Würzburg

Missbrauchsskandal: Welchen Weg schlägt die Kirche ein?

Kann sich die katholische Kirche grundlegend reformieren? Die Rufe danach werden lauter. Ein Pfarrer aus Unterfranken geht dabei besonders weit.
Missbrauchsskandal: Welchen Weg schlägt die Kirche ein?
Foto: Marijan Murat, dpa

Seit der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz im vergangenen Herbst werden immer wieder weitreichende Reformen in der katholischen Kirche gefordert. Nun fordert das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) eine völlige Gleichstellung von Frauen und Männern in allen kirchlichen Ämtern sowie die Abschaffung des Zölibats. "Es ist jetzt und nicht irgendwann die Zeit zum Handeln", hält ZdK-Präsident Thomas Sternberg den Bischöfen vor. "Wenn sich in der nächsten Zeit nicht Entscheidendes tut, dann wird das verloren gegangene Vertrauen nicht zurückzugewinnen sein." Aus der Region gibt es ähnliche Stimmen.

"Wir sind Kirche" hält Aufhebung des Pflichtzölibats für jederzeit möglich

"Der völligen Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Diensten der Kirche steht biblisch nichts entgegen", kommentiert etwa Magnus Lux aus Schonungen (Lkr. Schweinfurt), einer der Bundessprecher der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche" den Vorstoß. Auch "die Verknüpfung des priesterlichen Dienstes mit dem Zölibat" sei nach dem zweiten Vatikanischen Konzil "nicht zwingend". Die Aufhebung des Pflichtzölibats sei "jederzeit möglich, da es sich um ein Kirchengesetz handelt". Man freue sich, dass das ZdK "und einige Verantwortliche in der Kirchenleitung" nun Grundforderungen von "Wir sind Kirche" aufnehmen. Lux weiter: "Aufgabe der Kirchenleitung ist es, zu handeln und nicht ständig zu vertrösten."

Der Schweinfurter Pfarrer Roland Breitenbach ist für seine kritischen Worte bekannt.
Foto: Anand Anders | Der Schweinfurter Pfarrer Roland Breitenbach ist für seine kritischen Worte bekannt.

So sieht es auch Roland Breitenbach. "Über Wochen und Monate kommen von den Bischöfen zu den Missbrauchsskandalen nichts als Worte", kritisiert der Pfarrer aus Schweinfurt. Auf Taten "warten die Gläubigen in unserem Land vergebens". Breitenbach spricht in diesem Zusammenhang von einem "drohenden Bankrott der Kirche". Erst kürzlich habe ihm ein Gottesdienstbesucher geschrieben, für ihn sei es "höchste Zeit, aus der Kirche auszutreten und die ersparte Kirchensteuer für bessere Zwecke weiterzugeben". Breitenbach glaubt, "das ist die Haltung vieler Katholiken".

Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller. Die katholische Kirche "hat durch die Missbrauchsstudie den letzten moralischen Kredit bei ihren Gläubigen verspielt", so seine Bilanz beim Blick auf das zurückliegende Jahr. Sie "liegt am Boden und hat jegliches Vertrauen bei ihren Gläubigen verloren". Magnus Lux schränkt dagegen ein: Nicht die Kirche, sondern "die katholische Kirchenleitung liegt am Boden". Denn die Bischöfe seien "nicht die katholische Kirche und die sogenannten Laien sind nicht die Gläubigen der Bischöfe".

Selbstkritische Bischöfe

Dass der Druck wächst, spüren Letztere offenbar. So forderte selbst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in seiner Silvesterpredigt eine Erneuerung der Kirche. "Natürlich stehen wir in einer großen Tradition. Aber es ist keine abgeschlossene Tradition. Es ist ein Weg in die Zukunft", sagte der Erzbischof am Montag im Münchner Liebfrauendom. Die Lehre der Kirche müsse nicht nur vertieft, sondern auch weiterentwickelt werden, betonte er und begründete dies unter anderem mit dem Missbrauchsskandal.

Magnus Lux, Diplomtheologe aus Schonungen, ein Sprecher im Bundesteam der Kirchenvolksbewegung 'Wir sind Kirche'
Foto: Katharina Winterhalter | Magnus Lux, Diplomtheologe aus Schonungen, ein Sprecher im Bundesteam der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche"

Auch der Würzburger Bischof Franz Jung ging zuletzt erneut auf das Thema ein. In seiner Weihnachtspredigt sagte er, es sei deutlich geworden, dass "die Institution Kirche höchst verletzlich war. Vermeintliche oder wie selbstverständlich angenommene Schutzmechanismen haben versagt". In seiner Silvesterpredigt betonte er zudem: 2019 gelte es unter anderem, den sexuellen Missbrauch durch Geistliche weiter aufzuarbeiten. Die Bischöfe üben sich in Selbstkritik. Und im Bistum Würzburg wurde bereits gehandelt: Bereits Mitte Dezember hatte Bischof Jung angekündigt, man werde die kirchlichen Akten über Missbrauchsvorwürfe gegenüber Klerikern der Staatsanwaltschaft übergeben.

Inwiefern die Bischofskonferenz aber tatsächlich zu tiefgreifenden Reformen bereit ist, lässt sich von außen nicht abschätzen. Zumal den Reformkräften im Zweifelsfall stets das Argument vorgehalten wird: Wir in Deutschland allein können das ja gar nicht entscheiden – das kann nur die gesamte katholische Weltkirche. Lux hält dagegen: "Wir sind Kirche international" stelle fest, "dass die Probleme in Deutschland in vielen Bereichen die gleichen weltweit sind".

"Ein wirklicher Neufang ist nur durch den Rücktritt aller Bischöfe möglich."
Pfarrer Roland Breitenbach

Theologie-Professor Schüller glaubt, dass der Kirche letztlich die Kraft fehle, schmerzhafte Reformen einzuleiten. "Dies gilt auch für den einstigen Hoffnungsträger Papst Franziskus, dem Visionen und Mitstreiter in der Kirche fehlen, um wesentliche Veränderungen in der Kirche zu initiieren." Pfarrer Breitenbach schlägt einen drastischen Weg vor: "Die deutschen Bischöfe bilden eine in sich geschlossene Gemeinschaft, die offenbar keine andere Meinung oder Haltung möglich macht", meint er und folgert: "Ein wirklicher Neufang, auch im Geiste Jesu, ist nur durch den Rücktritt aller Bischöfe möglich, sonst blockiert sich das System Kirche weiterhin." Er sehe "keinen anderen Weg", um "eine neue Reformation" zu vermeiden. Bevor der Papst über Nachfolger entscheidet, müsse es "die Möglichkeit zur Abstimmung geben", so Breitenbach weiter. "Dann würden Männer – und warum nicht auch Frauen? – gewählt werden, die bereit sind, das Leben der Gläubigen zu teilen."

Würde sich die katholische Kirche protestantisieren?

Der kirchenkritische Publizist Eugen Drewermann – selbst ehemaliger Priester – wirft unterdessen die Frage auf, was von der Kirche noch übrig bleiben würde, wenn sie all die geforderten Strukturreformen ausführen würde: "Sie verlöre dann den Anspruch des Alleinstellungsmerkmals des männlichen Klerikers bei der Sakramentenspendung", sagt der Theologe und Psychoanalytiker. "Das ist nach katholischem Verständnis eine heilige Person mit besonderen Gnadengaben – über ihr thront nur noch der Heilige Vater in Rom. Ohne all das hätte sich die katholische Kirche selbst protestantisiert."

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