Erlabrunn

Kurz vor 100-jährigem Bestehen: Metzgerei Stumpf schließt

Der Letzte macht die Türe zu: Nach 52 Jahren als Metzger schloss Karl Stumpf aus Erlabrunn am Samstag sein Geschäft.
Foto: Achim Muth | Der Letzte macht die Türe zu: Nach 52 Jahren als Metzger schloss Karl Stumpf aus Erlabrunn am Samstag sein Geschäft.

In seinem 52 Jahre währenden Berufsleben als Metzger hat Karl Stumpf sehr viel gelernt. Das Schlachten. Das Ausnehmen. Den Respekt vor der Kreatur, wie er es nennt, auch das. Lebensmittelrecht. Das Wurstmachen, das Abschmecken. Eine gute Wurst ist manchmal ja auch Kunst. Draußen, im Verkaufsraum, hängt der Meisterbrief, gerahmt in dunklem Holz. Urkunden auf gefliesten Wänden. Aber das Aufhören, das hat er nicht gelernt.

Und so sitzt Karl Stumpf (66) am Beginn seiner letzten Arbeitswoche montags um 5.45 Uhr vor einem Kamillentee und sagt: „Es ist ein komisches Gefühl. Aber jetzt ist es nicht mehr aufzuhalten.“ Gleich wird der Schlachter kommen und drei Schweinehälften liefern. Eineinhalb von jährlich rund 54 Millionen Schweinen, die in Deutschland geschlachtet werden.

Das Dorfleben in Erlabrunn wird ärmer

Irgendwie ist jetzt alles zum letzten Mal. Am Samstag ist Schluss, und damit wird Erlabrunn wieder etwas ärmer sein. Kein Metzger mehr. Kein Lebensmittelgeschäft. Der letzte Tante-Emma-Laden von Elfriede Herbert schloss 1983. Eine kleine Bäckerei ist der letzte Laden im Ort mit seinen 1800 Einwohnern. Der Tratsch findet im Internet statt.

Jürgen Ködel, der stellvertretende Bürgermeister, spricht von einer Lücke, die die Geschäftsaufgabe im Dorfleben reißen wird. Er schätzte die Warenqualität und die „freundschaftliche Art“, sagt er. „Aber die kleinen Läden auf dem Land bleiben auf der Strecke, weil die Supermärkte die Kunden in Scharen anlocken.“ Ködel ist deshalb skeptisch, ob sich der Wunsch nach einem Dorfladen in Erlabrunn realisieren lässt. Zusammen mit dem Regionalmanagement des Landkreises wurde eine Bürgerbefragung dazu initiiert. Ende Oktober will die Gemeinde die Ergebnisse vorstellen.

Betrieb war 1920 gegründet worden

Die Metzgerei im Herzen von Erlabrunn zu schließen, war ein Prozess für Karl Stumpf, der ihn schlaflose Nächte gekostet hat. Großvater Franz Beck hat den Betrieb 1920 gegründet. Die Eltern Franz und Rosine Stumpf übernahmen 1950 und eröffneten 30 Jahre später wenige Meter entfernt den Neubau mit Metzgerei und großzügigem Verkaufsraum, wie er auch heute noch steht. Kurz vor dem 100-jährigen Bestehen kommt nun in der dritten Generation das Aus. „Wenn wir das Jubiläum noch mitgenommen hätten, was hätte das geändert?“ Es ist eine rhetorische Frage, die Karl Stumpf da stellt und die er dennoch beantwortet: „Nichts.“

Sein Sohn hat sich für einen anderen Lebensweg entschieden. Es sind keine anderen Nachkommen da. Verpachten ist keine Option. Ein Verkauf? Es gab Gespräche, aber einen Abschluss gab es nicht. „Das Einkaufsverhalten der Menschen hat sich geändert“, sagt auch Stumpf. Im Umkreis von fünf, sechs Kilometern gibt es fünf Supermärkte. Die Investition und eine Familie ernähren von einer Metzgerei auf dem Land? „Eher schwierig“, sagt Stumpf.

„Eine Scheibe Gelbwurst?“

Der Laden von Karl Stumpf in Erlabrunn schließt. Von links das Metzgereiteam: Ursula Beutel, Karl Stumof, Marion Dittmaier und Heidrun Beck.
Foto: Achim Muth | Der Laden von Karl Stumpf in Erlabrunn schließt. Von links das Metzgereiteam: Ursula Beutel, Karl Stumof, Marion Dittmaier und Heidrun Beck.

2002 gab es in Deutschland noch 18 819 eigenständige Meisterbetriebe im Fleischerhandwerk, im vergangenen Jahr waren es noch 12 360. Die Statistik wird nun wieder ein Geschäft weniger aufweisen. Eine Zahl nur. Aber eine Zahl, hinter der sich Schicksale verbergen. Die Verkäuferinnen Ursula Beutel, Marion Dittmaier und Heidrun Beck müssen sich neue Jobs suchen. „Der Abschied fällt nicht leicht“, sagt Beutel, die 32 Jahre lang hier gearbeitet hat und die Kinder an der Theke oft fragte: „Eine Scheibe Gelbwurst?“

Michael, der Fahrer vom Schlachtbetrieb Staus, klingelt. Er trägt die Schweinehälften aus dem Lastwagen in den Keller, wo sie an den Fersensehnen aufgehängt werden. Der Metzger klopft dem Fahrer auf die Schulter. „Mach?s gut.“ Wieder so ein Moment.

Stumpf: „Es ist schade um die lange Tradition“

Karl Stumpf hätte die Metzgerei gerne weitergeführt – sie ist das Vermächtnis der Großeltern und Eltern. „Sie haben ihr Herzblut hier reinfließen lassen. Es ist schade um die lange Tradition“, sagt der 66-Jährige. Aber er weiß auch, dass alles schnell gehen kann im Leben: Seine Frau Magda starb 2004.

Karl Stumpf hat in dieser letzten Woche noch mal Wurst gemacht. Hausmacher Weiße, die beliebten Bratwürste natürlich und Krakauer. Er hat Schweineköpfe gekocht. Kesselfleisch gab?s und Leberkäse, und jetzt ist er da, der letzte Tag als Berufsmetzger.

Gerührt von der Anteilnahme der Kunden

Der letzte Einkauf: Die bald 85-jährige Mathilde Konrad deckte sich bei Metzger Stumpf in Erlabrunn noch mal mit Wurst ein. Künftig muss sie mit ihrem E-Rollator in den Nachbarort fahren.
Foto: Achim Muth | Der letzte Einkauf: Die bald 85-jährige Mathilde Konrad deckte sich bei Metzger Stumpf in Erlabrunn noch mal mit Wurst ein. Künftig muss sie mit ihrem E-Rollator in den Nachbarort fahren.

Um sieben Uhr geht zum letzten Mal das Licht an im Laden, und dann kommen sie alle. Otto, der Taxifahrer aus Würzburg, holt sich seine Brotzeit. Die Nachbarsfamilie von gegenüber bringt einen Kuchen zum Abschied, und Konrad Göbel, der Schafkopfkumpel und Sangesbruder im Männerchor, hat auch ein Geschenk in der Hand. Der Karl habe sich den Ruhestand verdient, sagt Göbel, aber die Herausforderung komme erst mit der freien Zeit und der fehlenden Tagesroutine.

Stumpf sagt, er freue sich auf das Ausschlafen, auf mehr Freizeit, aber jetzt sind der Metzger und seine Verkäuferinnen erst einmal gerührt von der Anteilnahme, manche Träne fließt. „Ich leide sehr“, sagt Karl Stumpf, „die Reaktionen hatte ich so nicht erwartet. Sie sind der Lohn für all die Jahrzehnte, und wir bedanken uns herzlich dafür.“ Es sei eben mehr gewesen als ein Kundenverhältnis.

Mit dem Rollator in den Nachbarort

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Mathilde Konrad, die mit ihren bald 85 Jahren und ihrer Gehhilfe nur ein paar Schritte hatte aus der Brunnengasse runter zum Stumpf, hat sich auch noch einmal ein Pfund Aufschnitt geholt. „Die Qualität war immer sehr gut“, sagt sie, und die „vielen Erlabrünner, die immer auswärts eingekauft haben“, würden wohl erst merken, dass die Metzgerei fehlt, „wenn sie nicht mehr da ist“. Und nun? Da sie seit Kurzem einen mobilen Rollator habe, müsse sie wohl auf dem Radweg in den Nachbarort zum Einkaufen fahren.

Irgendwie geht es also immer weiter. Auch für den Metzger Karl Stumpf, der seine Messer aus der Hand legt. Vielleicht wird er für Vereine auf Bestellung noch eine Weile weiter wursteln, „wenn das gewollt ist“, sagt er.

Der Laden ist leer. Die Verkaufstheke ist leer. In den Regalen stehen noch ein paar Honiggläser, eine Maisdose und drei Packungen mit Nudeln. Das war's. Es ist 13.07 Uhr, und Karl Stumpf schließt wie jeden Samstag die Ladentüre ab.

Nur diesmal wird sie nicht mehr aufgehen.

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