Soziologe Klaus Ronneberger kritisiert neoliberale Stadtentwicklung

Soziale und kulturelle Aufgaben werden vernachlässigt: In Vorträgen kritisiert der Stadtsoziologe Klaus Ronneberger den Ausverkauf der Städte. Am Dienstag spricht er in Würzburg über „Die Stadt als Beute“.DERIVE
Foto: Foto: | Soziale und kulturelle Aufgaben werden vernachlässigt: In Vorträgen kritisiert der Stadtsoziologe Klaus Ronneberger den Ausverkauf der Städte.

würzburg Würzburg braucht weniger zusätzliche Einzelhandelsflächen als mehr Aufenthaltsqualität, behauptet der Stadtsoziologe Klaus Ronneberger. Der gebürtige Würzburger kritisiert die Entwicklung von Städten zu Konsumlandschaften und Wohlstandsoasen. Über das Thema „Die Stadt als Beute“ spricht Ronneberger am Dienstag, 26. November, um 19.30 Uhr im Dauthendey-Saal des Falkenhauses. Eingeladen haben den 63-Jährigen der Freundeskreis AKW und die Bürgerinitiative „Rettet das MOZ“ zur Eröffnung der Veranstaltungsreihe „Rettet das MOZ, Kultur ins Zentrum“.

Frage: Auf der grünen Wiese wachsen Baumärkte, Discounter und Reihenhäuser und in der City stehen die Läden leer. Wird diese Entwicklung so weitergehen?

Klaus Ronneberger: Diese Suburbanisierung vollzog sich vor allem zwischen den 60er und den 80er Jahren. Danach sind die „Speckgürtel“ der Städte nicht mehr so intensiv gewachsen. In jüngster Zeit wird sogar die „Renaissance der Kernstädte“ ausgerufen.

Sie klingen so, als würden Sie nicht so recht an diese Renaissance glauben . . .

Ronneberger: Man kann diese Tendenz beobachten. Aber eben vor allem für prosperierende Städte wie München oder Frankfurt, in deren Zentren Wohlstandsenklaven wachsen. Gleichzeitig schrumpfen aber die Innenstädte in strukturschwachen Gebieten. Das lässt sich dramatisch an Städten im Ruhrgebiet, aber auch in den Haßbergen oder in der Rhön beobachten.

Das Problem hat Würzburg zum Glück nicht. Es fehlen nicht die Bewohner, sondern bezahlbare Wohnungen.

Ronneberger: Weil sich neoliberale Politik von sozialen Aufgaben verabschiedet hat. Statt durch sozialen Wohnungsbau zu steuern, überlässt man die Entwicklung dem Markt. Auch die Kommunen füllen ihre leeren Kassen, indem sie ihre Filetstücke versilbern: an Projektentwickler teurer Eigentumswohnungen oder Einzelhandelsflächen.

Kommunalpolitiker begründen das damit, dass mehr Einzelhandel die Stadt attraktiver macht. Stimmt das nicht?

Ronneberger: Statt mehr Einzelhandel zieht mehr Aufenthaltsqualität Konsumenten an. Denn deren Ansprüche steigen. In den USA werden Malls mittlerweile so umgebaut, dass sie die Atmosphäre einer Stadt imitieren.

Und wie bekommt eine Mall den echten Städten?

Ronneberger: Alle sozialwissenschaftlichen Studien zeigen, dass in Deutschland Innenstädte mittelgroßer Städte von Einkaufszentren geschädigt werden. Diese Misserfolge zeigen, dass es einer Stadt wenig bringt, gerade angesagte Modelle zu kopieren. Stattdessen sollte sie sich auf ihre eigenen Stärken konzentrieren. Aber generell ist eine Stadt mehr als ein Themenpark, in dem möglichst viel Geld im Einzelhandel, Multiplexkinos und Gastronomie ausgegeben werden soll. Doch ihre sozialen und kulturellen Aufgaben vernachlässigen die Kommunen.

Anscheinend stört das kaum jemanden. Warum wehren sich die Bewohner nicht gegen den „Ausverkauf“ ihrer Stadt?

Ronneberger: In größeren Städten gibt es schon länger Widerstand. Aber auch in Würzburg wehren sich doch Bürger gegen den Abriss der denkmalgeschützten Mozartschule für Einkaufs- und Büroflächen. Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Kommune ein Kulturgut zu Kleingeld machen möchte. Dabei ist die Schule ein architektonisches Unikat, das kulturell genutzt wird. Sie müsste nur saniert werden.

Klaus Ronneberger

Studium: Der 1950 in Würzburg geborene Klaus Ronneberger hat Kulturanthropologie, Europäischen Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaften studiert.

Tätigkeit: Langjähriger Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt „Stadt und Raumplanung“. Als freier Publizist hat Ronneberger unter anderem 1999 das Buch „Die Stadt als Beute“ veröffentlicht.

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