Würzburg

Psychopillen statt Pflege und Zuwendung

Pfleger zu sein, war und ist Michael Rahns Traumberuf. Im Bezirkskrankenhaus Lohr kümmert sich der 30-Jährige um psychisch Kranke. Das würde er gern intensiver tun, denn Patienten mit seelischen Leiden benötigen viel Zuwendung. „Dafür ist aber zu wenig Zeit“, erklärte der stellvertretende Stationsleiter bei einer Veranstaltung der Gewerkschaft ver.di Würzburg-Aschaffenburg zum Tag der Internationalen Pflege.

„Entschuldigung, hätten Sie kurz Zeit?“ Diese Frage hört Michael Rahn fast täglich, wenn er über die Gänge eilt. Oft ist es ihm nicht möglich, so lange mit einem Patienten zu sprechen, bis der befriedigende Antworten auf alle seine Fragen erhalten hat. Das auf zehn Vollzeitstellen verteilte Team seiner Station in der Lohrer Allgemeinpsychiatrie hat stets deutlich mehr zu tun, als mit Blick auf die Patienten sinnvoll und wichtig wäre. „Vor allem die Dokumentation frisst viel Zeit“, sagt Rahn, der sich eine Aufstockung seines Teams auf 15 Vollzeitstellen wünschen würde. Dann könnte man bestens zum Wohle der Patienten arbeiten.

Dass die Pflege in der Psychiatrie personell zu knapp bemessen ist, bestätigt Marcus Droll. Der 41-Jährige arbeitet in der Psychiatrie des Würzburger Universitätsklinikums. Mindestens 20 Prozent mehr Personal bräuchte es nach seiner Einschätzung auf seiner geschlossenen Station. Mehr Geld in die Pflege zu investieren, würde sich für die Patienten, letztlich aber für die ganze Gesellschaft auszahlen. „Könnten wir intensiver mit den Patienten reden und sie auch manchmal nach draußen auf einen Spaziergang begleiten, würden sie weniger Medikamente benötigen, müssten seltener fixiert werden und würden schneller gesund“, ist der Pfleger überzeugt.

Die Arbeitsbedingungen in Kliniken seien „frustrierend“, meint auch Carmen Raloff, die sich noch gut daran erinnert, mit welchem Enthusiasmus sie einst die Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hat. Sieben Jahre lang war die 39-Jährige aus dem Landkreis Miltenberg in einer Klinik tätig. Danach wechselte sie in die Altenpflege. Derzeit ist sie als Teilzeitpflegekraft in der Rohe'schen Altenheim-Stiftung in Kleinwallstadt beschäftigt. Dort gefällt es ihr besser: „Ich bin wieder näher am Menschen.“

In der Klinik habe sie das Gefühl gehabt, immer nur „der weißen Wolke hinterherzurennen“: „Ich hatte eigentlich nur Zeit, um die Anordnungen des Arztes zu erfüllen.“ Intensivere Gespräche seien selbst dann nicht möglich gewesen, wenn die Patienten in einer Ausnahmesituation waren – etwa, weil sie erfuhren, dass sie Krebs haben. Dass sie diesen Menschen in ihrer seelischen Not aufgrund des Dauerstresses kaum beistehen konnte, damit war Raloff irgendwann nicht mehr einverstanden gewesen. Darum verließ sie die Klinik.

Mit ihrer Veranstaltung, zu der lediglich knapp 30 Pflegekräfte aus Unterfranken ins Würzburger Felix-Fechenbach-Haus kamen, appellierte ver.di an die Politik, das Pflegesystem endlich besser auszustatten. „Die Arbeit in der Pflege ist trotz vieler Überstunden nicht zu schaffen“, betonte Stefan Kimmel, Würzburger Gewerkschaftssekretär für den Fachbereich Gesundheit, soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen. Dies zeigten auch die Überstundenzahlen von Pflegekräften und Einrichtungen, die während der Veranstaltung an einer langen Wäscheleine hingen.

Zu den Favoriten gehörte eine Klinik im Landkreis Würzburg, deren Pflege aktuell auf einen Berg von 20 262 Überstunden ruht. Einzelne Pflegekräfte aus der Region sammelten um die 100 Überstunden. Solche Zahlen kommen unter anderem dadurch zustande, dass Pflegerinnen und Pfleger immer wieder aus Urlaub oder Freizeit geholt werden, um Personalengpässe zu kompensieren. „Das kommt bei mir etwa jeden zweiten Monat vor“, sagt Marcus Droll.

„Der Arbeitsalltag ist teilweise eine reine Katastrophe“, bestätigt Gewerkschaftssekretär Nico Wickleder, der bei ver.di in Würzburg für Jugendarbeit und Jugendbildung zuständig ist. Schon Auszubildende seien oft hin- und hergerissen, ob sie den Beruf tatsächlich bis zum Ende erlernen und dann in die Pflege einsteigen sollen. Die Unzufriedenheit mit den Ausbildungsbedingungen, weiß Wickleder aus Gesprächen mit den Jugendlichen, ist hoch: „Praxisanleitungen zum Beispiel finden in vielen Kliniken kaum statt.“

Seit etlichen Jahren murren Pflegekräfte, dass ihre Arbeitsbedingungen miserabel sind, viele schmeißen ihren Job hin, die Fluktuation ist hoch. „Die Politik schaut zu, ohne zu agieren“, beklagte sich ein Teilnehmer. Für das Würzburger ver.di-Mitglied Herbert Deppisch liegen die Ursachen auf der Hand: „Das alles ist unserem kapitalistisch organisierten Gemeinwesen geschuldet.“ Gesundheit werde als Ware angesehen, Kliniken müssen sich am Markt behaupten, der Konkurrenzkampf werde immer gnadenloser. „Das muss durch politische Entscheidungen wieder rückgängig gemacht werden“, so Deppisch, „sonst werden die Zustände noch schlimmer“.

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