Glosse

Im Reich des Schimmels: der Bürokühlschrank

Wenn Kollegen für längere Zeit verschwinden, lassen sie manchmal etwas zurück - Lebensmittel. Und die entwickeln dann gerne mal ein Eigenleben.
Der Eigentümer geht, aber sein Lebensmittel bleibt da. Lange geht das nicht gut.
Foto: Jens Kalaene, DPA | Der Eigentümer geht, aber sein Lebensmittel bleibt da. Lange geht das nicht gut.

Immer, wenn ich vor dem Kühlschrank in unserer Ochsenfurter Redaktion stehe, fällt mir ein ziemlich altes Lied von Trude Herr ein: "Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier", heißt es da. Zutreffender hätte man eine Ballade auf den Bürokühlschrank kaum texten können (obwohl ich glaube, dass Trude Herr uns eigentlich etwas anders mitteilen wollte). Der Bürokühlschrank ist kein Küchengerät im engeren Sinne, sondern vielmehr eine Gedenkstätte, in der überaus greifbare Erinnerungen an in den Urlaub entschwundene oder an andere Arbeitsplätze gewechselte Kollegen sowie eine ganze Reihe von Praktikanten am Leben gehalten werden.

"Am Leben halten" ist hier durchaus wörtlich zu verstehen, denn in einem halb aufgegessenen, gottlob fest verschlossenen Glas Bratwurstbrät finden wir zwei Monate nach Anbruch eine Zivilisation vor, die vermutlich kurz vor der Erfindung einer eigenen Schrift steht (nochmal vier Wochen später wird dann wahrscheinlich die parlamentarische Demokratie eingeführt). Die Schimmelkultur dürfte damit, neben dem Reich der Ägypter und der aztekischen Kultur, eine der komplexesten Gesellschaftsordnungen sein, die jemals ihre Spuren auf der Erde hinterließ.

Keine Wertschätzung für den Schimmel

Nun stellt sich die Frage, was passiert, wenn die Schimmelkultur aus dem Kühlschrank auf unsere Kultur trifft. Wie wird sich der Schimmel uns gegenüber verhalten? Im Allgemeinen hat die Schimmelkultur ja bislang keine guten Erfahrungen mit modernen Zivilisationen gemacht. Wir vernichten den Schimmel, wo immer wir können. Wir schmeißen ihn mitsamt seinem Habitat, dem ältlichen Holzofenbrot oder dem vergessenen Pfirsich aus der Vesperbox unseres Kindes, in den Müll. Spülen hinterher alles heiß und gründlich aus und zeigen ihm so, dass er bei uns nicht willkommen ist.

Nur, wenn er uns irgendwie von Nutzen sein kann, kultivieren wir den Schimmel. Dann umgarnen und umschmeicheln wir ihn, richten ihm eine Wohlfühl-Oase ein, auf dass er für uns schmackhaften Käse oder Penicillin herstelle. Ja, in solchen Fällen, da kommt uns der Schimmel recht gelegen.

Der Bratwurstglas-Schimmel aus unserem Bürokühlschrank hat solche Wertschätzung freilich nicht erfahren. Wir haben ihn sang- und klanglos hinausgeworfen. Obwohl man ihm durchaus ein Abschiedslied hätte widmen können: Time to say Good Bye.

Im Reich des Schimmels: der Bürokühlschrank
Foto: Käuzle
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Claudia Schuhmann
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