Würzburg

Krebs: Was die größten Risiken sind und was man dagegen tun kann

Die Behandlungsmöglichkeiten sind besser geworden, doch die Zahl der Tumorerkrankungen steigt. Onkologe Ralf Bargou erklärt, was die Ursachen sind und wodurch Krebs entsteht.
Prof. Ralf Bargou ist Inhaber des Lehrstuhls für Translationale Onkologie an der Universität Würzburg und Leiter des Comprehensive Cancer Center Mainfranken.
Foto: Johannes Kiefer | Prof. Ralf Bargou ist Inhaber des Lehrstuhls für Translationale Onkologie an der Universität Würzburg und Leiter des Comprehensive Cancer Center Mainfranken.

Krebs hat viele Gesichter. Er trifft häufig ältere Menschen, aber auch Kinder bleiben nicht verschont. Laut Robert Koch-Institut (RKI) erkrankt mittlerweile jeder zweite Deutsche im Laufe seines Lebens an Krebs, über 230 000 Todesfälle wurden im Jahr 2018 in Deutschland gezählt. Das Deutsche Krebsforschungszentrum erwartet einen Anstieg der jährlichen Neuerkrankungen in den nächsten 20 Jahren von einer halben Million auf etwa 600 000. Aber warum greift Krebs immer weiter um sich? Was sind Ursachen und Risikofaktoren? Und wie kann man sie vermeiden? Antworten gibt Prof. Ralf Bargou von der Würzburger Uniklinik, Leiter des Comprehensive Cancer Centers (CCC) Mainfranken.

Frage: Immer mehr Krebsfälle und Krebstote in Deutschland - wie ist das zu erklären?

Prof. Ralf Bargou: Allein aus den Zahlen ist das schwer herauszulesen. Es gibt aber einen glasklaren Zusammenhang: Statistisch gesehen ist Krebs eine Erkrankung des Alters. Je älter die Menschen werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken.

Heißt zugespitzt: Früher hat man den Krebs vielfach nicht erlebt?

Bargou: Genau. Vor der Antibiotika-Ära sind die Menschen vor allem an Infektionskrankheiten, teilweise schon in jungen Jahren, gestorben. Es gab eine hohe Sterblichkeit bei Kindern und Müttern bei der Geburt. Hier hat sich durch Hygiene, Medizin und die Absicherung durch den Sozialstaat viel verbessert.

Haben wir auch deshalb mehr Krebsfälle, weil die Diagnose heute präziser ist und mehr entdeckt?

Bargou: Das ist schwer zu beweisen. Aber möglicherweise wurden gerade seltenere Krebsarten früher gar nicht richtig diagnostiziert. Das kann eine Rolle spielen.

Haben die Menschen früher mit Krebs gelebt, ohne es über längere Zeit zu bemerken?

Bargou: Bei bestimmten Erkrankungen ist das denkbar, etwa bei weniger aggressiv verlaufenden Lymphomen oder Prostatakrebs im frühen Stadium – damit kann man auch ohne Behandlung unter Umständen ein paar Jahre leben.

Erkranken mehr Frauen oder Männer an Krebs?

Bargou: Männer sind etwas häufiger betroffen, die Sterblichkeit ist höher. Die Ursachen dafür sind zwar nicht völlig geklärt. Ein Faktor ist aber bestimmt, dass Männer tendenziell ungesünder leben als Frauen – Stichwort Alkohol, Rauchen – und weniger häufig Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Es gibt zwar Hinweise aus Studien, dass auch die unterschiedliche Genetik eine Rolle spielt. Aber bewiesen ist das noch nicht.

Wobei Frauen in steigender Zahl an Brustkrebs erkranken. 

Bargou: Ja, bei den meisten Krebsarten ist die Tendenz steigend, das gilt auch für Brustkrebs und bei Frauen auch für Lungenkrebs. Bei Männern sind die Zahlen dagegen rückläufig. Hier greifen in den westlichen Industriestaaten die breiten Anti-Raucher-Kampagnen. Früher haben vor allem Männer geraucht, die Frauen haben aufgeholt. Ihre Inzidenz bei Lungenkrebs ist zuletzt noch gestiegen.

Das zeigt, dass man selbst Einfluss nehmen kann auf das eigene Krebsrisiko.

Bargou: Ein Großteil der Krebserkrankungen ist statistisches „Pech“. Wir erwerben im Laufe des Lebens bei der normalen Zellteilung genetische Fehler. Und je länger wir leben, desto mehr von ihnen häufen sich im Erbmaterial an. Je öfter diese Mutationen entstehen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Gene betroffen sind, die Zellwachstum regulieren. Das erklärt die Zunahme von Krebs im Alter. Neben diesem „Pech“ spielt natürlich die Lebensweise eine große Rolle. Einige Krebserkrankungen sind durch Viren verursacht wie der Gebärmutterhalskrebs. Das kann durch Schutzimpfungen verhindert werden.

Kann das „Pech“ vererbt sein?

Bargou: Ja, das gibt es auch. Vor über zehn Jahren gab es eine eindrucksvolle Studie aus Skandinavien dazu. Danach liegt der Anteil der erbbedingten Krebsarten und Risiken bei etwa fünf bis zehn Prozent. Für die Mehrzahl trifft das allerdings nicht zu.

Welche Krebsarten haben solch erbliche Faktoren?

Bargou: Es gibt Syndrome an einem bestimmten Gen, die sich in Form von Krebs an verschiedenen Organen niederschlagen können. Eine große Rolle spielt die erbliche Komponente auf jeden Fall bei Brust- und Eierstockkrebs. Auch bestimmte Arten von Dickdarmkrebs sind vererbt, oder Karzinome in der Schilddrüse oder in der Nebennierenrinde. Das familiäre Risiko kann dabei recht unterschiedlich sein, vererbter Krebs ist eine Wissenschaft für sich.

Heißt das, bei Krebs in der Familie sollte man sich vorsorglich untersuchen lassen?

Bargou: Das ist sinnvoll. Bei einem Teil der Krebsarten lässt sich eine möglicherweise vorhandene Komponente in den Genen nachweisen. Bei einer Krebserstdiagnose machen wir in unserem Zentrum auch immer eine Familienanamnese – also die Überprüfung auf mögliche Erkrankungen bei Eltern oder Geschwister. Hatte zum Beispiel die eigene Mutter in jüngeren Jahren Brustkrebs, bieten wir eine genetische Beratung und Testung an. Eine Familienanamnese sollte generell zur Krebsvorsorge gehören, auch beim Hausarzt.

Prof. Ralf Bargou ist Sprecher des Onkologischen Zentrums der Würzburger Uniklinik.
Foto: Johannes Kiefer | Prof. Ralf Bargou ist Sprecher des Onkologischen Zentrums der Würzburger Uniklinik.

Welche Rolle spielen Umweltfaktoren bei der Entstehung von Krebs?

Bargou: Das ist ein Riesenthema und die Beweisführung methodisch schwierig. Als gesichert gilt, dass Belastungen in der Ölindustrie oder der chemischen Industrie, etwa durch Benzole, ein erhöhtes Risiko für bestimmte Formen von akuter Leukämie nach sich ziehen. Und gewiss ist das Krebsrisiko nach Reaktorunfällen mit einer starken Strahlenbelastung größer. Bei geringen Dosierungen wie Röntgenaufnahmen oder CT lässt sich statistisch ein erhöhtes Risiko nicht belegen. Für die Landwirtschaft hat eine Studie gezeigt, dass der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden zu einer leicht höheren Wahrscheinlichkeit bestimmter Formen von Blut- und Lymphdrüsenkrebs führen kann. Im Vergleich zum Alter spielen Umweltfaktoren aber eine untergeordnete Rolle.

Umso mehr die angesprochene Lebensweise?

Bargou: Das ist einer der zentralen Aspekte und wurde lange unterschätzt. Mit weitem Abstand am schädlichsten ist das Rauchen – nicht nur mit Blick auf Lungenkrebs, sondern auch andere Krebsarten wie Blasenkrebs oder Blutkrebs. An zweiter Stelle folgt regel- und übermäßiger Konsum von Alkohol. Er schädigt nicht nur die Leber und zerstört Gehirnzellen, sondern erhöht auch deutlich das Risiko für Krebs. Das gilt auch für Übergewicht.

Was ist mit Bewegung und Sport?

Bargou: Dazu wurde eine aufschlussreiche Studie in Taiwan durchgeführt. Sie zeigt, dass bereits leichte bis mittlere körperliche Betätigung und Bewegung einen positiven Einfluss für ein niedrigeres Krebsrisiko haben.

Was ist da der Einfluss? Hängt das mit dem Immunsystem zusammen?

Bargou: Da sind verschiedene Faktoren verantwortlich. Bis ins Detail hat man die Zusammenhänge bisher noch nicht verstanden. Aber statistisch sind sie eindeutig: Leute, die Sport treiben, ein normales Körpergewicht haben und sich gesund ernähren, haben eine niedrigere Krebsinzidenz. Ob das über das Immunsystem, die Insulin-Regulierung oder den positiven Einfluss von Bewegung auf den Zellstoffwechsel für die Reparatur von DNA-Schäden läuft, ist unklar. 

Können Stress und psychische Belastungen Krebs verursachen?

Bargou: Seit Jahrzehnten gibt es die Annahme, dass psychische Belastungen bis hin zur Depression die Krebshäufigkeit beeinflussen. Ich will das auch nicht ausschließen. Nur gibt es bisher keine Studie, die das methodisch belastbar beweisen könnte. Psychischer Druck und Stress hängen natürlich sehr mit dem Empfinden des Einzelnen zusammen.

Und spielt für mein Krebsrisiko eine Rolle, wo ich lebe? Also regionale Faktoren?

Bargou: Es gibt regionale Unterschiede, weltweit sowieso, aber auch in Deutschland. Das liegt allerdings weniger an der geografischen als an der sozialen Verortung: Bei Menschen in gebildeteren und wohlhabenderen Schichten ist das Gesundheitsbewusstsein in der Regel höher, sie haben einen gesünderen Lebensstil und gehen konsequenter zur Krebsvorsorge.

Was heißt dies alles für uns? Wie können wir uns am besten vor Krebs schützen?

Bargou: Durch einen gesunden Lebensstil mit Bewegung und guter Ernährung kann man einen positiven Einfluss nehmen. Wichtig ist, möglichst viele Menschen darüber aufzuklären – auch über die Bedeutung der Krebsvorsorge.

Wie Krebs entsteht und wie das Comprehensive Cancer Center (CCC) Mainfranken hilft

Krebs sind biologisch betrachtet entartete Zellen, die sich schneller teilen als gesunde Zellen. Eine solche bösartige Geschwulst, der Tumor, wächst unkontrolliert und verdrängt gesunde Zellen. Einzelne Krebszellen können sich vom Tumor lösen und in andere Bereiche oder Organe des Körpers „streuen“. Dadurch können sich neue Tumoren (Metastasen) bilden. Das Immunsystem erkennt die Tumorzellen nicht als krankhaft und geht nicht gegen sie vor.
Das Comprehensive Cancer Center (CCC) Mainfranken ist eine gemeinsame Einrichtung des Universitätsklinikums und der Universität Würzburg. Es wird von der Deutschen Krebshilfe als Onkologisches Spitzenzentrum gefördert. Das CCC ist beteiligt am Bayerischen Zentrum für Krebsforschung (BZKF). Dort ist ein Bürgertelefon für alle Fragen zum Thema Krebs eingerichtet: Tel. 0800 85 100 80 oder per E-Mail: buergertelefon@bzkf.de
 
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