Zell

Original Stuck aus der Echterzeit

Kapitelhaus des ehemaligen Klosters der Prämonstratenserinnen in Unterzell, erbaut durch den Würzburger Fürstbischof Julius Echter 1608 bis 1613. Im Erdgeschoss befindet sich der Kapitelsaal mit gotischen Kathedralen-Fenstern mit Maßwerk. Links zu sehen ist der Ausläufer des Ostflügels vom Konventbau; rechts der ehemalige Ostflügel, seit 2021 mit Wohnungen; im Hintergrund der Südturm und das Kirchenschiff.
Foto: Dieter Fauth | Kapitelhaus des ehemaligen Klosters der Prämonstratenserinnen in Unterzell, erbaut durch den Würzburger Fürstbischof Julius Echter 1608 bis 1613.

Die Marktgemeinde Zell a. Main hat 2020/21 im ehemaligen Frauenkloster Unterzell einen historisch erhaltenen Saal erwerben können. Jetzt herrscht auch Klarheit darüber, wie der Saal während der Klosterzeit genutzt wurde. Im Ergebnis kann das Folgende mitgeteilt werden, wie Dieter Fauth aus Zell in diesem Artikel zusammenfasst:

Im ehemaligen Kloster der Prämonstratenserinnen in Unterzell (1221/43-1803) findet sich als nordöstlicher Gebäudeteil des Konventbaus ein zweistöckiges Kapitelhaus. Dies ist in Klöstern ein Versammlungsgebäude für die Mitglieder des Konvents. Im Erdgeschoss des Kapitelhauses findet sich ein Kapitelsaal. Gegenüber von dem Saal ist die Küche, auf der zum Kapitelsaal abgelegenen Seite der Küche das Refektorium, also der Speisesaal für die Nonnen. Kapitelhaus, Kapitelsaal und Küche sind heute historisch restauriert zu besichtigen. Das Refektorium ist nicht mehr erkennbar.

2020 von der Gemeinde historisch restauriert

Der Kapitelsaal wurde mit der Wiedererrichtung des Klosters durch den Würzburger Fürstbischof Julius Echter 1608 bis 1613 erbaut, blieb nach der Säkularisation 1803 erhalten, wurde 2020 histo-risch restauriert und ging in das Eigentum der Marktgemeinde Zell über. Es ist der einzige Raum im Kreis Würzburg mit originalem Stuck aus der Echterzeit, unter anderem einem monumentalen Wap-pen des Fürstbischofs. Der Raum besticht durch seinen sakralen Charakter mit einer polygonalen Apsis und noch nicht interpretierten Wandmalereien.

Kapitelsaal mit Rippengewölbe und (hinten) polygonaler Apsis mit dem Wappen des Erbauers Fürstbischof Julius Echter im Zentrum. Das Bild zeigt den Zustand während der Renovierung im August 2020.
Foto: Dieter Fauth | Kapitelsaal mit Rippengewölbe und (hinten) polygonaler Apsis mit dem Wappen des Erbauers Fürstbischof Julius Echter im Zentrum. Das Bild zeigt den Zustand während der Renovierung im August 2020.

Die Nutzung des Obergeschosses vom Kapitelhaus während der Klosterzeit ist heute unbekannt und war für das Klosterleben wohl unbedeutend. Diese Räumlichkeiten sind heute in Privatbesitz. —

Ein Beleg für die Verwendung des von der Marktgemeinde erworbenen historischen Saals stammt von dem genialen Zeichner Joseph Raphael Tatz aus der Zeit nach 1724, der in seiner Vogelschau des Klosters Unterzell in dem Nord-Ost-Flügel des Konvent-Baus eine „aula capitula“, einen Kapitelsaal, vermerkte. Also handelt es sich bei dem Nord-Ost-Flügel des Konvent-Baus um ein Kapitelhaus. Allerdings lässt die Beschreibung von Tatz offen, ob mit dem Kapitelsaal die Räumlichkeit im Erdgeschoss oder im Obergeschoss des Kapitelhauses gemeint war. Auch die Verwendung des Raumes bleibt mit Tatz noch offen. Jahrzehntelang glaubte man in Zell, es handele sich um eine Kapelle. Seit der Sanierung des Gebäudes 2018 bis 2020, bei der gegenüber dem Kapitelsaal eine Küche entdeckt wurde, vermutete man, der Saal sei als Refektorium, also als Speisesaal für die Nonnen, genutzt worden. Beides trifft nicht zu.

Klarheit verschafft die Beschreibung einer Prozession im Unterzeller Kloster aus dem Jahr 1731 zur Einsetzung der Gebeine der Märtyrer Calepodus und Alexandrus in die Nebenaltäre der Klosterkirche. (Diese Skelette – bekleidet mit Ornat, gefertigt von damaligen Unterzeller Nonnen – können heute übrigens in der katholischen Kirche des Ortes betrachtet werden.)

Laut Protokollbuch des Propstes startet die Prozession in der Kirche, während die „Novizinnen … sich sogleich in das Capitelhauß begeben, alle mit brennenden weißen wachskertzen“. Danach ging die Prozession aus der Kirche [durch den Kreuzgang beim Ostflügel des Konvent-Baus] zum „Capitulhauß“. Dort angekommen „blieben alle heraus in dem gang … stehen: außgenommen die innige [= diejenigen], so die Sacra Corpora [der beiden Märtyrer] sollten tragen, welche in das Capitulhauß gangen und ihre heiligen bürd ergriffen.“ Danach zog die Prozession weiter. „Die Procession wurde geführt auß dem Capitelhauß durch den einen Flügel des Creutzgang bey dem Refectori [= Speisesaal] vorbey, bey der Schwester-Stuben zur thür in garten hinauß, dann durch das Conventsthor [heute: „Echtertor“] hindurch in den Closters hoff biß gegen den Viehhoff [heute: „Judenhof“], in einem ordentlichen Creyß [= Kreis] oder Umgang herumb biß wiederumb zur Kirchthür“. Die „beyden heiligen Leiber“ wurden in der Kirche „nidergesetzt“. Die Beschreibung dieses Prozessionsgangs durch die Klosteranlage zeigt, dass der Saal im Kapitelhaus, in dem die beiden Särge der Märtyrer aufgestellt waren, ebenerdig liegen musste. Weiterhin wird klar, dass das Refektorium außerhalb des Kapitelhauses auf der dem Kapitelhaus abgelegenen Seite der Küche lag.

Jahrhunderte alte monastische Traditionen

Nähere Untersuchungen zeigen nun, dass der Kapitelsaal zu Predigten des Propstes für die knapp 40 Nonnen genutzt wurde, für die Einkleidung der jungen Frauen als Nonnen (Novizinnen oder Professinnen), für Fußwaschungen an den Gründonnerstagen und im Zusammenhang von Beerdigungen der Nonnen auf dem Klosterfriedhof. Damit entspricht die Nutzung des Unterzeller Kapitelsaals der Jahrhunderte alten monastischen Tradition, die in Unterzell bis zur Säkularisation 1803 voll umfänglich gelebt wurde.

Die Marktgemeinde Zell a. Main verfügt jetzt neben dem restaurierten Gasthaus Rose, einer Laub-hütte, einem Wassermuseum, einem begehbaren Stollen, einigen Weinhändlerhäusern, einer baro-cken Kelterhofscheune, historischen Brunnen und im Ort verteilten wertvollen Marienstatuen mit dem Unterzeller Kapitelhaus, Kapitelsaal und der historischer Küche über ein weiteres Kleinod.

Noch nicht interpretierte Wandmalerei, angefertigt von einem sonst unbekannten Maler Frantz Michel aus Ochsenfurt im Jahr 1733.
Foto: Annette Taigel | Noch nicht interpretierte Wandmalerei, angefertigt von einem sonst unbekannten Maler Frantz Michel aus Ochsenfurt im Jahr 1733.
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