Würzburg

Krebs: Männer schwächeln bei der Früherkennung

Regelmäßige Krebs-Untersuchungen können Leben retten. Doch vor allem Männer in Deutschland sind Vorsorgemuffel, das erleben auch Hausärzte und Spezialisten in Mainfranken.
Eine Besucherin in einem acht Meter langen begehbaren Darm-Modell im Foyer des Geraer SRH Waldklinikums (Archivbild): rechts ein Adenokarzinom – ein Tumor, der aus Drüsengewebe entstanden ist.
Foto: Bodo Schackow, dpa | Eine Besucherin in einem acht Meter langen begehbaren Darm-Modell im Foyer des Geraer SRH Waldklinikums (Archivbild): rechts ein Adenokarzinom – ein Tumor, der aus Drüsengewebe entstanden ist.

Krebs - über eine halbe Million Menschen in Deutschland erhält jährlich diese Diagnose. Dabei könnten nach Einschätzung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) 40 Prozent der Neuerkrankungen vermieden werden – allein durch eine gesündere Lebensweise. Bewegungsmangel, langes Sitzen, unausgewogene Ernährung und Übergewicht erhöhen das Krebsrisiko. Und doch ist es in den meisten Fällen nicht zu beeinflussen.

Früherkennung kann Leben retten

Umso wichtiger, eine Krebserkrankung frühzeitig zu erkennen. Bei einigen Tumorarten ist eine Behandlung im frühen Stadium deutlich aussichtsreicher als nach einer späten Diagnose – am besten, noch bevor der Krebs Symptome hervorruft, streut und zur Gefahr wird. Früherkennung kann Leben retten. Doch nicht für alle Tumorarten sind Untersuchungen gleich sinnvoll, gute Ärzte klären darüber auf.

Erste Anlaufstelle Hausarzt: Er bespricht mit Patienten die Krebsfrüherkennung und deren Befunde.
Foto: Deutsche Krankenversicherung | Erste Anlaufstelle Hausarzt: Er bespricht mit Patienten die Krebsfrüherkennung und deren Befunde.

Das Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz, 2013 neu gefasst, garantiert Vorsorgeuntersuchungen, die von den Krankenkassen bezahlt werden:  für Brustkrebs, Darmkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Prostatakrebs und Hautkrebs. Ziel des gesetzliche Programms: Es sollen weniger Menschen an Krebs sterben.

Gedacht sind die Untersuchungen für Menschen ohne erhöhtes Risiko. Treten gehäuft Krebsfälle in der Familie oder in der Verwandtschaft auf, empfiehlt das DKFZ, sich bei Ärzten über zusätzliche Möglichkeiten der Früherkennung zu informieren. Denkbar wäre eine Genanalyse. 

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Im DKFZ hält man den Nutzen der Früherkennung bei Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs für "sehr gut belegt und kaum umstritten".  Hingegen hätten die Untersuchungen auf Brust-, Haut-und Prostatakrebs zu vielen Diskussionen geführt. Experten kommen hier zu unterschiedlichen Bewertungen. Denn nicht jeder Tumor erfordert eine sofortige Operation oder Behandlung, doch er sorgt für Beunruhigung beim Betroffenen. Außerdem kann es, in seltenen Fällen, zu Fehldiagnosen mit unnötigen Folgeuntersuchungen oder gar Eingriffen kommen. Und es kann – ebenso selten – ein Tumor übersehen werden, der Patient wiegt sich dann in falscher Sicherheit.

Ab einem bestimmten Alter regelmäßig untersuchen lassen

Trotz der Bedenken stehen die meisten Mediziner hinter dem deutschen Früherkennungsprogramm, das Frauen und Männern jeweils ab einem bestimmten Alter den Gang zum Arzt nahelegt. Beispiel Brustkrebs: "Je früher man eine Erkrankung erkennt, desto besser ist die Prognose", sagt Prof. Achim Wöckel, Leiter der Uni-Frauenklinik in Würzburg.

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Zu den Untersuchungen ist niemand verpflichtet, sie sind freiwillig. Dass die Vorsorgebereitschaft  recht unterschiedlich ausgeprägt ist, merken auch die Hausärzte. Als Gesundheitslotsen sollen sie ihre Patienten routinemäßig über Krebsrisiken und Früherkennung aufklären - nur wollen nicht alle etwas davon wissen. Männer, sagt Dr. Christian Pfeiffer, Vorsitzender des unterfränkischen Hausärzteverbandes aus Giebelstadt (Lkr. Würzburg), ducken sich häufiger weg. Nicht selten werden sie von ihrer Ehefrau zur Untersuchung geschickt.

Alle zwei Jahre werden Frauen zwischen 50 und 69 zum Mammografie-Screening eingeladen
Foto: Viviane Wild, dpa | Alle zwei Jahre werden Frauen zwischen 50 und 69 zum Mammografie-Screening eingeladen

"Für Frauen beginnt die Vorsorge schon in jungen Jahren beim Gynäkologen, für sie ist das viel selbstverständlicher", sagt der Allgemeinmediziner. Pfeiffer appelliert an beide Geschlechter, das Krebsrisiko ernst zu nehmen: "Das beginnt bei einem gesunden Lebensstil mit Bewegung und guter Ernährung."

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Aber auch die Untersuchungen zur Früherkennung der verschiedenen Krebsarten seien wichtig. Der Hausarzt könnte hier das "Komplettprogramm" anbieten, sagt Pfeiffer. Bei Auffälligkeiten wird der Betroffene in der Regel an die Fachärzte überwiesen. Die letztliche Gewissheit einer Krebsdiagnose liefere immer erst eine Gewebeprobe.

Wie mit einem Krebsbefund umzugehen ist – das versucht der Hausarzt gemeinsam mit den Betroffenen im persönlichen Aufklärungsgespräch festzulegen: "Wir müssen die Risiken einordnen und eine Strategie entwickeln." Die könne bei einem 80-Jährigen bedeuten, dass man auf die Operation eines Prostatakarzinoms verzichtet, während man sie bei einem 60-Jährigen noch durchführen würde.

Auch Untersuchungen zur Früherkennung schützen nicht hundertprozentig

"Es gilt immer den Einzelfall zu betrachten", sagt Pfeiffer. Der kann bisweilen auch für den Arzt sehr belastend sein - etwa wenn eine Patientin trotz regelmäßiger Früherkennung an Brustkrebs erkrankt. Einen hundertprozentigen Schutz gebe es nicht, "Krebs kann auch in sehr kurzer Zeit wachsen." Doch rät der Mediziner dringend zu den Untersuchungen.

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Beispiel Darmkrebs, laut Robert Koch-Institut (RKI) zweihäufigste Krebsart bei Frauen und dritthäufigste bei Männern: "Den könnte man fast ausrotten", ist Pfeiffer überzeugt. Denn die Darmspiegelung  ist wie auch der Test für Gebärmutterhalskrebs eine der wenigen Untersuchungen, bei der Krebs nicht nur erkannt wird. Dabei können auch mögliche Vorstufen, die Polypen, entfernt werden, bevor Krebs entsteht: Früherkennung und Vorsorge in einem.

Darmspiegelung: wertvoll, aber mit Scham behaftet

Dennoch gibt es Vorbehalte gegenüber Darmspiegelungen (Koloskopien), wie Prof. Alexander Meining, Schwerpunktleiter der Gastroenterologie am Würzburger Uniklinikum, weiß: "Da gibt es Hemmnisse." Der Darm sei für viele Menschen eine schambehaftete Zone, über die man nicht gerne spricht. Andere hätten Angst vor Schmerzen oder Sorgen, zuviel von der Untersuchung mitzubekommen. Bedenken, die Meining ausräumt.

Prof. Dr. Alexander Meining ist Ordinarius für Gastroenterologie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg.
Foto: Barbara Knievel / Uniklinikum Würzburg | Prof. Dr. Alexander Meining ist Ordinarius für Gastroenterologie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Uniklinikums Würzburg.

Die Untersuchung berge nur ein minimales Risiko, dass der Darm verletzt wird. Ein fingerdicker Schlauch wird durch den After in den Darm eingeführt, über eine Kamera kann der Arzt Darminneres und Darmschleimhaut untersuchen, Wucherungen entfernen und Gewebeproben entnehmen.

"Es gibt nichts, wovor der Patient Angst haben muss."
Gastroenterologe Prof. Alexander Meining

Lässt er sich zuvor eine Schlafspritze verabreichen, dämmert der Patient für die Dauer der Koloskopie, etwa eine halbe Stunde, komplett weg. 90 Prozent der Untersuchten machten mittlerweile davon Gebrauch, so Meining: "Es gibt nichts, wovor der Patient Angst haben muss." Auch nicht vor den notwendigen Abführmaßnahmen im Vorfeld zur Darmreinigung. Heute reicht es aus, ein bis zwei Liter zu trinken, die Spülungen gibt es mit Zitronen- und Orangengeschmack. 

Internisten oder Gastroenterologen benötigen für die Durchführung von Darmspiegelungen eine spezielle Zulassung. Sie soll Qualität und Hygienestandards sichern. Etwa bei einem Viertel der Untersuchungen, so Meining, würden Polypen und sogenannte Adenome entfernt – gutartige Geschwülste, die aber bösartig werden können. Das Risiko einer Krebserkrankung werde durch das Entfernen deutlich gesenkt. Wird bei der Koloskopie ein Karzinom entdeckt, entscheidet der behandelnde Arzt je nach Größe und Stadium, ob es sofort abgetragen werden kann - oder ob es die Abstimmung mit anderen Fachärzten braucht. 

Innenansicht eines gespülten Darms während der Koloskopie.
Foto: Felix Burda Stiftung | Innenansicht eines gespülten Darms während der Koloskopie.

In jedem Fall gilt die Darmspiegelung als effektives Instrument zur Krebsprävention: Laut DKFZ wurden in einem Zehn-Jahres-Zeitraum rund 180 000 Darmkrebs-Erkrankungen verhindert. Außerdem habe man 40 000 Krebsfälle früher entdeckt, die Betroffenen hatten eine bessere Heilungschance. 

Deutschland hängt bei Vorsorge-Untersuchungen zurück

Obwohl Darmkrebs mehr Männer betrifft als Frauen, kämen diese häufiger zur Vorsorge, berichtet Meining, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Endoskopie und bildgebende Verfahren ist. Aufklärung und Werbung für die Früherkennung müssten weiter verstärkt werden. Studien zeigen: Während sich in Norwegen 80 Prozent und in den USA 60 bis 70 Prozent der über 55-Jährigen einer Vorsorgekolospie unterzogen haben, liegt die Quote in Deutschland nur bei 25 Prozent. "Wir Deutsche sind leider immer noch Vorsorgemuffel", sagt der Mediziner.  

Diese Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung bezahlen die Krankenkassen

- Darmkrebs: Test auf Blut im Stuhl ab einem Alter von 50 jährlich, ab 55 alle zwei Jahre. Alternativ zum Stuhltest Darmspiegelung (Koloskopie) für Männer ab 50 und für Frauen ab 55, maximal zweimal im Abstand von mindestens zehn Jahren
- Gebärmutterhalskrebs (Frauen): Pap-Test ab 20 jährlich, ab 35 alle drei Jahre, plus HPV-Test
- Brustkrebs (Frauen): Tastuntersuchung ab 30 jährlich; Mammographie-Screening ab 50 (bis 69) alle zwei Jahre, schriftliche Einladung an alle Frauen (etwa die Hälfte nimmt teil)
- Hautkrebs: Ganzkörperinspektion ab 35 alle zwei Jahre
- Prostatakrebs (Männer): Austastung des Enddarms ab 45 jährlich
Quelle: DKFZ
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