Würzburg

Mörder aus der Nervenklinik

NS-Krankenmorde: Das Zentrum für Psychische Gesundheit an der Universität Würzburg zeigt eine Ausstellung über den organisierten Mord an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen. Da geht es auch um seine eigene Geschichte.
NS-Arzt Werner Heyde und Staatsanwalt Fritz Bauer       -  NS-Arzt Werner Heyde auf einer Aufnahme vom April 1961
Foto: E. Braunsperger, dpa | NS-Arzt Werner Heyde auf einer Aufnahme vom April 1961

Werner Heyde, der ehemalige Direktor der Universitätsnervenklinik in Würzburg, wartet auf seine Richter. Ein Massenmörder soll er sein, medizinischer Leiter der nationalsozialistischen Aktion T4, verantwortlich für den Tod von 100 000 psychisch kranken und geistig behinderten Menschen. Deutschland, schreibt der „Spiegel“ im Mai 1961, erwarte einen ähnlich aufsehenerregenden Prozess wie den, der in Jerusalem gegen den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann begonnen hat.

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer bereitet den Prozess vor. Er hat Eichmann in Argentinien aufgespürt und bereitet die Auschwitz-Prozesse vor, die ab 1963 in Frankfurt laufen werden. Der „Spiegel“ prophezeit, Bauer werde im Prozess gegen Heyde „sämtliche Verharmlosungsthesen ad absurdum“ führen, „mit denen in der jüngsten Vergangenheit ehemalige NS-Ärzte, leichtgläubige Juristen und kommentarfreudige Staatsfunktionäre die Aktion zur Vernichtung angeblich unwerten Lebens zu erklären versuchten“.

Würzburg, "ein heißes Bett der Nazis"

Heyde und seine noch verborgenen Mittäter müssen fürchten, was ans Licht kommen könnte. Und Würzburg hat der Generalstaatsanwalt eh schon im Blick. Dort entlarvt gerade der junge Nervenarzt Elmar Herterich Nazi-Verbrecher in den höchsten Rängen der Justiz. Die „New York Times“ beschreibt die Stadt als „a hot bed of Nazis“. Im Februar 1962 spricht Bauer von „haarsträubenden“ Zuständen in Würzburg, die ganze Stadt werde „von einer nazistischen Clique terrorisiert“.

Anfang 1964 ist seine Anklageschrift gegen Heyde und zwei mutmaßliche Mittäter 883 Seiten dick. Mit dem Würzburger soll Friedrich Tillmann, der ehemalige Büroleiter der T4-Zentrale in Köln, auf der Anklagebank sitzen, und Gerhard Bohne, Heydes Vorgänger als T4-Chef. Am 18. Februar will Bauer die Anklage verlesen. Bohnes Platz auf der Anklagebank wird leer sein, das weiß er bereits. Der Mediziner ist nach Südamerika geflüchtet.

Die Uni will jahrzehntelang nichts wissen

Am 12. Februar stürzt Tillmann sich aus dem achten Stock in den Tod. Am 13. Februar hängt Heyde sich in seiner Zelle auf. Der Prozess platzt. Bauer ist schockiert. Er vermutet „eine stillschweigende Übereinkunft der Beteiligten, diesen Prozess nicht stattfinden zu lassen“.

Heydes Komplizen bleiben unerkannt. Bis heute weiß die Universität Würzburg nicht, wie tief ihre Mediziner verstrickt waren in T4. 70 Jahre lang, mit einer kurzen Unterbrechung, hat sie vorgezogen, nichts zu wissen. Erst im Oktober 2014 beschäftigte sie sich in einem Symposium mit diesem Teil ihrer Geschichte.Sie stellte eine Gedenkstele für die Opfer auf. Christoph Reiners, damals Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums, bekannte „Scham und Schuldgefühl“. Die Aufarbeitung komme „viel zu spät“.

Drei Würzburger Professoren befassen sich heute mit der T4-Vergangenheit ihrer Universität: Jürgen Deckert, der Chef der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (früher: Nervenklinik), Martin Krupinski, Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie, und die Medizinhistorikerin Karen Nolte. Sie kommen nur langsam voran. Das liege, berichten sie, unter anderem an der schieren Menge der Unterlagen.

Die Nazi-Medizin ist nicht untergegangen mit dem Nazi-Reich

Nolte sagt, sie habe 25 000 Akten von psychisch kranken Menschen gesichtet, angelegt in Würzburg in den Jahren 1925 bis 1952. Ihr Antrag an die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG), die Forschung zu fördern, ging fehl, weil, so Nolte, andere Universitäten Ähnliches schon absolviert hätten.

Nolte, Krupinski und Deckert schließen aus, dass die Nazi-Medizin mit dem Nazi-Reich untergegangen ist. Nach dem aktuellen Forschungsstand können sie aber in Würzburg eine Kontinuität nach dem Krieg – noch – nicht belegen.

Doch diese Kontinuität gab es, personell und ideologisch, in der Bundesrepublik und in der DDR. Prominentes Beispiel ist Professor Werner Catel, bis 1960 Ordinarius für Kinderheilkunde in Kiel. Er war einer der ersten T4-Gutachter. 1964 forderte er, Ärzten per Gesetz „in gewissem, genau definiertem Umfang die Tötung vollidiotischer Kinder“ freizugeben. In einem sechsseitigen „Spiegel“-Interview versicherte er, „in jedem Fall“ sei möglich, „diese seelenlosen Wesen von werdenden Menschen zu unterscheiden“.

Er sprach von „Kreaturen“, die „äußerlich hübschen Kindern glichen“, aus denen aber „nichts herausgeholt“ werden könne.

20 Jahre später: Ein Kinderarzt sieht "Monstren ohne Ewigkeitswert"

Auf den Einwand des „Spiegel“, die Todesstrafe sei abgeschafft, entgegnete Catel, hier sei nicht von Menschen die Rede, „sondern von Wesen, die lediglich von Menschen gezeugt wurden“. Anstalten nutzten nichts, denn „das Monster vegetiert weiter“. Catel hoffte auf Unterstützer in den christlichen Kirchen, weil diese Wesen „keinen Ewigkeitswert“ hätten.

Der schleswig-holsteinische Kultusminister Edo Osterloh meinte, Catel habe „im sittlichen Sinne nichts Unrechtes getan“, als er Kinder zur Vernichtung aussortierte. Das Hamburger Landgericht fand die Verbrechen der NS-Ärzte schwierig zu beurteilen, weil schon „dem klassischen Altertum die Beseitigung lebensunwerten Lebens eine völlige Selbstverständlichkeit war“.

T4-Ärzte machten in der BRD und in der DDR Karriere, unter ihnen der Würzburger Günter Munkwitz, Heydes Assistent an der Nervenklinik von 1939 bis 1942. Munkwitz stieg zum Stellvertretenden Direktor des Krankenhauses Eilenburg im Bezirk Leipzig auf, obwohl das MfS seine Vergangenheit kannte. 1961 hatte die Polizei ihn in Würzburg gesucht. Die Rektoratskanzlei der Uni und die Nervenklinik gaben sich ahnungslos. Ernst Klee schreibt in seinem Standardwerk "'Euthanasie' im Dritten Reich", Heydes Stellvertreter und Vertrauter in der Nervenklinik, Karl Stössel, habe die Kripo mit seiner Aussage "sogar in die Irre geführt": Munkwitz sei "1940/41 zur Luftwaffe eingezogen und seitdem nicht mehr gesehen worden. 1964 bescheinigte das MfS dem Mord-Arzt, er stehe „beim Aufbau unseres sozialistischen Gesundheitswesens an führender Stelle“.

Die Medizinhistorikerin Nolte sagt, Stössel sei "ganz klar antisemitisch" und ein überzeugter Nazi gewesen. Seine Gutachten "strotzen vor Untermenschen-Ideologie". Nach dem Krieg wurde ihm die kommissarische Leitung der Nervenklinik übertragen.

Eine Büste für den Menschenexperimenteur Schaltenbrand

Warum kein Würzburger den Munkwitz entlarvte, was aus Stössel wurde, wer mitwusste und mittötete – die Universität weiß es nicht. Der Anteil der NSDAP-Mitglieder in der Ärzteschaft betrug im Dritten Reich 45 Prozent – wie hoch er an der Uni war, ist nicht bekannt. Nachkriegspublikationen der Ärzte, die zwischen 1939 und 1945 an der Nervenklinik arbeiteten, wurden nicht auf Nazi-Ideen untersucht.

Aber es gibt Indizien dafür, dass der Nazi-Geist unter Würzburger Medizinern weiter spukte. Ein Beispiel ist der Neurologe und Leiter der Kopfklinik, Professor Georges Schaltenbrand. An T4 war er nicht beteiligt, aber Menschenversuche an geistig behinderten Patienten hat er unternommen. 1945 verlor er seinen Posten als Klinikchef. Seine Kollegen rehabilitierten ihn und erhoben ihn 1967 zum Ehrenvorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die Uni-Klinik ehrte ihn mit einer Bronzebüste im Kopfklinikum. Erst 1996 entfernte sie die Büste, nachdem eine internationale Fachzeitschrift über Schaltenbrands Experimente berichtet hatte.

Die Angst der Klinikchefs, die Nazis könnten wiederkommen

In der Nervenklinik gab es eine jahrzehntelange Verbundenheit mit Heyde: Bis Anfang der 1970er Jahre hing sein Porträt in der Galerie der früheren Klinikleiter. Erst Otto Schrappe, Klinikchef ab 1970, ließ es abnehmen. Deckert berichtet, Schrappe habe „sehr mit der Geschichte gelebt“. So habe der Psychiater die Diagnose Schizophrenie „möglichst wenig gestellt“. Das Leben schizophrener Patienten galt den Nationalsozialisten nichts. Schrappe wollte die Kranken schützen, für den Fall, dass die Nazis wiederkämen.

Schrappe starb 1983 im Alter von 59 Jahren. Deckert glaubt, die Uniklinik wäre sehr viel weiter mit der Aufarbeitung ihrer NS-Geschichte, hätte er länger gelebt. Schrappes Nachfolger Helmut Beckmann sei ohne Interesse gewesen, die dunkle Vergangenheit aufzuklären.

Vielsagend ist schließlich auch Heydes Schicksal selbst. 1947 entfloh er in Würzburg einem Gefangenentransport. In Flensburg baute er sich unter dem Namen Fritz Sawade eine neue Existenz als Arzt und Gutachter auf, bis zu seiner Enttarnung 1959. Nahezu ausgeschlossen scheint, dass kein Würzburger Bescheid wusste. Nach seiner Festnahme kam heraus, dass in Schleswig-Holstein hochrangige Mediziner, Juristen und Politiker den Massenmörder geschützt hatten. Keiner wurde bestraft.

Eine systematische Erforschung des T4-Komplexes in Würzburg gibt es nicht. Deckert, Krupinski und Nolte erledigen das nebenher. Deckert hält das Aufarbeiten für wichtig. Ihn treibe um, sagt er, „dass dieses Menschenbild nicht wieder entsteht, dass das nicht mehr wieder passiert“. Geld und Personal stellt die Uni nicht dafür ab.

Offenlegung: Im ursprünglichen Text stand, Heydes Vertrauter Karl Stössel habe der Kripo weisgemacht, Munkwitz sei verschollen. Tatsächlich aber formuliert Ernst Klee in "'Euthanasie' im Dritten Reich" nicht ganz so eindeutig. Klee schreibt, "eine Aussage" Stössels habe "die Kripo in die Irre geführt". Ob und wie absichtsvoll Stössel das getan hat, ist nicht geklärt. Klee bezieht sich auf einen Vermerk der Kriminalpolizei vom 21. November 1961.


Hintergrund: Aktion T4

„T4“ steht für die Adresse Tiergartenstraße 4 in Berlin, dem zentralen Sitz der Mordorganisation, die vermeintlich unwertes Leben auslöschen sollte. „Euthanasie“ – übersetzt aus dem Griechischen: „schöner“ oder „guter Tod“ – nannten die Nationalsozialisten, was Adolf Hitler Ärzten wie dem Würzburger Mediziner Werner Heyde auftrug: psychisch kranke und geistig behinderte Menschen auszulöschen.

Mehr als 40 Ärzte entschieden über Wohl und Wehe der Patienten als T4-Gutachter nach Aktenlage. Entscheidende Kriterien waren die Arbeitsfähigkeit und das Verhalten der Patienten. Je auffälliger sie waren, desto größer die Gefahr. Die positiv Begutachteten wurden in Tötungsanstalten geschafft, die als „Heil- und Pflegeanstalten“ getarnt waren, und von Ärzten mit Giftgas umgebracht.

Nach Protesten von betroffenen Eltern und aus Teilen der katholischen Kirche beendete Hitler im August 1941 die Aktion „T4“. Das bedeutete allerdings nur einen Wechsel der Mordtechnik. Fortan ließen die Nazis Kranke und Behinderte verhungern. Etwa 300 000 Menschen starben. Wie viele aus Mainfranken unter ihnen waren, ist nicht erforscht. Wolf

NS-Dokumentationszentrum Mu_nchen       -  Die Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ ist jetzt in Würzburg zu sehen. Die Universität ringt mit ihrer Mitschuld am Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten. Dass sie tief verstrickt ist, weiß sie. Wie tief, weiß sie nicht. Die Vergangenheitsbewältigung beginnt mühsam.SVEN HOPPE, DPA
Foto: Foto: | Die Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ ist jetzt in Würzburg zu sehen.
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