"Sagt dem Mann, ich hole sie raus!"

Röttingen Die Bilder der Eishallen-Katastrophe in Bad Reichenhall ähneln denen der eingestürzten Burg Brattenstein in Röttingen vor 35 Jahren. Erinnerungen werden wach an das bislang größte Unglück dieser Art im Landkreis Würzburg. Bei der Tragödie in Röttingen starben vier Frauen, elf Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.
Fassungslosigkeit herrschte nach
dem Einsturz       -  Fassungslosigkeit herrschte nach
dem Einsturz der Burg Brattenstein.
Damals bangte man stundenlang
um das Leben zahlreicher
Menschen. Vier Frauen starben, elf
wurden verletzt.
Foto: FOTO HEUSSNER | Fassungslosigkeit herrschte nach dem Einsturz der Burg Brattenstein. Damals bangte man stundenlang um das Leben zahlreicher Menschen. Vier Frauen starben, elf wurden verletzt.
Stundenlang liegt Captain Robert J. Bell am 5. Februar 1971 unter den Trümmern bei der eingeklemmten Näherin Hannelore Keck, arbeitet wie ein Wahnsinniger mit Seilen, Schweißbrenner und Hebeln. "Sagt dem Ehemann, ich hole sie hier raus!", ruft der amerikanische Soldat den Dolmetschern zu.

Vom Burghof aus heben amerikanische Soldaten vom Flugplatz Giebelstadt mit einem Kranwagen das Gebälk millimeterweise in die Höhe. Robert J. Bell ist der erste Helfer, der sich am Nachmittag, als die Bergungsarbeiten immer schwieriger werden und schließlich ins Stocken geraten, kurzentschlossen durch die Trümmer zu der Eingeschlossenen vorarbeitet.

Auch Bell schwebt jetzt in akuter Lebensgefahr. Hannelore Keck liegt mit dem Kopf nach unten eingeklemmt unter schweren Balken. Und dann, um 21 Uhr - acht Stunden nach dem Einsturz - schreien Helfer aufgeregt nach einer Trage. Hannelore Keck wird vorsichtig aus den Trümmern bugsiert. Sie lebt! Die Rettung der 30-Jährigen Näherin aus Tauberrettersheim erscheint an diesem trüben Novembertag wie ein Wunder.

Im Kindergarten gegenüber sitzt Robert J. Bell auf dem Fußboden. In kleinen Schlucken trinkt er Kaffee. Der Soldat kann kaum noch stehen, ist am Ende seiner Kräfte. Draußen kämpfen jetzt über 150 Helfer um das Leben der Verschütteten.

Hoffnung und Verzweiflung wechseln sich ab. Doch im Laufe der Nacht stirbt die Hoffnung. Fassungslos sehen die Menschen zu, wie Bürgermeister Ottmar Menth, der Pfarrer und Männer vom Roten Kreuz um 430 Uhr eine junge Frau zum Friedhof tragen. Auf der Bahre liegt Christa Wutzke (27), Mutter eines fünfjährigen Sohnes.

Zuvor waren Ida Ulsamer (56) aus Aufstetten und Hedwig Biebelmann (37) tot geborgen worden. Die schwierige Bergung des jüngsten Opfers, Helga Hümmert (26) aus Röttingen, dauert bis zum Samstagabend.

Immer mehr Menschen versammeln sich vor dem zertrümmerten Gebäude der Stadt, in dem die Arbeitsstätte der Frauen, eine Miltenberger Kleiderfabrik, untergebracht war.

46 Beschäftigte waren zum Unglückszeitpunkt in der Fabrik, darunter 42 Frauen. 16 Näherinnen und Büglerinnen wurden mit den Balken und Ziegeln des 600 Jahre alten Gebäudes wenige Minuten nach 13 Uhr in die Tiefe gerissen. Auslöser für das Unglück waren Bauarbeiten an der Burg. Den Erschütterungen durch die Schürfgeräte hielten die Mauern offenbar nicht stand.

In das mannshohe Geschoss über dem Kellergewölbe sollte eine Garage für Rotkreuzwagen eingerichtet werden. Die Schuldfrage wurde schon Tage später diskutiert, beschäftigte in den folgenden Monaten und Jahren auch die Gerichte.

Die Helfer in Röttingen waren       -  Die Helfer in Röttingen waren im November 1971 über 30 Stunden im
Einsatz.
Foto: FOTO HEUSSNER | Die Helfer in Röttingen waren im November 1971 über 30 Stunden im Einsatz.
Ein Bild der Verwüstung herrschte       -  Ein Bild der Verwüstung herrschte 1971 nach dem Einsturz der Burg Brattenstein. Die Rettungsarbeiten in Bad Reichenhall rufen dieser Tage
Erinnerungen an Röttingen wach.
Foto: FOTO RÖDER | Ein Bild der Verwüstung herrschte 1971 nach dem Einsturz der Burg Brattenstein. Die Rettungsarbeiten in Bad Reichenhall rufen dieser Tage Erinnerungen an Röttingen wach.
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