Zellerau

Holocaust-Überlebende Malinowski ist gestorben

Anders als viele Angehörige und Freunde überlebte Krimhilde Malinowski den nationalsozialistischen Terror. Nun ist sie gestorben. Ein Nachruf.
Krimhilde Malinowski auf einer Archivaufnahme von 2007.
Foto: Monika Dietz | Krimhilde Malinowski auf einer Archivaufnahme von 2007.

Die Holocaust-Überlebende Krimhilde Malinowski ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Die Sintezza aus der Benzstraße in der Zellerau war Trägerin des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse und der Behr-Medaille der Stadt Würzburg. "Im Dritten Reich wurde ich physisch kaputt gemacht", hat sie dem Historiker und Ethnologen Norbert Aas gesagt, "danach im Kampf um die Wiedergutmachung und Entschädigung auch noch psychisch."

Zur Welt ist sie gekommen in Stettin als eines von 16 Kindern der Eheleute Otto und Rosalia Franz. Ihr Vater war Musiker und Puppenspieler, damit ernährt er die Familie. In ihrer Autobiografie "Das Schweigen wird gebrochen. Erinnerungen einer Sintezza an den Nationalsozialismus" berichtete sie von einer materiell armen, aber glücklichen Kindheit. Die Franzens waren sesshafte Leute. "Ich wusste nicht einmal, wie ein Wohnwagen ausschaut."

Das Glück endet in der Schule. Sie erzählte vom "Fräulein Carmesin", einem "Naziweib", das die Sinti-Kinder als doof abgefertigt und drangsaliert habe. "Wenn ich die heute in meine Finger bekommen täte!", zürnte sie noch als 73-Jährige, "vor dem Richter täte sie ihre Schläge kriegen, vor dem Richter!"

Zwangsarbeit und Zwangssterilisation

Nachdem Malinowski in den Sechzigerjahren Entschädigung beantragt hatte für entgangene Berufschancen, erlittene Zwangsarbeit und Zwangssterilisation, befragte das Bayerische Landesentschädigungsamt die Carmesin. Die antwortete dem Bescheid zufolge, sie könne sich aus dieser Zeit nicht an Zigeunerkinder erinnern. Der Antrag wurde abgelehnt.

Malinowski erzählt in ihrer 2003 veröffentlichten Autobiografie, sie glaube nicht, dass die Carmesin in den Himmel kommt. Wenn aber doch, "ich schmeiß sie oben raus".

Aufgeschrieben hat sie der Historiker Aas. Sie hatte ihm ihre Lebensgeschichte auf Band gesprochen.  Wie unserer Redaktion gelang es ihm nicht, manche ihrer Berichte, besonders über die Zwangsarbeit, zu verifizieren. Außer Malinowskis Schilderungen sind offenbar keine weiteren über das Zwangsarbeiterlager, das sie beschreibt, erhalten oder zugänglich. Aas erklärt das mit den "schlimmen Zerstörungen in Stettin" und damit, dass der "historische Faden der Überlieferung" nach dem Krieg und dem Übergang Stettins an Polen gerissen sei.

Gast in vielen Schulen

Anders als viele Angehörige und Freunde überlebte sie den nationalsozialistischen Terror. Nach dem Krieg kam sie nach Würzburg, wo sie bis ins hohe Alter in Schulen von ihren Erlebnissen berichtete und an Workshops für Jugendliche in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz mitarbeitete.

Im Jahr 2015 entschied der Stadtrat, Malinowski die Behr-Medaille zu verleihen, die an den Würzburger Freiheitskämpfer Wilhelm Behr (1775 bis 1851) erinnert. OB Christian Schuchardt sagte in seiner Laudatio, erst "nach einer Reihe von demütigenden Erfahrungen" habe Malinowski eine Entschädigung erhalten. Trotzdem habe sie sich "nicht von Hass oder Verbitterung leiten lassen", sondern dafür eingesetzt, dass ihre "furchtbaren Erfahrungen anderen Menschen erspart bleiben".

Aus dem gleichen Grund hatte sie zwei Jahre zuvor das Bundesverdienstkreuz bekommen. In der Begründung hieß es zudem, sie stelle "mit ihrem Engagement für die Minderheit der Sinti und Roma eine wichtige Multiplikatorin zum Abbau antiziganistischer Vorurteile dar".

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