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Mediziner Stich zu Corona: "Müssen unsere Lebensweise verändern"

Am 23. Januar 2020 warnt Infektiologe August Stich im Interview zum "neuartigen Coronavirus" vor Panikmache. Was sagt er ein Jahr danach? Hat er die Gefahr unterschätzt?
Der Würzburger Infektiologe August Stich sieht eine gute Chance, die Pandemie im Sommer zu überwinden – wenn die Menschen solidarisch sind.
Foto: Thomas Obermeier | Der Würzburger Infektiologe August Stich sieht eine gute Chance, die Pandemie im Sommer zu überwinden – wenn die Menschen solidarisch sind.

Es ist genau ein Jahr her. Am 23. Januar 2020 äußerte sich der Würzburger Infektiologe und Tropenmediziner Professor August Stich, Chefarzt an der Missio-Klinik unter dem Dach des Klinikums Würzburg Mitte, erstmals in einem Interview dieser Redaktion zum "neuartigen Coronavirus". Der 60-jährige Mediziner warnte damals vor Panikmache, und Corona-Fälle in Deutschland gab es noch nicht. Wie bewertet Stich seine Annahmen heute? Hat er sich vor einem Jahr in seiner Einschätzung über die Ausbreitung und die Gefahren des Virus getäuscht?

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Frage: Herr Professor Stich, hat Sie die Wucht der zweiten Corona-Welle im Winter überrascht?

Prof. August Stich: Ja. Ich hatte mich zwar darauf vorbereitet. Dass es aber so heftig kommt, schon im soften Lockdown im November – das war besorgniserregend. Und wir haben es noch nicht hinter uns. Wir wissen nicht, ob sich durch Virusmutanten die zweite Welle trotz aller Gegenmaßnahmen in die Länge zieht oder sich gar eine dritte aufbaut. Es heißt weiter auf Sicht zu fahren.

Wie gut oder schlecht gehen wir denn mit der Pandemie um?

Stich: Ich habe das Gefühl, dass wir im letzten Frühjahr mehr an einem Strang gezogen haben als jetzt – in der Bevölkerung und auch in der Politik. Damals war eine andere Stimmung: Wir strengen uns zusammen an und schaffen das. So war es eine stärker gemeinschaftliche und solidarische Aktion als jetzt. Ich sehe eine zunehmend gespaltene Gesellschaft und eine Politik, die sich oft widerspricht. Die Bevölkerung wirkt verunsichert und unser Personal ermüdet.

Mediziner August Stich hält die Corona-Krise für einen 'Warnschuss':  Mit Blick auf Umwelt und Klima gelte es, die eigene Lebensweise zu hinterfragen.
Foto: Daniel Peter | Mediziner August Stich hält die Corona-Krise für einen "Warnschuss":  Mit Blick auf Umwelt und Klima gelte es, die eigene Lebensweise zu hinterfragen.
Müsste die Politik mehr positive Perspektiven formulieren? Teilen Sie die Beschlüsse zum fortgesetzten Lockdown?

Stich: An Einzelregelungen kann man natürlich immer Kritik üben. Aber im Grunde macht unsere Politik das gut. Sie gibt dem Schutz von Gesundheit und Leben den klaren Vorrang – und nicht etwa dem wirtschaftlichen Wohl einzelner wie die Trump'sche Regierung in den USA oder Bolsonaro in Brasilien.

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Was halten Sie von einem Strategiewechsel, noch gezielter die Alten und Risikogruppen zu schützen und ansonsten die Gesellschaft wieder zu öffnen?

Stich: Wenn man sieht, wie viele auch aus Nicht-Risikogruppen schwer erkranken und auf der Intensivstation landen – dann hat man schon Respekt vor dieser Viruserkrankung. Und man weiß nicht, was an Virusmutationen morgen durch die Tür kommt. Unsere Strategie muss erst einmal weiter auf einen breiten Schutz aller Menschen angelegt bleiben.

Wie viel Sorge machen Ihnen die Mutationen?

Stich: Wir erleben sozusagen Evolution im Brennglas. Das Virus passt sich an. Die aktuell bekannten sind wohl tatsächlich deutlich ansteckender, aber wahrscheinlich weniger gefährlich.

Mit weniger schweren Verläufen?

Stich: Vereinfacht ausgedrückt: Diese mutierten Viren reichern sich in den oberen Luftwegen an, dadurch werden sie leichter ausgestoßen und übertragen. Aber sie tauchen weniger ab in die tiefen Atemwege und verursachen damit weniger schwere Erkrankungen. Wenn jetzt aber durch eine höhere Ansteckungsrate die Infektionszahlen wieder steigen, entsteht eine gegenläufige Entwicklung zu unseren Anstrengungen mit Lockdown und Impfungen, was wieder mehr Unruhe und Verunsicherung in der Bevölkerung schaffen wird.

Mit weiter hohen Infektionszahlen. Ist es richtig, dass sich die Politik an den Inzidenzwert 50 klammert?

Stich: Das ist mittlerweile eine fast magische Zahl geworden. Grundlage waren einmal eine Berechnung der Kapazitäten der Gesundheitsämter für die Kontaktnachverfolgung. Dieser Wert 50 wird seitdem wie ein Menetekel vor uns hergetragen. Wir müssen im Grunde aber noch viel besser werden als 50, nämlich die Zahlen auf Null bringen und die Pandemie damit besiegen.

Ist das im Winterhalbjahr, in der Hauptinfektionszeit, überhaupt realistisch?

Stich: Ich denke schon, teilweise sind wir vielerorts zumindest vom Wert 50 gar nicht so weit entfernt. Aber es geht um mehr, als mit quasi sportlichem Ehrgeiz eine Zahl zu erreichen, nämlich darum, eine gefährliche Erkrankung in den Griff zu bekommen. Und da ist 49 genauso schlimm wie 51.

Vor exakt einem Jahr haben wir ein erstes Interview mit Ihnen zum Coronavirus geführt – Sie haben vor Panikmache gewarnt. Haben Sie das Virus damals in seiner Wirkung unterschätzt?

Stich: Die Frage stelle ich mir oft. Weiter glaube ich: Panik war nicht und ist bis heute nicht angebracht. Wir müssen uns einfach dem Feind stellen, mit offenem Visier. Und dieser Feind hat sich vor einem Jahr noch anders gezeigt. Da war es ein Phänomen in China. Wir konnten auf Vorerfahrungen mit dem ersten Sars-Virus aufbauen und hatten alle die Hoffnung, das Virus mit vereinten Kräften wie die Büchse der Pandora unter Verschluss halten zu können. Dem war nicht so. Seitdem ist vieles passiert, was ich und viele andere sich damals nicht vorstellen konnten.

Hat in diesen Wochen alle Hände voll zu tun: August Stich bei der Corona-Impfung einer Klinik-Mitarbeiterin vor wenigen Tagen. 
Foto: Fabian Gebert | Hat in diesen Wochen alle Hände voll zu tun: August Stich bei der Corona-Impfung einer Klinik-Mitarbeiterin vor wenigen Tagen. 
Sie sagten vor einem Jahr: "Wir brauchen den Einkaufsbummel in der Würzburger Innenstadt nicht mit einem Mundschutz zu machen." Heute wären wir froh, wenn Geschäfte überhaupt öffnen dürften.

Stich: Ich habe diese schnelle Verbreitung des Virus um die Welt und seine Dramatik damals tatsächlich so nicht kommen sehen. Ich habe Corona wie andere Infektiologen mit einer gewissen negativen Faszination beobachtet. Und was wir alle in diesem Jahr hautnah erlebt haben, das ist eine direkte Folge der Globalisierung, wie schnell sich etwas um die Erde verbreiten kann. Die Pandemie hält uns einen Spiegel vor, wo die großen Schwächen in unserem Weltgefüge sind. Deshalb dürfen wir nicht wieder so weiter machen wie vor der Pandemie.

Sondern?

Stich: Sondern wir müssen lernen und verstehen. Umwelt und Klima sind noch viel größere Brocken als die Corona-Krise, auch wenn ihre Folgen uns nicht so deutlich unter den Nägeln brennen wie das Volllaufen der Intensivstationen. Aber hier liegt eine noch viel größere Gefahr für uns alle. Deshalb müssen wir diesen Warnschuss jetzt ernst nehmen und vieles an unserer Lebensweise in Frage stellen und verändern, damit nicht nur wir jetzt eine Krise überwinden, sondern damit es auch künftigen Generationen gut geht.

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Sie hatten vor einem Jahr gemeint, Deutschland sei gut auf einen Corona-Ausbruch vorbereitet. Würden Sie das heute noch unterschreiben?

Stich: Grundsätzlich ja. Unsere Kliniken haben standgehalten. Aber ich hatte auch damals schon darauf hingewiesen, dass der öffentliche Gesundheitsdienst in Deutschland eine stärkere Rolle spielen muss. Das hat sich bewahrheitet. Wir sind durch einen enormen Stresstest gegangen und haben diesen nicht wirklich gut bestanden. Wäre der öffentliche Gesundheitsdienst besser gerüstet gewesen und hätte die Abstimmung aller Bereiche – Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und Gesundheitsämter – besser funktioniert, hätten wir viele Gegenmaßnahmen schneller und effektiver treffen können. Aber im Vergleich zu möglichen Szenarien aus anderen Ländern haben wir es noch gut gepackt. Man kann froh sein, wenn man im Moment in Deutschland lebt. Das Gesundheitssystem als Ganzes hat gespürt, wo seine Grenzen liegen, aber es war nie am Kollabieren.

Weil alles getan wurde, um Krankheitsfälle zu vermeiden oder OPs geschoben wurden. Haben wir zu wenig Reserven in der Intensivmedizin?

Stich: Ja, und nicht nur auf Intensivstationen. Wir haben in den letzten beiden Jahrzehnten Gesundheitsarbeit leider betriebswirtschaftlichen Grundsätzen unterworfen. Das hat dazu geführt, dass sich Kliniken den Aufbau von Reserven personeller oder materieller Art nicht mehr leisten können. Sie sind zu Unternehmen mutiert, die immer maximale Auslastung und effiziente Arbeitsprozesse anstreben und so keine Freiräume zulassen, um auf Sondersituationen reagieren zu können. Gesundheit ist aber kein wirtschaftliches Gut, das man zum Verkauf anbietet, sondern ein Menschenrecht.

Zieht eine Impfspritze auf: Prof. August Stich.
Foto: Fabian Gebert | Zieht eine Impfspritze auf: Prof. August Stich.
Teilen Sie die aktuelle Kritik am Impfmanagement?

Stich: Nicht im Allgemeinen. Es ist ein Privileg, dass wir so schnell so gute Impfungen bekommen haben. Hätte man schon im Sommer ohne die nötigen wissenschaftlichen Daten quasi auf Verdacht riesige Mengen eines noch nicht zugelassenen Impfstoffes eingekauft, wäre dies sehr riskant gewesen. Also unterm Strich läuft das gut. Wir müssen jetzt nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung, mit Geduld und Solidarität noch etwas durchhalten.

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Wann können wir wieder ein normales Leben ohne Maske und Abstand führen? Können Sie Hoffnung geben?

Stich: Nur so gut wie meine Prognose vor einem Jahr war... Aber im Ernst: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir an Ostern schon spüren, dass wir es schaffen. Bis dahin liegen noch harte Wochen vor uns. Aber man wird mit dem beginnenden Frühjahr merken: Es tut sich was Substanzielles. Und ich glaube, dass wir im Sommer den wirklichen Durchbruch haben und dann auch die Pandemie überwinden – auch wenn bis dahin noch keine Herdenimmunität erreicht worden ist. Aber nochmal: Zurück zum alten Leben ist nicht die Devise, sondern Aufbruch in eine Zukunft, für die wir wesentliche Lektionen gelernt haben. Dass es soweit kommt, dazu kann jeder einzelne Bürger beitragen. Indem man solidarisch ist und sich an die Vorgaben hält. Ich sehe eine wirklich gute Perspektive, aber die Hoffnung ist brüchig. Gefährlich wird es, wenn sich signifikant große Gruppen daneben benehmen und durch ihr Verhalten andere gefährden, ganz gleich, ob es nun um die Überwindung der Pandemie oder das Erreichen der Klimaziele geht.

Prof. August Stich

Der Infektiologe, Jahrgang 1960, leitet seit 2004 als Chefarzt die tropenmedizinische Abteilung der Würzburger Missio-Klinik, seit 2017 unter dem Dach des Klinikums Würzburg Mitte. Geboren in Nürnberg, studierte August Stich Medizin in Würzburg und Wien und spezialisierte sich auf die Innere Medizin. Seine Ausbildung zum Tropenmediziner absolvierte er in London, Liverpool, Heidelberg und Würzburg, wo er 2005 habilitierte. Seit 2008 ist Stich erster Vorsitzender des Missionsärztlichen Instituts als katholische Fachstelle für internationale Gesundheit. Zahlreiche berufliche Auslandsaufenthalte führten ihn vor allem in afrikanische Länder. Wissenschaftlich befasste er sich vor allem mit der afrikanischen Schlafkrankheit, Malaria, Schistosomiasis und HIV. Der Mediziner wirkt am Robert Koch-Institut (RKI) im "Ständigen Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger" (STAKOB) mit.
Quelle: Uni, KWM
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