Kürnach

Kürnachs Ehrenbürgerin wird 90: Christine Demel schrieb Geschichte

Christine Demel hat vieles erlebt: Im Sudetenland aufgewachsen, musste ihre Familie die Heimat verlassen. Die europäische Idee hat seitdem ihr Leben geprägt.
Der damalige Bürgermeister Josef Schneider übergibt 1979 der Herausgeberin und Buchautorin Christine Demel das erste gedruckte Exemplar ihrer '1. Kürnacher Ortschronik'.
Foto: Main-Post Archiv | Der damalige Bürgermeister Josef Schneider übergibt 1979 der Herausgeberin und Buchautorin Christine Demel das erste gedruckte Exemplar ihrer "1. Kürnacher Ortschronik".

Christine Demel ist kein Fan von Smartphones oder Computern: "Ich kann mich nur schlecht daran gewöhnen. Mehr als ein Telefon brauche ich nicht", sagt sie. Bei der 90-Jährigen läuft alles noch per Hand, Notizen und Abschriften schreibt sie mit der Feder. Den Rest macht ihr Sohn Matthias: "Ich bin ihr Sekretär", sagt er mit einem Hauch Selbstironie.

Anlässlich eines Gesprächs zu ihrem 90.Geburtstag am 1. Oktober hat es aber doch mit der Technik geklappt: Im Video-Chat spricht Christine Demel über die Europäische Idee, die für sie "immer ein Thema war" und über ihre Passion für ihre "zweite Heimat" Unterfranken.

Eine Lebensgeschichte mit Happy End

Das Leben von Christine Demel ist eine Reise durch die tragischen, aber auch prosperierenden Jahre der europäischen Geschichte. Im Sudetenland, dem heutigen Tschechien, wurde sie 1930 geboren, im dritten Reich ist sie aufgewachsen. In ihrer Jugend hat sie den Krieg erlebt. Mit 16 musste sie gemeinsam mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern 1946 ihre Heimat, das Saazer Hopfenland, verlassen. Der Vater, Deutschlehrer an einer Grundschule, ist grausam ums Leben gekommen. "Nach dem Krieg waren die Deutschen in Tschechien Freiwild", erzählt sie. In Prag habe man ihn zusammengeschlagen auf dem Gehsteig gefunden. Monate später ist er im Gefängnis gestorben.

Ehrenbürgerin Christine Demel  im Jahr 2015.
Foto: Matthias Demel | Ehrenbürgerin Christine Demel  im Jahr 2015.

In Unterfranken hat Christine Demel zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern ihre "zweite Heimat" gefunden, wie die 90-Jährige es nennt. Wobei sie alles andere als willkommen waren.

Im Lastwagen angekarrt

Demel erinnert sich noch genau an die Ankunft in Deutschland. Es war ein heißer Tag. In einem Lastwagen voller Menschen wurde sie mit ihrer Familie in einem Dorf bei Bad Königshofen auf dem Platz vor dem Rathaus angekarrt. Die Bauern mussten die Vertriebenen bei sich unterbringen und ihnen Arbeit geben.

"Aber eine Mutter ohne Mann, aber mit vier Kindern, wollte keiner nehmen." Und so warteten sie den ganzen Tag lang unter der prallen Sonne. Bis der Bürgermeister einschritt: "Also so geht es auch nicht", hat er gesagt. "Das habe ich mir gemerkt!", sagt Christine Demel, als ob es gestern gewesen wäre. Ein Jahr später, 1947, ging sie nach Würzburg auf die Lehrerinnenschule, wo sie sich dem Bund Europäischer Jugend anschloss. Deren Grundgedanke: Frieden in Europa.

Europäische Idee als Herzensangelegenheit

"Ich weiß wie es ist, wenn Menschen aus ihrem Dorf und ihren Häusern rausgeschmissen werden. Schon damals dachte ich: So etwas darf nie wieder passieren. Ich wollte nicht, dass das irgendwann meinen Kindern passieren könnte", sagt Demel. Die Europäische Idee ist und bleibt für die 90-Jährige eine Herzensangelegenheit.

"Es gibt viele verschiedene Völker in Europa, da musste man erst herausfinden, wie man friedlich miteinander leben kann", sagt sie und erzählt ganz beiläufig von einem historischen Ereignis der europäischen Nachkriegsgeschichte: Die Grenzerstürmung von Sankt Germanshof/Wissembourg am 6. August 1950. Ein Ereignis, das bei der internationalen Presse für Aufmerksamkeit sorgte.

Vier Jahre nach dem Krieg standen junge Deutsche und Franzosen Seite an Seite am deutsch-französischen Grenzübergang, um den Grenzbalken vor den Kameras der Presse und den Augen der Grenzbeamten durchzusägen. Mittendrin: Die 20-jährige Christine Demel. Die spektakuläre Demonstration war eines der Gründungsereignisse des europäischen Jugendengagements und Symbol für ein friedliches Europa. 

"Wir wollten das Europa zusammenkommt und einen Beitrag dazu leisten. Wir haben die Aktion gemacht, damit die Erwachsenen sehen was wir wollen."
Christine Demel über die Grenzerstürmung an der deutsch-französischen Grenze im Jahr 1950 

Seitdem setzt sie sich für die Europäische Idee ein, erst im Bund Europäischer Jugend und später als Lehrerin und Universitätsdozentin. "Europa war in meinem Unterricht immer ein Thema", sagt sie.

Demel hat Geschichte geschrieben

Christine Demel hat auch selbst Geschichte geschrieben. Was sich sonst nur Historiker oder Volkskundler zur Aufgabe machen, hat die Hobbyforscherin mit aufwendiger Recherche in Staats- und Kirchenarchiven aufgearbeitet. Mehrere Ortschroniken hat sie geschrieben, darunter die Historie ihres Heimatortes Kürnach sowie die Chroniken von Prosselsheim und Leinach. Geplant war das nicht. Ihre Leidenschaft für die Geschichtsforschung war zunächst reiner Pragmatismus. 

Als sie im Unterricht die Geschichte Kürnachs durchnehmen wollte, fehlte es ihr an historischen Fakten: "Da waren nur ein paar Blätter in einer Mappe. Das hätte ich nach drei Geschichtsstunden verbraucht". Sie beschließt zu recherchieren, geht in Staatsarchive und Universitätsbibliotheken, spricht mit Wissenschaftlern und sammelt akribisch alle Daten und Verweise über Kürnach und dessen Erwähnung in historischen Verzeichnissen und Registern.

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Ein Korb voller Medaillen

Für ihr unermüdliches Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet: Stadtsiegel, Europamedaille, Bezirksmedaille und die für sie bedeutendste Auszeichnung, das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Christine Demel hat sich kulturell für ihre "zweite Heimat" verdient gemacht. An ihren Wänden hängen die Auszeichnungen aber nicht. Stattdessen stapeln sich ihre Urkunden, Schatullen und Ehrennadeln in einem großen Bastkorb. Die Medaillen laufen mittlerweile schon an. "Die müsste man mal wieder polieren", sagt ihre Tochter.

Verheiratet, vier Kinder und einen Vollzeit-Job. Was die ehemalige Schulrektorin auszeichnet, ist ihre Hingabe und ihr unermüdlicher Fleiß. Sie ruhe erst dann, wenn die Arbeit getan ist. Für sie sei das eine  Lebenseinstellung: "Wer A sagt, muss auch B sagen", sagt sie dazu. Als ihr erstes Buch entstanden ist, waren lange Nächte keine Seltenheit, wie ihre Tochter Renate erzählt: "Ich erinnere mich noch an einen Urlaub, da hat sie noch bis in die Morgenstunden gearbeitet, um das Buch noch in die Druckerei zu bringen."

Harte Arbeit und Sorgfalt gehören für die Chronistin dazu: "Ich habe immer mein Bestes gegeben. Ich wollte nie, dass man mir nachsagen kann, ich hätte schlampig gearbeitet oder mehr machen können. So ehrgeizig war ich schon." Sein Bestmögliches zu geben, ist ihre Lebensphilosophie: "Ich habe immer alles, was mir zur Verfügung stand, ausgewertet und in meine Arbeiten gepackt. Wenn man das macht, dann kommt man im Leben auch vorwärts."

"Alles was ich finden konnte, habe ich in meine Arbeiten gepackt. Wenn man das macht, dann kommt man im Leben auch vorwärts."
Ehrenbürgerin Christine Demel über die Arbeit an ihren Werken

Eine unermüdliche Chronistin – die 90-Jährige schreibt immer noch

Ganz lassen konnte sie es in den vergangenen Jahren doch nicht. Seit rund 20 Jahren schreibt sie jeden Monat im "Heimatbrief Saazerland", einer Heimatzeitung für Vertriebene, über ihre Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend im Sudetenland. Von der Hopfenernte, dem Hochwasser oder wie man Ostern und Weihnachten feierte.

Ein weiteres Buch wird es nicht mehr geben: "Ich weiß nicht, ob ich es noch zu Ende bringen könnte", sagt sie. Und dennoch hat sie zuletzt die eigene Familienchronik geschrieben. Was nach einem Tagebuch klingt, ist ein großes gebundenes Buch, das ihre Tochter kurzerhand in die Kamera des Chats hält. Den großen Pinienzapfen auf dem Cover hat die Enkelin gezeichnet.

Was zählt, ist die Familie

Krieg, Flucht, Neuanfang, Familie und Würdigungen für ihr Lebenswerk – Christine Demel hat vieles erlebt und noch mehr bewirkt, auf das sie zurückschauen kann. Sie denkt vor allem an ihre "glücklichste Zeit", als sie mit ihrem Mann 1961 von Würzburg nach Kürnach gezogen ist, um dort ihr Haus zu bauen. "Wir haben so gut zusammengepasst", sagt sie und lächelt. Auch er war Sudetendeutscher. Zusammen waren sie die ersten Neubürger in Kürnach. 

Trotz all der "guten und schlimmen Momente im Leben" bleibt Christine Demel Optimistin, auch was die Zukunft Europas betrifft: "Ich hoffe auf positive und vernünftige junge Menschen, die der Gesellschaft nicht schaden, sondern sich nützlich einbringen wollen und dabei die Natur nicht vergessen. Jeder für sich kann dazu einen Beitrag leisten."

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