Würzburg

Kommentar: Leute, hört auf zu jammern und genießt den Sommer!

Kaum haben wir die Pandemie halbwegs im Griff, beschweren wir uns über das heiße Wetter. Dabei gibt es gute Gründe, sich am Sommer zu erfreuen, meint unser Autor.
Endlich Sommer! Wurde nach dem langen Lockdown und dem kühlen, verregneten Frühjahr auch Zeit. Warum beschweren sich jetzt aber schon wieder einige über die Hitze?
Foto: Ulises Ruiz | Endlich Sommer! Wurde nach dem langen Lockdown und dem kühlen, verregneten Frühjahr auch Zeit. Warum beschweren sich jetzt aber schon wieder einige über die Hitze?

Bis zu 36 Grad soll es an diesem Wochenende warm werden. Furchtbar, oder? Vor lauter Sommer müssen wir schwitzen, Kappe tragen, viel trinken, im Freien grillen und auf Schatten achten. Vor Schwimmbädern, Eisdielen und Biergärten werden sich Schlangen bilden. Echt schlimm ist das.

Leute, geht's noch? Vor Kurzem – einige werden sich erinnern – sah es doch so aus, als werde dieser Corona-Lockdown nie zu Ende gehen. Viele von uns haben gefürchtet, sie müssten diesen Sommer mehr oder weniger komplett allein mit ihren Lieben daheim verbringen. Biergärten und Gasthöfe waren geschlossen. Schwimmbäder sowieso. Urlaub schien ferner denn je, Hotels und Campingplätze fast überall in Europa waren dicht. Und zu all diesem Unglück kamen auch noch Kälte und Regen dazu.

Deutschland ist glimpflich durch die Pandemie gekommen

Ist das alles schon vergessen? Was ist nur los? Statt sich darüber zu freuen, dass der harte Lockdown erst einmal vorüber ist, dass wir - alles in allem - doch relativ glimpflich durch diese Pandemie gekommen sind, dass trotz aller Unzulänglichkeiten der Impfkampagne nun doch der größte Teil der Erwachsenen zumindest einmal das begehrte Vakzin erhalten hat, wirken viele Menschen seltsam unzufrieden. Das Klischee, dass die Deutschen mehr als andere Völker zum Nörgeln neigen, scheint sich in diesen Tagen einmal mehr zu bestätigen.

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Um nicht falsch verstanden zu werden:  Die Corona-Zeit war nervig und anstrengend. Vor allem für die Menschen, die ihren Job oder gar ihr ganzes Business verloren haben, für Alleinerziehende und junge Familien, die in der Zwei-Zimmer-Wohnung ohne Balkon im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder im Homeschooling betreuen mussten, für Senioren, die einsam zu Hause oder in einem Heim auf bessere Zeiten warteten, für junge Leute, denen die Gemeinschaft in der Schule oder im Verein gefehlt hat. Nicht zu vergessen all jene, die sich selbst mit Corona infizierten oder den Verlust einer nahestehenden Person durch das Virus zu beklagen hatten. Ihnen gilt unser Mitgefühl.

Nichtsdestotrotz: Gerade im Vergleich zu anderen Ländern (auch in Europa), wo die Corona-Beschränkungen sehr viel rigider ausfielen, gibt es für uns Deutsche wenig Grund zu mäkeln. Das aber scheinen viele vergessen zu haben. Ja, noch schlimmer: Statt nun dankbar und gelassen durchzuatmen, wird schon wieder über den Sommer geschimpft.

Nörgeln in der Gruppe kann Gemeinsinn stiften

Psychologen hat dieses Phänomen immer wieder beschäftigt. Die Nörgelei der Deutschen habe historische Wurzeln, sagt etwa Michael Thiel, Autor des Buchs "Deutschland, ewig Jammerland!".  So habe der preußische Obrigkeitsstaat dafür gesorgt, dass die Menschen hierzulande lange unmündig blieben. Die politischen Führer sagten an, was getan werden musste. Sie waren somit auch schuld, wenn die Dinge nicht so liefen, wie man sie gerne gehabt hätte. Die Eigenverantwortung der Menschen sei so nicht gefördert worden. Stattdessen wurde jahrhundertelang lieber gejammert.

35 Grad Celsius zeigte das Thermometer am Donnerstag am Kürschnerhof in Würzburg an.
Foto: Ulises Ruiz | 35 Grad Celsius zeigte das Thermometer am Donnerstag am Kürschnerhof in Würzburg an.

Psychologe Thiel sagt auch, dass Nörgeln in der Gruppe durchaus Gemeinsinn stiftet und deshalb etwas Befreiendes hat. Übertreibe man es aber mit der Jammerei, koste es den Menschen aber dauerhaft zu viel Energie. Energie, die dann an anderer Stelle im Alltag fehlt.

Deshalb kann die Devise in diesen Tagen nur heißen: Einfach genießen! Selbst wenn die Schlangen vor den Bädern lang und die Feiern der jungen Leute laut sind. Aufgetankt mit Sonne und positivem Lebensgefühl werden wir dann die Herausforderungen angehen, die trotz Sommer - da dürfen wir nicht blauäugig sein - bleiben: der Corona-Herbst, der Klimawandel, die Zukunft der Rente, der Stress bei der Arbeit, die Konflikte in der Familie . Und, und, und...  Echt schlimm das alles. 

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