Würzburg

„Hier helfen auch die Gäste mal“

Das Haus mit der Sonne: Bis 2010 war das „Immerhin“ am Friedrich-Ebert-Ring. Dann wurde das baufällige Nachkriegshaus abgerissen.
Foto: TEAM IMMERHIN | Das Haus mit der Sonne: Bis 2010 war das „Immerhin“ am Friedrich-Ebert-Ring. Dann wurde das baufällige Nachkriegshaus abgerissen.

würzburg 1985 eröffnete ein Dutzend junger Leute am Friedrich-Ebert-Ring das „Immerhin“. 30 Jahre später gibt es den Jugendtreff noch immer. 25 Leute schmeißen am Wochenende den alternativen Kneipenbetrieb, organisieren Konzerte und Kulturveranstaltungen. Zum 30-jährigen Jubiläum haben sich die jungen Leute von heute mit denen von damals im „Immerhin“ getroffen.

FRAGE: 2010 ist das „Immerhin“ vom Haus mit der Sonne am Friedrich-Ebert-Ring n den Keller der Posthalle gezogen. Ist beim Umzug alles Alte rausgeflogen?

Jürgen Wolf: Na die Stehtische da drüben sind schon mal original. Die habe ich damals organisiert.

Kevin Gärtner: Auch die Barhocker, Teil der Theke und die Tür da hinten haben wir mitgenommen. Und die Mav gibt es auch noch.

Mav?

Peter Ott: Die Mitarbeiterversammlung. Der Laden wird ja, genau wie vor 30 Jahren, von Ehrenamtlichen betrieben und die treffen sich halt zur Mav. Daher kommt auch der Name für den Wirt, der nach wie vor Mav-ioso heißt. Typischer 80er Jahre Humor, oder?

In den 80er Jahren waren die meisten von Euch heutigen „Immerhinlern“ ja noch nicht einmal geboren. Interessiert Euch die Entstehungsgeschichte Eures Ladens überhaupt?

Kevin Gärtner: Ja klar. Ich habe mich sogar schon mal durch die handgeschriebenen Versammlungsprotokolle durchgearbeitet. Wahnsinnige Stapel. Damals haben die Leute sogar Briefe geschickt, um ihre Meinung zu äußern.

Unvorstellbar für die Digitalgeneration. Ihr schreibt wohl nicht mehr mit?

Lisa Schmidt: Schon. Halt im Laptop.

Und wird noch genauso viel debattiert wie damals?

Gärtner: Wir diskutieren auch mal zwei Stunden, bis wir uns auf einen fünfzeiligen Text einigen. Und dann fällt jemanden auf, dass es so nicht geht, weil der Text nicht geschlechtergerecht formuliert ist.

Früher diskutierte das „Immerhin“-Team zum Beispiel stundenlang darüber, ob Alkohol ausgeschenkt wird oder nicht.

Andreas Schrappe: Das muss man im Zusammenhang sehen. Das „Immerhin“ ist ja aus der Teestuben-Gemeinde hervorgegangen. Wir waren eine unabhängige, christliche Gemeinde, die seit 1972 im Haus mit Sonne eine andere Kirche leben wollte.

Gärtner: Und wie kam es dann zum „Immerhin“?

Schrappe: Naja, Mitte der 80er Jahre war die Zeit von Tee und Räucherstäbchen vorbei. Und wir selbst sind auch immer öfter in Discos oder Kneipen gegangen, als in unsere Teestube im Haus mit der Sonne. Es war einfach Zeit für etwas Neues. Um diesen Wandel hinzubekommen, musste man manchmal schon etwas länger nach einem Kompromiss suchen. Diese Diskussionen waren aber eine gute Schule: Wir haben damals gelernt, was Demokratie ist.

Wolf: Außerdem sind solche Prozesse ja auch ein Grund dafür, warum die Leute dabei bleiben. Bei Euch heute genauso wie damals bei uns, wird jeder mit seiner Meinung ernst genommen und kann sich einbringen. Auch den Namen „Immerhin“ haben wir gemeinsam gefunden. Und der hat sich gut gehalten.

„Christsein bestehe ja nicht nur aus Beten und Frommsein, sondern auch aus Feiern und Fröhlichsein“, schrieb die Main-Post am 26. November 1985 zur Eröffnung des „Immerhin“. In dem Artikel betonten die Gründer: „Wir wollen zeigen, dass Christen ganz normale Leute sind. Missionieren wollen wir nicht.“ Was sagt Ihr heute dazu?

Ott: Wir vermitteln schon Werte. Halt nicht auf Bibelzitat-Niveau. Aber es ist eine andere Atmosphäre bei uns. Wir pflegen einen würdevollen Umgang miteinander und mit unseren Gästen und signalisieren deutlich, dass hier jeder willkommen ist.

Jule Schipper: Seit dem Semesteranfang haben wir wieder einige Studenten als neue Stammgäste. Flüchtlinge kommen jetzt auch viele zu uns. Wir haben auch bewusst günstige Preise. Wasser und Tee sind kostenlos.

Schrappe: Tee? Ohne Witz? Dass es dieses Relikt aus der Teestubenzeit noch gibt, finde ich ja toll.

Ott: Und Schnäpse gibt es gar nicht. Unsere Gäste wissen schon, dass bei uns der Alkohol nicht im Vordergrund steht.

Tim Müller: Aber wenn sich einer doch mal zuschüttet, kümmern wir uns um ihn oder reden mit seinen Kumpels.

Ott: Aber Randale durch Betrunkene gibt es eigentlich nicht. Das liegt halt auch an unserer Image.

Inwiefern?

Ott: Na die Leute wissen, dass wir hier alle hier ehrenamtlich arbeiten und keinen Gewinn machen. Da machen die auch nichts kaputt.

Müller: Auch die Bands, die zum ersten Mal auftreten, können immer kaum glauben, dass wir ihnen nach dem Konzert die ganze Kasse überreichen. Die Musiker finden es immer unglaublich, dass wir ohne Geld arbeiten. Die Atmosphäre gefällt denen so gut, dass sie gerne wieder kommen.

Gärtner: Die Gäste spüren das auch. Nach dem Konzert helfen die zum Beispiel mit, die Kabel aufzurollen. Das gibt es woanders auch nicht.

Und warum macht ihr das ehrenamtlich?

Schmidt: Oh, das fragt mich dauernd jemand.

Schipper: Mich auch. Ich sage dann immer, das es mir einfach Spaß macht. Ich habe Spaß mit den Leuten hier etwas zusammen zu machen, einfach etwas auf die Beine zu stellen und natürlich Spaß an der Musik.

Müller: Besonders wichtig ist, dass man jede verrückte Idee verwirklichen kann. Wenn einer Lust auf einen Abend mit psychodelischer Musik mit Keyboardbegleitung hat, dann macht er halt einen. Und wenn dann nur zehn Gäste kommen, ist das auch nicht so schlimm. Wo kannst Du schon sonst so etwas ausprobieren.

Wolf: Das war es bei uns ja genauso. Und ich glaube, das ist auch ein Grund dafür, dass das „Immerhin“ immer noch existiert. Weil es immer Leute geben wird, die sich ausprobieren und einbringen wollen.

Der Jugendkulturtreff und Club in der Posthalle

Das „Immerhin“ wird von rund 25 jungen Erwachsenen ehrenamtlich betrieben. Freitags und samstags gibt es von 21 bis 1 Uhr Kneipenbetrieb. Zusätzlich finden dort Konzerte von Jazz bis Elektro, Folk und Punk, Lesungen und DJ-Partys statt. Träger des Jugendtreffs ist die evangelische Kirche. Finanziert wird das „Immerhin“ von der Stadt Würzburg, dem Stadtjugendring und der unterfränkischen Kulturstiftung. Außerdem gibt es einen Förderverein. Gegründet wurde das „Immerhin“ 1985 als Nachfolger der Teestube. Bis 2009 war der Jugendtreff im Haus mit der Sonne am Friedrich-Ebert Ring untergebracht, seit 2010 ist es im Keller der Posthalle am Bahnhof. Gründerväter des „Immerhin“ sind Andreas Schrappe und Jürgen Wolf. Andreas Schrappe war in der Teestubengemeinde aktiv und 1985 Mitbegründer des „Immerhin“.

Der Psychologe ist Leiter des evangelischen Beratungszentrums in Würzburg. Jürgen Wolf war als damaliger Zivildienstleistender der Teestubengemeinde an der Entstehung des „Immerhin“ beteiligt und arbeitete bis Mitte der 90er Jahr im Thekenteam. Jürgen Wolf ist heute stellvertretender Leiter der Mittelschule Ochsenfurt. Aktive des Jugendkulturtreffs sind: Kevin Gärtner: Der Student kümmert sich im „Immerhin“ schwerpunktmäßig um Technik und Konzerte. Wie alle anderen macht er aber auch Thekendienst. Tim Müller: Der Vermessungstechniker und Musiker organisiert zudem Konzerte. Peter Ott: Der Sozialpädagoge ist schon seit langem im Team des „Immerhin“ und kümmert sich um Organisatorisches und die Facebook-Seite. Jule Schipper ist Heilerziehungspflegerin, hilft überall mit, auch bei Konzerten. Lisa Schmidt arbeitet in der Gastronomie und kümmert sich ums Einkaufen.

Gruppenbild zum Jubiläum: Ehemalige und aktive „Immerhin-ler“ hinter dem Tresen des mittlerweile im Keller der Posthalle etablierten Jugendtreffs „Immerhin“, (von links) Kevin Gärtner, Jürgen Wolf, Jule Schipper, Andreas Schrappe, Lisa Schmidt, Peter Ott und Tim Müller.
Foto: THOMAS OBERMEIER | Gruppenbild zum Jubiläum: Ehemalige und aktive „Immerhin-ler“ hinter dem Tresen des mittlerweile im Keller der Posthalle etablierten Jugendtreffs „Immerhin“, (von links) Kevin Gärtner, Jürgen ...
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