Würzburg

Nachgefragt nach Flüchtlingsartikel: Wo ist die Empathie geblieben?

400 Kommentare gab es im Netz zum Artikel über einen Afghanen, der trotz deutschen Kindes ausreisepflichtig ist. Einigen davon mangelt es an Menschlichkeit. Woran das liegen kann.
Vater und Sohn: Der Fall des 21-jährigen Afghanen beschäftigte die Gemüter im Netz kontrovers.  
Foto: Katja Glatzer | Vater und Sohn: Der Fall des 21-jährigen Afghanen beschäftigte die Gemüter im Netz kontrovers.  

Die gängige Praxis der Ausländerbehörden in Bayern machte den Esselsbacher Pfarrer (Lkr. Main-Spessart) Alexander Eckert fassungslos. Er wandte sich an diese Redaktion "mit einem schlimmen Fall, der meiner Meinung nach den Boden aus dem Fass der Menschlichkeit durchschlägt". Die Redaktion griff die Geschichte der jungen Familie auf, die in Würzburg lebt. Es geht um einen 21-jährigen Afghanen, der trotz seines drei Monate alten Kindes mit einer deutschen Staatsbürgerin, ausreisepflichtig ist.    

Auf Facebook wurde das Thema rege und kontrovers diskutiert - über 400 Kommentare gab es. Von "Ich helfe gern beim Packen", einem ironischen "Gute Reise" über "Scheinehe ist strafbar" bis hin zur Aussage, dass kleine Kinder vorgeschoben werden und "dann dem Barmherzigen die Tränendrüse läuft" oder dem Vorschlag, alle Drei sollten doch gemeinsam nach Afghanistan auswandern.

Kontrovers diskutieren ja, aber warum mit dieser Härte und Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen? Das fanden auch weitere Leser und kommentierten entsetzt diese Gefühllosigkeit. Wir haben bei Kommunikationspsychologe Markus Appel nachgefragt, warum sich vermehrt im Netz Menschen wertlos über andere äußern, ob dies ein gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit ist, und warum es in sozialen Medien leichter fällt, seine Meinung zu äußern. Professor Dr. Markus Appel leitet den Lehrstuhl für Kommunikationspsychologie und Neue Medien an der Universität Würzburg. 

Frage: Wie kann es sein, dass sich wie im obigen Beispiel Menschen im Netz so unwürdig und ohne jegliche Empathie über Menschen äußern?

Professor Dr. Markus Appel: Generell gibt es Themen, die mehr Reaktionen hervorrufen als andere. So ist zum Beispiel Corona unter den Themen, die viel und kontrovers diskutiert werden. Auch die Flüchtlingspolitik ist ein dominantes und immer noch viel diskutiertes Thema. Kein anderes hat seit der Flüchtlingsbewegung 2015 die Gemüter so erhitzt wie das Thema Flüchtlinge und Migration und das eben auch sehr kontrovers. Viele Menschen engagieren sich bei uns für Flüchtlinge im Alltag und unterstützen sie ehrenamtlich, aber es gibt eben auch viele, die das Handeln der Regierung als vollkommen falsch empfunden haben.  

Markus Appel: Professor und Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationspsychologie und Neue Medien an der Universität Würzburg.
Foto: FOTOSTUDIO BALSEREIT | Markus Appel: Professor und Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationspsychologie und Neue Medien an der Universität Würzburg.
Und wie erklärt sich der Eindruck, dass menschenverachtende Kommentare in den sozialen Medien deutlich zunehmen?  

Appel: Das hat verschiedene Gründe: Ein Punkt ist, dass es Personen gibt, die eine sehr negative Einstellung gegenüber Migranten haben. Diese Gruppe ist vielleicht gar nicht die Mehrheit, es ist aber eine Gruppe, die sich im Internet und auch über Facebook Gehör verschafft und viel postet. Das heißt, wenn diese Person fünfmal so viel postet wie eine andere, hinterlässt sie auch fünfmal mehr Eindruck. Das Thema zieht gerade Leute an, die migrationskritisch eingestellt sind.

Weiter spielen die Algorithmen von sozialen Medien eine Rolle: Wenn der Kommentar zu einem Beitrag sehr emotionsgeladen ist und wiederum viele Kommentare nach sich zieht, wandert dieser nach oben. Der gewonnene erste Eindruck kann sich so verstärken, denn andere Kommentare, die sich eventuell dagegen richten, sind erstmal verborgen und müssen angeklickt werden.    

Das heißt, wir müssen uns keine Sorgen machen, dass unsere Gesellschaft verroht?

Appel: Ich glaube, dass das Internet eine Distanz schafft, eine Art Anonymität oder Scheinanonymität, in der es den Menschen schwer fällt, sich in andere hineinzuversetzen. Studien und Berichten von Polizeistellen zufolge sind es gerade auf Facebook oft ältere Männer, die negativ kommentieren. Ihnen fällt es offenbar schwer, sich in junge Familien und in die Situation Geflüchteter hineinzuversetzen. Ich würde nicht sagen, dass die Gesellschaft verroht, aber auf manchen Plattformen im Internet und zu einigen Themen findet eine "verrohte Diskussion" statt.   

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