Sportgerät (rund 10 000 Euro) aber selbst aufkommen müssen, werden Spender und Werbesponsoren dringend gesucht. Nicht nur weil die Konzentration auf das Spiel, die Anforderung und die Bewegung den Athleten gesundheitlich guttut. Sondern eher weil – um es mit Roberts Worten zu sagen – das Ganze tierisch Spaß macht“. Und zwar ausnahmslos all denen zwischen zehn und 36 Jahren, die auf dem Feld herum sausen – wie den knapp 50 Zuschauern. Manchmal ist Sport eben doch mehr als die schönste Nebensache der Welt. Manchmal macht Sport anderes zur Nebensache, wenigstens zwei mal 15 spannende Minuten lang. Das kann kein ärztliches Rezept der Welt.

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