Landrat besuchte Landwirte im nördlichen Landkreis Würzburg

Info-Fahrt: Wie setzen Menschen auf dem Land die Energiewende um? Und was machen Landwirte um marktfähig zu sein? Landrat Eberhard Nuß wollte es wissen und fuhr in den nördlichen Landkreis Würzburg.
Wild-Enten: Erst fünf Tage alt sind die Enten von Martina und Wolfgang Wild. Landrat Eberhard Nuß genoss seinen Ausflug in den Aufzuchtstall mit 13 000 Küken.
Foto: Irene Konrad | Wild-Enten: Erst fünf Tage alt sind die Enten von Martina und Wolfgang Wild. Landrat Eberhard Nuß genoss seinen Ausflug in den Aufzuchtstall mit 13 000 Küken.

So groß war das Interesse an der informativen Rundfahrt noch nie. Mit dem Landrat unterwegs waren diesmal rund 40 enge Mitarbeiter, einige Bürgermeister und Vertreter von Landwirtschaftsamt und Bauernverband. Was sicher nicht nur am Thema „Spezialbetriebe und Energiewende“ lag, sondern auch daran, dass im Landkreis Würzburg 2012 einige wichtige Posten im Landwirtschaftssektor neu besetzt wurden. Prof. Sebastian Peisl ist jetzt Präsident der Veitshöchheimer Landesanstalt für Wein- und Gartenbau, Andreas Maier ist Direktor des Würzburger Landwirtschaftsamts, Elmar Konrad Geschäftsführer des Bayrischen Bauernverbands (BBV) im Landkreis Würzburg und Martina Wild ist die neue Kreisbäuerin.

„Neue Köpfe sorgen stets für frischen Wind“, davon ist Landrat Nuß überzeugt. Es sei wichtig, dass die Bürgermeister, Ortsbäuerinnen, Obmänner und Kreisvorstandsmitglieder des BBV „für ihre Problemlöser in den Behörden ein Gesicht haben“. Umgekehrt sei es sinnvoll, dass die Entscheidungsträger „raus aufs Land“ gehen und sich informieren, wie moderne Landwirtschaft in der Praxis aussieht, welche Spezialbetriebe es gibt und welche Ideen die Landbevölkerung etwa in Sachen Energiewende hat.

Landrat Nuß verdeutlichte, dass bäuerliche Familien jahrhundertelang die Ernährung der Bevölkerung in Land und Stadt sichergestellt und die fränkische Kulturlandschaft geprägt haben. „Produkte aus der Region“, das wollen die Menschen auch heute noch, ist sich Nuß sicher und meint, „dass auch die Energiewende nur auf dem Land gewonnen werden kann“.

„Gemeinsam können wir viel bewegen“, davon ist auch die stellvertretende Bezirksbäuerin Maria Hoßmann aus dem Landkreis Main-Spessart überzeugt. Was heutige Bauern leisten, wie sie mit Leidenschaft ihre Betriebe umstrukturieren und weiter führen, wie sie auf die Fragen und Wandlungen der Zeit reagieren und neue Gesetze umsetzen, das mache sie richtig stolz.

Erste Station der Landkreisbereisung war der Entenstall von Kreisbäuerin Martina Wild und ihrem Mann Wolfgang bei Unterpleichfeld. Das Betriebsgelände am Vogelswäldle ist als „Entenhausen“ ein Begriff geworden, denn vor zehn Jahren hat sich die Familie von der Schweinehaltung und dem Krautanbau verabschiedet und ist mit Unternehmermut in die Entenproduktion eingestiegen. Denn Geflügelfleisch wird immer beliebter. Die Produktion hinkt hinterher und es braucht Spezialbetriebe wie diese Entenmast.

Die Wilds erzählten. Von ihrer „Liebe zum Tier“, aber auch von ihrem Arbeitsaufwand. Sie schilderten, wie sie ihre frisch geschlüpften Küken geliefert bekommen und die schlachtreifen Tiere vor dem Abholen einfangen. Ihr 3000 Quadratmeter großer Stall ist in eine Aufzuchts- und Mastabteilung unterteilt. 13 000 Küken sind im Aufzuchtstall, weitere 13 000 Tiere im Maststall. Neben ihrem Futter bräuchten Enten Licht, Wärme, Wasser und „viel Stroh“. Bisher sei man aber ohne Antibiotika ausgekommen.

Den Strohmist bringen die Wilds in eine Biogasanlage. Mit der Abwärme einer solchen Anlage wollen sie demnächst ihren Stall beheizen und „trocken bringen“. Die Flüssiggasheizung wird gerade umgestellt. 850 Meter Rohrleitungen sind vor kurzem von der Biogasanlage zum Entenstall verlegt worden. „So eine Verwertung macht Sinn“, nickten die Teilnehmer der Rundfahrt.

Die Produktion von erneuerbaren Energien und deren sinnvolle Nutzung ist auch auf dem Holzäckerhof zwischen Unterpleichfeld und Bergtheim Thema. Dort gibt es mit den Jungunternehmern Sebastian, Christian und Christoph Sauer eine „pfiffige Truppe“. Die jungen Männer haben zusammen mit Edgar Sauer und Familie Mahler mehrere Standbeine: Die „Bioenergie GmbH“ mit der Produktion von Strom und Wärme, den Hof mit Acker- Obst- und Zierpflanzenbau, eine Direktvermarktung und einen Catering-Service für Feste ab 50 Personen.

In den Jahren 2010 und 2011 haben die Sauers in Biogasanlagen investiert, 2012 ein Wärmenetz mit der Gemeinde Bergtheim realisiert und 2013 die beiden Blockheizkraftwerke am Hof und am Ortsrand von Bergheim optimiert. „Unsere Anlagen ersetzen nun 1,2 Millionen Liter Heizöl im Jahr. Wir produzieren die Energie für 8000 Menschen“, rechnete Christoph Sauer vor.

Relativ neu sind der Anbau von Holunder für einen Biosaft und der Schnitt von Pfingstrosen und Sonnenblumen. Die gehen in den deutschlandweiten Großhandel. Bis zu 30 Saisonarbeitskräfte ernten aktuell die Pfingstrosen, die teilweise unter Folientunneln wachsen und dort eine Fußbodenheizung mit Wärme aus der eigenen Biogasanlage haben.

Die Biowärme wird auch in Bergtheim genutzt zum Heizen öffentlicher und privater Gebäude. Bürgermeister Konrad Schlier erläuterte den Gästen das Zustandekommen eines Nahwärmenetzes, mit dem 40 000 Liter Heizöl im Jahr gespart und 105 000 Kilogramm Kohlendioxid-Belastung vermieden würden. Neben der Mehrzweckhalle, der Grundschule und dem Feuerwehrhaus werden schon 22 Häuser in der benachbarten Siedlung mit Biowärme beheizt. Das Wärmenetz wird demnächst noch weitere Haushalte versorgen.

Bergtheim ist im Landkreis auch bekannt für das Nutzen öffentlicher Dächer für Photovoltaikanlagen und seine Windkraftanlagen. 520 Windräder gibt es in Bayern, davon 52 im Landkreis Würzburg. Bald werden es 62 Anlagen sein. Landrat Nuß sieht den Landkreis jedenfalls auf einem guten und richtigen Weg der Energieumstellung. Nicht nur die Umwelt profitiere davon, sondern statt Großkonzernen könnten nun „viele kleine Leute dran verdienen“.

Chancen zu nutzen und dabei das Privatleben und die Familie nicht aus den Augen zu verlieren, ist die Lebensphilosophie einer weiteren Familie Wild in Unterpleichfeld. Vor der Übergabe an seinen Sohn Rainer hatte Klaus Wild von Kühen, Bullen und Schweinen, Mähdruschfrüchten, Zuckerrüben und Kraut gelebt. Heute hat der Betrieb noch eine Schweinemast, Photovoltaikanlagen auf den Betriebsgebäuden, eine Biogasanlage die auch für ein Nahwärmenetz in Burggrumbach genutzt wird und vor allem die Pilzzucht.

1996 ist Familie Wild in die Produktion von Speisepilzen eingestiegen. Mittlerweile kennen sie die Eigenschaften und Vorlieben ihrer Shii-Take-Pilze und Austernpilze bestens, die Arbeitstechnik sei ausgereift und die Vermarktung mit 95 Prozent über den Großhandel eingespielt. Rainer Wild denkt nun an die Produktion einer weiteren Speisepilz-Sorte, den Kräuterseitling.

Letztes Ziel der Landkreisbereisung war das Pflanzenzüchtungsunternehmen der KWS Saat AG in der Versuchsstation Seligenstadt. Bei einer Rundfahrt mit dem Bus über die Felder konnten die Teilnehmer die Versuchsparzellen oder Rapsisolierhäuser sehen. Dr. Carsten Stibbe, der Leiter der Zuchtstation, erläuterte den Sinn neuer Sortenentwicklungen, bei denen es darum gehe, widerstandsfähige, nährstoffeffizientere und qualitätsvolle Sorten zu entwickeln. Auch die Entwicklung von Sorten für die Produktion von erneuerbaren Energien und die Anpassung an den Klimawandel seien wichtige Themen.

Am Ende gab es von Kreisobmann Herman Brell Lob für den „wertneutralen und ergebnisoffenen Ansatz“ der landwirtschaftlichen Informationsfahrt. Und von der Vielfalt heutiger Landwirtschaft, vom Elan und Unternehmermut waren die Teilnehmer der Fahrt begeistert.

Im einstigen Krautkeller: Bei der Familie Wild wachsen nun Shii-Take-Pilze; (von links) Prof. Dr. Sebastian Peisl, Andreas Maier, Rainer Wild und Landrat Eberhard Nuß.
| Im einstigen Krautkeller: Bei der Familie Wild wachsen nun Shii-Take-Pilze; (von links) Prof. Dr. Sebastian Peisl, Andreas Maier, Rainer Wild und Landrat Eberhard Nuß.
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