Würzburg

Kampf gegen Klimawandel: Warum die Firma Memo nicht wartet

Immer mehr Online-Bestellungen sorgen für immer mehr Luftverschmutzung – auch in Würzburg. Wie ein mainfränkisches Versandunternehmen dem entgegenwirken möchte.
Einfach machen: Der Greußenheimer Versandhändler Memo setzt das Klimapaket Würzburg um. Deswegen beauftragt das Unternehmen zur Auslieferung der Waren Boten mit Elektrofahrrädern, wie hier Hannes Götz in Würzburg.
Foto: Johannes Kiefer | Einfach machen: Der Greußenheimer Versandhändler Memo setzt das Klimapaket Würzburg um. Deswegen beauftragt das Unternehmen zur Auslieferung der Waren Boten mit Elektrofahrrädern, wie hier Hannes Götz in Würzburg.

Das Problem ist seit langem bekannt: Immer mehr Menschen bestellen bequem von zuhause aus in Online-Shops. Das sorgt für mehr Lieferverkehr und damit für eine höhere Luftverschmutzung. Vor allem größere Städte kämpfen aber ohnehin mit der Feinstaub- und Stickoxidbelastung.

So auch Würzburg. 2018 verabschiedete der Stadtrat den Green City Plan Würzburg, auf dessen Basis eine emissionsfreie Mobilität entwickelt werden soll. Im Rahmen dieses Plans wurden Straßen ermittelt, die besonders unter Stickstoffdioxid-Belastungen leiden. Als problematisch stellten sich in der Innenstadt die Grombühlstraße und die Theaterstraße heraus.

Den Angaben des Bayerischen Landesamtes für Umwelt zufolge wurde der Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter hier immer wieder überschritten. In der Grombühlstraße wurde 2018 ein Wert von 52 Mikrogramm gemessen. Hauptverursacher für die erhöhten Stickstoffdioxidwerte ist laut dem Landesamt der Straßenverkehr.

Arbeiten Hand in Hand gegen die schlechte Luft und die Verkehrsbelastung in Innenstädten: Frank Schmähling (Vorstand Memo) und Karolin Zientarsky (Geschäftsführung Radboten).
Foto: Johannes Kiefer | Arbeiten Hand in Hand gegen die schlechte Luft und die Verkehrsbelastung in Innenstädten: Frank Schmähling (Vorstand Memo) und Karolin Zientarsky (Geschäftsführung Radboten).

Professor Ulrich Müller-Steinfahrt von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) hatte für den Green City Plan Würzburg ein Teilkonzept entworfen. Dabei wurden Maßnahmen herausgearbeitet, die in Würzburg besonders gute Effekte haben könnten.

Memo verwirklicht Klimapaket Würzburg

Vor allem die Einrichtung sogenannter Micro-Hubs sei für Würzburg interessant, so Müller-Steinfahrt. Micro-Hubs sind Bündelungspunkte, zu denen die Ware mit Elektrofahrzeugen gebracht wird. Von dort aus werden die Produkte mit Elektro-Lastenrädern zu den Kunden transportiert.

Ein Unternehmen aus Greußenheim (Lkr. Würzburg) will aber nicht warten, bis sich die Maßnahmen der Stadt konkretisieren und geht mit gutem Beispiel voran: der Versandhändler Memo, der Bürobedarf und Alltagsartikel anbietet. Memo hat für die letzte Meile, also den Weg des Produkts zur Haustür des Kunden, eine Kampagne mit dem Namen „Klimapaket Würzburg“ entwickelt.

Memo kooperiert mit den Radboten

„Das Klimapaket der Bundesregierung ist derzeit in aller Munde und wird sehr kontrovers diskutiert. Wir nehmen das Wort auf und interpretieren es auf unsere Weise“, erklärt Vorstandsmitglied Frank Schmähling.

Das bedeutet konkret: Seit diesem Sommer werden die Pakete mit einem Elektrofahrzeug, das mit Ökostrom aufgeladen wird, nach Würzburg gebracht. Die Waren werden dann mit Elektro-Lastenrädern zu den Kunden transportiert. Dafür kooperiert Memo mit den Radboten – einem Würzburger Fahrradkurier-Unternehmen.

Same-Day-Lieferung in Würzburg

Die Waren werden in alle Würzburger Stadtteile gebracht, ausgenommen sind die jene mit der Postleitzahl 97084. Darunter fallen unter anderem die Stadtteile Heuchelhof und Rottenbauer. Sie seien für die Radboten zu weit weg, hieß es.

Die Kunden können sich für eine Same Day-Lieferung entscheiden. Geht die Bestellung vor elf Uhr ein, werden die Pakete am selben Tag ausgeliefert.

„Als Versandhändler sind wir Teil des Problems und stellen uns mit dieser Maßnahme unserer Verantwortung, indem wir in Eigeninitiative schnell handeln“, so Schmähling. Eine Maßnahme, die Memo vor logistische Herausforderungen stellt: Für die Same-Day-Lieferung sei eine Mitarbeiterin abgestellt worden, die die Aufträge aus dem System zieht. Es ist zudem eine Herausforderung, Lastenfahrräder zu finden, die auch Steigungen überwinden können, sagt Professor Ulrich Müller-Steinfahrt.

Lastenfahrräder haben nicht nur ökologische Vorteile

Müller-Steinfahrt und eine Studierendengruppe der FHWS haben für das Projekt mit Memo zusammengearbeitet. Sie entwickelten für Memo das Belieferungskonzept der letzten Meile. Dafür wurde überlegt, wie ein Lastenrad optimal ausgelastet sein kann und wo die Micro-Hubs in Würzburg entstehen können. „Es waren viele Datenanalysen, Vor-Ort-Begehungen, Messebesuche und Gespräche mit Lastenradherstellern“, so Müller-Steinfahrt.

Mit dem „Klimapaket Würzburg“ garantiert Memo laut Schmähling eine emissionsfreie Lieferung der Produkte. Karolin Zientarski, Mitgründerin der Radboten, sieht nicht nur den ökologischen Vorteil: „Es gibt Bereiche in der Stadt, in denen man bestimmte Genehmigungen braucht. Mit dem Fahrrad fährt man einfach rein.“ Staus oder Straßensperrungen seien für die Radboten irrelevant. Zudem behindere das Lastenrad den Verkehrsfluss nicht, da es nicht in zweiter Reihe geparkt werden muss.

In Berlin kommt das Projekt gut an

Pro Tag verschickt Memo derzeit zwölf bis 15 Pakete nach Würzburg. In anderen deutschen Städten ist das Unternehmen schon früher auf Radlogistik umgestiegen. Besonders gut angelaufen sei das Projekt in Berlin, sagt Schmähling: Über 30 000 Pakete wurden seit 2016 per Lastenrad zugestellt. Das Thema Nachhaltigkeit sei schon von Anfang an für Memo wichtig gewesen. „Die Prozesse der Zustellung sind ein Teil der Nachhaltigkeit. Wir wollen das so gut wie möglich machen“, so Schmähling.

Bei den Würzburger Kunden komme das Projekt sehr gut an, sagt Karolin Zientarski, die selbst als Fahrradkurierin tätig ist. „Meistens können die Kunden nicht glauben, dass wir tatsächlich mit dem Fahrrad geliefert haben.“

Für die Luftqualität in Würzburg habe das Projekt von Memo aber keine spürbaren Auswirkungen, so Professor Müller-Steinfahrt. „Wenn wir aber so argumentieren, dass der Effekt ein nicht so großer ist, dann bewegt sich gar nichts.“

Effekte des Memo-Projekts nicht spürbar

Wichtig ist laut Müller-Steinfahrt, dass es ein ganzheitliches Konzept für die Innenstadt gebe. Aufgrund von Budgetknappheit seien einige Maßnahmen aus dem „Green City Plan Würzburg“ bisher noch nicht umgesetzt worden. „Ich freue mich deshalb, dass Memo gesagt hat: Wir machen es selbst.“

Bei den Radboten hat man das Gefühl, dass bei vielen Unternehmen ein Umdenken stattfindet. Karolin Zientarski freut sich über die Kooperation mit Memo. „Was nach außen gezeigt wird, steht auch dahinter, es ist keine Mogelpackung. Da fährt man gerne mal eine Extrarunde.“

Memo und Green City Plan
Die Memo AG wurde 1990 als Versandhaus für umweltverträgliche Büroartikel gegründet. Seit 2007 ist das Unternehmen klimaneutral. 2009 wurden die sogenannten Memo-Boxen entwickelt. Es handelt sich dabei um wiederverwendbare Boxen, deren Vorgänger die „Postbox“ war. Kunden können ihre Produkte aus der Box entnehmen, diese wird von den Fahrradkurieren direkt wieder mitgenommen. Dadurch wird Verpackungsmüll vermieden.
Der Green City Plan Würzburg wurde im Juli 2018 beschlossen. Beteiligt waren lokale Experten, Wissenschaftler und die Bevölkerung. Der Plan war die Grundlage für das Aktionsprogramm „sauber mobil“, mit dem eine nachhaltige Verkehrswende so schnell wie möglich fortgesetzt werden soll. Würzburg ist durch den Green City Plan auch Teil eines Förderprogramms der Bundesregierung geworden. Für 67 Kommunen werden bis Ende 2020 eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt.
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