Würzburg

Samstagsbrief: Liebe Oma, so schlecht geht es der Corona-Jugend nicht

Während des Lockdowns müssen alle verzichten. Egal wie alt sie sind. Verglichen mit früheren Generationen und angesichts der Pandemie ist das Opfer aber überschaubar, findet unser Autor.
Tim Eisenberger (links) mit seiner Oma und den Geschwistern Anna und Ben.
Foto: Tim Eisenberger | Tim Eisenberger (links) mit seiner Oma und den Geschwistern Anna und Ben.

Liebe Oma Luise,

in den zwei Wochen, die ich als Kind bei dir jede Sommerferien verbracht habe, habe ich mich immer wie im Paradies gefühlt. Noch jetzt, mit mittlerweile 29, denke ich gerne an all das zurück, was du für mich und meine Geschwister gemacht hast. Jeden Morgen ein heißer Kakao, warme Croissants aus dem Ofen mit Nutella. Wir durften, wann immer wir wollten, vorm Fernseher hängen, draußen Fußball spielen oder Bonbons aus der Süßigkeiten-Schublade naschen. Du hattest sichtlich Spaß daran, uns zu verwöhnen und glücklich zu machen. Uns eine Kindheit und Jugend zu schenken, wie du – Jahrgang 1939 – sie nicht haben konntest.

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Zuletzt scheinen einige zu übersehen, wie gut es den Jungen trotz Corona heutzutage geht. So hat in der vergangenen Woche ein 24-jähriger Student in dieser Zeitung geschrieben, dass er durch die Pandemie ein Jahr seiner Jugend verloren habe. "Jungsein lässt sich nicht nachholen", lautete sein Credo. Ohne Corona wäre er jetzt in Rom. Die Pandemie verhindere, dass er die Frau fürs Leben finde. Noch nicht einmal seine Kommilitonen könne man richtig kennenlernen. Und indirekt machte er ältere Menschen und damit auch dich dafür verantwortlich, dass er jetzt Einschränkungen ertragen, Kontakte reduzieren muss. Schließlich sollt doch ihr, die Senioren, geschützt werden. Ein Leserbrief-Schreiber meinte dazu: "Die jetzige Zeit ist sicherlich nicht sehr angenehm – egal ob man 24 oder 64 Jahre alt ist, aber absolut Peanuts im Vergleich zu dem, was andere Generationen mitgemacht haben."

Deine Kindheit und Jugend waren geprägt vom Krieg und dem Wiederaufbau. Nach der Schulzeit hast du mit 16 Jahren einen Job in der Näherei angenommen. Als du 24 warst, hattest du bereits eine Familie gegründet. Ein Leben mit Studium oder Reisen in ferne Länder – damals undenkbar. Stattdessen hat deine Generation dieses Land wiederaufgebaut.

Mitte März wurden die Playoffs meiner Basketball-Mannschaft abgesagt. Es wäre vielleicht der Höhepunkt meiner sportlichen Laufbahn gewesen. Stattdessen: kein Basketball mehr. Gerade du, Oma, weißt, wie sehr ich diesen Sport liebe: Jahrelang hast du kaum ein Heimspiel meiner Mannschaft verpasst.

Überhaupt ist mein Privatleben praktisch zum Stillstand gekommen. "Mein Timi, der ist immer unterwegs. Bei dem wird es nie langweilig", hast du einmal über mich gesagt, als ich dich aus Köln, Shanghai oder Würzburg angerufen habe. Aktuell bin ich nicht mehr unterwegs. Der Besuch bei dir an Weihnachten war der einzige Ausflug, den ich in den letzten drei Monaten gemacht habe. Und auch den Start ins Berufsleben habe ich mir anders vorgestellt. Als Volontär bin ich einer der wenigen Redaktionskollegen, die aktuell ins Büro kommen.

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Klar plagen gerade viele junge Menschen Zukunftssorgen: Auf dem Arbeitsmarkt sieht es im Moment nicht rosig aus. Doch gerade junge Leute sollten diese Krise als Chance verstehen. Noch nie hatten sie die Möglichkeiten, so viel zu gestalten. Genau jetzt ist die Zeit, den Podcast zu starten, von dem sie immer geredet haben. Sie können den Businessplan für das Start-Up ausarbeiten, das sie immer im Hinterkopf hatten. Und sie haben Zeit, sich kreativ auszuleben. Egal auf welche Weise. Die berufliche Flexibilität ist so groß wie nie.

Und klar müssen wir alle gerade auf vieles verzichten. Junge Menschen wie mich trifft das natürlich, aber ich bin bereit, diese Einschränkungen hinzunehmen. Vor allem um dich zu schützen. So schwierig ist es auch gar nicht: Noch nie war es so leicht wie heute, Kontakte zu pflegen. Tinder, Instagram, Whatsapp und Videokonferenzen machen es möglich. Theoretisch kann man an einem Tag die Frau fürs Leben finden und mit den 20 besten Freunden sprechen.

Viele Menschen aus meiner Generation befürchten, dass ihnen die Zeit davonläuft. Noch sei das Fenster zur Welt da draußen gekippt, schrieb der oben erwähnte Student. Die Frage sei, wie lange noch. Dabei hat meine Generation in 25 Lebensjahren wahrscheinlich schon mehr Fernreisen gemacht als du in deinem ganzen Leben. Oder um es drastischer auszudrücken: Bei uns steht das Fenster vielleicht gerade nur auf Kipp, aber in deiner Generation gab es gar keine Fenster.

Früher waren wir nach erfolgreichen Spielen oft noch den Sieg feiern. Oft habe ich danach bei dir übernachtet. Und weil ich noch viele weitere Jahre heißen Kakao und warme Croissants mit Nutella bei dir genießen möchte, bleibe ich zuhause. Für dich und für deine ganze Generation. 

In Liebe, Dein Tim

Info: Einer bekommt Post: Der "Samstagsbrief"

Jedes Wochenende lesen Sie unseren "Samstagsbrief". Was das ist? Ein offener Brief, den ein Redakteur unserer Zeitung an eine reale Person schreibt – und tatsächlich auch verschickt. An eine Person des öffentlichen Lebens, die zuletzt Schlagzeilen machte. An jemanden, dem wir etwas zu sagen haben. An einen Menschen aus der Region, der bewegt hat und bewegt. Vielleicht auch mal an eine Institution oder an ein Unternehmen. Oder ausnahmsweise an eine fiktive Figur.
Persönlich, direkt und pointiert formuliert soll der "Samstagsbrief" sein. Mal emotional, mal scharfzüngig, mal mit deutlichen Worten, mal launig – und immer mit Freude an der Kontroverse. Der "Samstagsbrief" ist unsere Einladung zur Debatte und zum Austausch. Im Idealfall bekommen wir vom Adressaten Post zurück. Die Antwort und den Gegenbrief, den Briefwechsel also, finden Sie dann auf jeden Fall bei allen "Samstagsbriefen" hier. Und vielleicht bietet die Antwort desjenigen, der den "Samstagsbrief" zugestellt bekommt, ja auch Anlass für weitere Berichterstattung – an jedem Tag der Woche.
Quelle: MP
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