Würzburg

Nationalpark Steigerwald: "Naturwälder sind uns fremd geworden"

Was würde es bedeuten, der Natur im Steigerwald freien Lauf zu lassen? Forstwissenschaftler Jörg Müller über den ökologischen Wert und seine Erfahrung im Bayerischen Wald.
Dem Borkenkäfer auf der Spur: Jörg Müller,  Professor  für Tierökologie an der Uni Würzburg und stellvertretender Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald.
Foto: Daniela Blöchinger/NPV | Dem Borkenkäfer auf der Spur: Jörg Müller, Professor für Tierökologie an der Uni Würzburg und stellvertretender Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald.

Ein dritter bayerischer Nationalpark im Steigerwald? Diskutiert wird darüber seit Jahren. Eine Umfrage der Landtags-Grünen zeigt nun große Zustimmung bei der Bevölkerung in der Region. Wie wertvoll wäre ein Nationalpark aus Sicht der Wissenschaft? Ein Gespräch mit Jörg Müller, Professor für Tierökologie der temperaten Breiten an der Uni Würzburg und stellvertretender Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, des ersten Nationalparks in Deutschland.

Frage: Für Hans Bibelriether, Gründungsleiter des Nationalparks Bayerischer Wald, wäre der Steigerwald erste Wahl als Standort eines dritten Nationalparks. Für Sie auch?

Prof. Jörg Müller: Als Mitarbeiter des Nationalparks Bayerischer Wald würde ich jede weitere Neugründung eines Nationalparks begrüßen. Ob und wo man ihn in Bayern macht, ist eine gesellschaftliche Frage. Der Steigerwald wäre grundsätzlich geeignet. Man erlebt gerade in der Pandemie die Sehnsucht der Menschen nach solchen Naturräumen. Wir sind im Spätherbst regelrecht überrannt worden von Besuchern.

Müsste man, sofern politisch gewollt, einen Nationalpark gegen Widerstände durchziehen?

Müller: In einer Demokratie ist eine solche Entscheidung immer eine Mehrheitsentscheidung. Der Wunsch dabei wäre immer das Einvernehmen der Interessensvertreter einer Region. Aber die Diskussionen sind bei jeder Neugründung ähnlich – es gibt glühende Verfechter und erbitterte Gegner. Die einen träumen von unberührter Wildnis, die anderen haben Sorge um die Holznutzung. Das war im Bayerischen Wald nicht anders. Nach 50 Jahren ist der Nationalpark dort aber Standard geworden, die Gegnerschaft hat sich weitgehend erübrigt. Die meisten Menschen spüren, dass der Nationalpark eine große Bereicherung war, um diese Grenzregion zu fördern.

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Müller: Die Verbindung ist gewollt! Ein Nationalpark hat nur die Schutzstufe drei der Internationalen Schutzgebietskategorien, er lässt deutlich mehr Nutzung zu als die Kategorien 1a und 1b. In einem Nationalpark sind der Schutz der biologischen Vielfalt und die Bereitstellung eines wertvollen Naturerholungsraums gleichwertige Ziele. Also im Nationalpark will man den Besucher.

Wieviel Hektar müssten für einen Nationalpark Steigerwald aus der Bewirtschaftung genommen werden?

Müller: Das ist keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung. Nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz sollten es mindestens 10 000 Hektar sein. Die Fläche soll groß genug sein, damit durch Naturdynamiken wie Windwurf oder Borkenkäfer immer nur Teile betroffen sind und somit ein wertvolles ökologisches Mosaik auf Landschaftsebene entstehen kann. Man geht davon aus, dass die Fläche bei Buchenwäldern im Flachland nicht so groß sein muss wie etwa bei subalpinen Fichtenwäldern.

Professor Jörg Müller mit einem lebenden Borkenkäfer auf der Hand (der kleine schwarze Punkt).
Foto: Daniela Blöchinger/NPV | Professor Jörg Müller mit einem lebenden Borkenkäfer auf der Hand (der kleine schwarze Punkt).
Was wäre der ökologische Gewinn eines Nationalparks Steigerwald?

Müller: Man kann lernen, wie ein Waldökosystem funktioniert: Wie sich Lebensräume, Populationen entwickeln. Wie nach Störungsereignissen Totholz in den Wald kommt und plötzlich seltene Arten richtig große Populationen bilden – all das passiert nicht in kleinen Schutzgebieten. Im Bayerischen Wald galten bestimmte Arten in den 1950er und 60er als extrem selten. Nun kommen sie in Massen vor, weil das Holz überwiegend nicht mehr aus dem Wald gefahren wurde.

Also ein Rückzugs- und Entwicklungsraum.

Müller: Genau. Und wenn man sich in einem großen Gebiet einmal entschieden hat, nicht mehr einzugreifen – dann traut man sich das auch. Man kann Totholz auch im Wirtschaftswald anreichern. Das ist aber unsicher, weil man es in bestimmten Momenten doch wieder herausholt. Da ist die Versicherungsfunktion eines Großschutzgebietes sehr wichtig.

Das muss man aushalten.

Müller: Was uns schwerfällt, weil wir in Europa kaum mehr Erfahrung mit Naturwäldern haben. Sie sind uns im kulturgeschichtlichen Lauf fremd geworden. Wir kommen aus der Tradition, die Natur zähmen und im Wirtschaftswald kontrollieren zu wollen. Deswegen irritiert es uns, wenn es in einem Nationalpark anders läuft. Ich verstehe, dass es Leute erschüttert, wenn Bäume absterben – wie auf großen Flächen im Bayerischen Wald. Aber da hat sich viel gedreht: Heute sind Einheimische stolz, dass ein deutschlandweit fast ausgestorbener Käfer ausgerechnet in ihrer Heimat wieder häufig vorkommt.

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Müller: Wenn der Buchdrucker im Schutzgebiet eines Nationalparks wirkt, ist er ja kein Schaden, sondern – wie wir es nennen – ein "Ökosystem-Ingenieur": Er gestaltet die Landschaft um zum Wohle vieler hochbedrohter Arten. Im Wirtschaftswald dagegen ist er europaweit der übelste Schädling. Für Buchenwälder wie im Steigerwald kennen wir im Moment keine Organismen, die ganze Bestände zum Absterben bringen. Aber selbst dann würden wir positive Effekte erwarten, weil der Steigerwald im Moment nur auf einer sehr geringen Fläche reich an Altbäumen und Totholz ist. Im Prinzip ist jedes Trockenjahr dort, in dem Buchen absterben, aus naturschutzfachlicher Sicht eher ein Segen. Störungsereignisse nach unserem Empfinden sind für den Wald in der Regel ein Vielfaltsmotor.

Ein dritter Nationalpark als Hort der Biodiversität?

Müller: Mit einem dritten Nationalpark retten wir nicht die Biodiversität Bayerns. Sie hängt sehr von den lokalen Lebensräumen ab. Wir brauchen Konzepte, die in den verschiedenen Lebensräumen Natur und Vielfalt erhalten. Egal ob dritter oder vierter Nationalpark: Für die Biodiversität müssen wir Lebensräume in ganz Bayern schützen, verbessern und deren Fläche vermehren.

Prof. Jörg Müller

Der Forstwissenschaftler, Jahrgang 1973, ist seit 2016 Professor für Tierökologie an der Universität Würzburg sowie Leiter der Ökologischen Station Fabrikschleichach im Steigerwald.  Ab 2006 war Müller als Zoologe in der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald  tätig. Seit 2013 ist er stellvertretender Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald sowie dort Leiter des Sachgebiets für Naturschutz und Forschung. Zu seinen Schwerpunkten zählen Waldökologie, ökologische Konzepte im Naturschutz und Totholzökologie.
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