Aub

Integration seit mehr als 30 Jahren

Seit 1981 gibt es in Aub das Wohnheim für Asylbewerber. Ungefähr seit 1984 finden immer wieder junge Heimbewohner den Weg zum Auber Fußballverein.

Waren es zunächst Sportler aus Polen und der Sowjetunion, später aus den auseinander driftenden GUS-Staaten, dazu Tamilen aus Sri Lanka, so fanden sich im Laufe der Jahre Fußballer aus allen Krisenherden der Welt, aus Afrika und Arabien oder aus den Staaten des zerfallenden Jugoslawien wie dem kriegsgeschüttelten Bosnien oder Kosovo. Aus Somalia und Nigeria, aus dem Irak, aus Afghanistan oder aus der Türkei fanden junge Männer zum TSV.

„Mit den Spielerpässen der ausländischen Sportkameraden könnten wir die Weltkarte schon sehr gut bestücken“, sind sich Claus Rübling, Christopher Dietl und Hans Knorz vom Vorstand des Auber Sportvereins einig. In den Archiven des Vereins finden sich noch insgesamt 44 Spielerpässe ausländischer Fußballer aus insgesamt 13 verschiedenen Ländern der Erde.

Es ist nicht immer leicht, die ausländischen Spieler, die oft kaum Deutsch sprechen und verstehen, zu integrieren, denn es kommen aus dem Schloss nicht nur nette Jungs zum Verein. Da sind manchmal auch Problemfälle dabei, die klauen oder keinen Respekt beispielsweise vor den Schiedsrichtern haben. Die müssen erst den Umgang mit den Mannschaftskameraden, mit den Trainern, Schiedsrichtern und Zuschauern lernen. Im Fußballverein bekommen sie Kontakt mit Einheimischen, lernen sie die Sprache, werden in die Mannschaft integriert.

Über den Verein finden sie Anschluss an die Mannschaftskameraden, werden von denen nicht nur zum Spielbetrieb mitgenommen sondern auch zu anderen Veranstaltungen im und außerhalb des Vereins. Sie finden Unterstützung, wenn es darum geht, günstig Einrichtungsgegenstände, gebrauchte Fernseher, aber auch einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden. Selbst zu Weihnachtsfeiern wurden die jungen Spieler schon von Vereinsmitgliedern mit nach Hause eingeladen.

Dabei hat man beim TSV nicht nur uneigennützig gehandelt. Besonders in den späten 1990er Jahren, als der TSV aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge erheblich unter Spielermangel litt, halfen die fremden Spieler, den Spielbetrieb aufrecht zu halten. Damals stellten die Schlossbewohner oft mehr als die halbe Fußballmannschaft.

Das fand nicht immer nur Zuspruch. Besonders auf gegnerischen Sportplätzen war das nicht immer gerne gesehen. Oft genug wurden die Auber als „Kanakentruppe“ beschimpft, oft aber blickten die Zuschauer und Gegner auch neidisch auf die Ballfertigkeit, die die ausländischen Spieler auf dem Platz zeigten. Es waren gute Fußballer dabei, die ihren Weg über den TSV Aub auch in höherklassige Mannschaften fanden.

Aber bevor ein ausländischer Fußballer zum Spiel auflaufen darf, gilt es, bürokratische Hindernisse zu bewältigen. Da müssen Aufenthaltsgenehmigungen vorgelegt werden, die Spielberechtigung muss eingeholt werden. Dazu müssen Anträge gestellt werden beim Bayerischen Fußballverband, der sich über den DFB an den jeweiligen ausländischen Fußballverband wendet.

Der wiederum muss bestätigen, dass der Spieler nicht noch bei dortigen Vereinen verpflichtet ist. Das ist nicht immer einfach in Kriegsgebieten, wenn die Städte und Dörfer dort in Schutt und Asche liegen. So kann es manchmal mehrere Monate dauern, bis ein Spielerpass ausgestellt werden kann, klagt besonders Vereinsvorsitzender Claus Rübling, an dem ein Großteil der bürokratischen Arbeit hängen bleibt.

Sind die Fußballer dann spielberechtigt, muss sich der Verein auf die Besonderheiten im Herkunftsland einlassen, muss sich mit verschiedenen Essensgewohnheiten auseinander setzen, religiöse Bestimmungen beachten, kommen die Spieler doch aus verschiedenen Kulturkreisen. Vom Verein werden sie ausgestattet mit Fußballschuhen und mit Sportkleidung.

Auch heute noch staunen die Trainer und Mannschaftskollegen über Gewandtheit am Ball, die so mancher Schlossbewohner zeigt. „Meist müssen die aber erst lernen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, dass nicht Kunststückchen mit dem Ball den Erfolg garantieren, sondern dass der Ball gemeinschaftlich in das Tor des Gegners gebracht werden muss, weiß Trainer Christopher Dietl zu berichten. „Da waren schon junge Männer aus dem arabischen Raum dabei, die konnten am Ball alles, aber nicht auf Tor schießen. Es stellte sich heraus, dass die in ihrer kriegserschütterten Heimat nur in Fabrikhallen spielen konnten und es dort keine einfach keine Tore gab.

Noch heute tief erschüttert ist man beim TSV über das Schicksal eines jungen Spielers aus dem Kosovo. „Der war das größte Talent, das je beim TSV gespielt hat,“ ist man sich im Vorstand einig. Das Fußballspielen gelernt hatte er in Jugendmannschaften von Fortuna Düsseldorf, ehe er nach Aub kam. Bei einem Streit in einem Asylbewerberheim in Würzburg wurde der junge Spieler im Alter von 23 Jahren von einem anderen Asylbewerber rücklings mit dem Messer niedergestochen und verstarb. Für die damals Verantwortlichen beim TSV blieb nur noch, die Angehörigen bei der Überführung des Leichnams in seine Heimat zu unterstützen.

Leider sind die meisten der ausländischen Fußballer nur kurz beim TSV, ziehen dann weiter. Derzeit ist aber auch ein Spieler aus Somalia für den TSV aktiv, der spielt hier jetzt das dritte Jahr, so lange, wie vorher noch keiner dabei war. Außer ihm laufen aktuell zwei weitere ausländische Spieler für den TSV auf. Stolz ist man beim TSV auf einen Spieler aus dem Kosovo, der inzwischen einen deutschen Pass hat. Der ist mit dem Verein aufgewachsen und bestens in den Verein integriert.

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