Syrisch-orthodoxe Kirche feiert Ostern im neuen Gebetssaal

Die Zeremonie wirkt geheimnisvoll. Ein Ministrant im weißen Gewand schellt mit dem Glöcklein. Dann zieht er an der Kordel eines Vorhangs. Der Stoff bewegt sich. Eine ältere Frau bekreuzigt sich mehrmals.
Alter Ritus: Diakon Simon Ok feiert in den 50 Tagen vor Ostern jeden Abend den Gottesdienst in der St. Malke Kirche. Der Ritus der syrisch-orthodoxen Kirche gilt als ältester der Christenheit.
Foto: Thomas Fritz | Alter Ritus: Diakon Simon Ok feiert in den 50 Tagen vor Ostern jeden Abend den Gottesdienst in der St. Malke Kirche. Der Ritus der syrisch-orthodoxen Kirche gilt als ältester der Christenheit.

Jetzt ist der Altar zu sehen. Das elektrisch beleuchtete Kreuz fällt auf. Männer und Knaben in Alltagskleidung stellen sich im Halbkreis um ein Ambo und singen.

Der Diakon kommt hinzu. Ihr tiefer Gesang geht durch Mark und Bein. Er fesselt, auch wenn die Sprache fremd ist. Manche Handlungen wirken mystisch, andere vertraut.

Es sind Christen, die hier ihren Gottesdienst feiern.

Das Haus am Zwinger in Ochsenfurt wirkt unscheinbar. Es ist ein normales Mehrfamilienhaus nahe der Stadtmauer. Von weitem ist ein Kreuz auf dem Dach zu sehen.

Ein Schild am Türbogen weist auf die sakrale Bedeutung des Gebäudes hin. Hier ist die Sankt Malke Kirche.

Eine Steintafel im Eingangsbereich hilft weiter. 1991 wurde das Haus renoviert, ein Jahr später die Kirche eingeweiht. Sie ist benannt nach dem Heiligen Mor Malke, dessen Fest die syrisch-orthodoxe Kirche am 1. September feiert.

Der Text ist in deutscher und aramäischer Sprache verfasst. Aramäisch, das ist eine der ältesten Sprachen der Welt. Die Sprache Jesu. Im Südosten der Türkei wird sie noch heute gesprochen.

In den 50 Tagen vor Ostern kommt der Ochsenfurter Simon Ok jeden Abend in die St. Malke Kirche. Er ist Diakon und feiert hier mit der Gemeinde Gottesdienst, stets um 18 Uhr.

Er betet und singt, predigt sonntags und fastet täglich. 50 Tage darf er keine tierischen Produkte essen. So ist die Regel. Die aber freiwillig ist. Sein Schwager Besim Turan, Vorsitzender des syrisch-orthodoxen Kulturvereins in der Stadt, fastet auch.

Überhaupt ist Ostern für die Armenier etwas Besonderes. Sie freuen sich auf das Fest, weil es einen Neuanfang darstellt. Am Karfreitag wird symbolisch ein Kreuz in einen Sarg gelegt. Drei Tage bleibt es dort – so lange wie Jesus der Heiligen Schrift nach im Grab lag.

Am Morgen des Ostersonntags ziehen sich alle chic an und die Familien besuchen sich nach alter Tradition gegenseitig. Am Abend geht es besonders festlich zu.

Um 21 Uhr beginnt der Gottesdienst, der etwa bis Mitternacht dauert. Dazu reist auch der Gemeindepfarrer, der in Augsburg lebt, an. Danach wird im Gemeindesaal gefeiert.

Stolz zeigt Besim Turan die Räume. Vor zwei Jahren haben viele mit angepackt und fleißig renoviert. In der Kirche wurde die Decke abgenommen, ein Gewölbebogen und eine Empore eingezogen.

Auch den Gebetsraum haben die Aramäer um zweieinhalb Meter vergrößert. Dann geht er einen Stock tiefer und präsentiert den großen Gemeindesaal. Auch der platzte aus allen Nähten.

Völlig neu sind die sanitären Einrichtungen. Etwa 70 000 Euro hat der Kulturverein investiert – die vielen freiwilligen Arbeitsstunden nicht einberechnet.

Seit 1977 lebt Besim Turan in Ochsenfurt. Er kam der Liebe wegen. Sein Schwager Simon wanderte 1974 nach Deutschland aus. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre kamen sehr viele türkische Gastarbeiter an den Main.

Die meisten von ihnen fanden im Ochsenfurter Wohnwagenwerk Knaus Arbeit. Besim Turan und sein Schwager fühlen sich wohl in der Stadt. Fremdenfeindliche Ressentiments haben sie noch keine gespürt. „Wir sind akzeptiert“, sagt er und lächelt zufrieden.

Nach dem Gottesdienst verteilt eine Frau Selbstgebackenes. Die Kinder freuen sich über die Donutringe. Und auch die fastenden Männer und Frauen greifen zu. Trotz Fastenzeit sind Süßigkeiten erlaubt. Sie sind ja nichts Tierisches.

Uralte Kultur

Im dritten Jahrtausend vor Christus siedelte das Volk bereits an den Oberläufen von Euphrat und Tigris (Mesopotamien). Kleine Stadtstaaten entstanden. Die früheste eindeutige Erwähnung der Aramäer ist in assyrischen Texten Ende des 12. Jahrhunderts zu finden.

Im Zusammenhang mit Kriegszügen ist von einem Einfall assyrischer Herrscher in das Reich der Aramäer die Rede. Das Aramäische, einst sogar die allgemeine Verkehrs- und Diplomatensprache des Orients, wird seit mindestens vier Jahrtausenden gesprochen und gilt als älteste Sprache der Welt.

Die Aramäer bekannten sich ziemlich früh als Christen, so dass ihre Kirchen und Klöster auch zu den ältesten der Gotteshäuser zählen.

Heute leben etwa 80 000 Aramäer in Deutschland, in der Türkei sind es 15 000. Vor allem Ende des 20. Jahrhunderts sind viele nach Westen ausgewandert.

Die meisten kamen ab 1963 als Gastarbeiter aus der Türkei. In Ochsenfurt gibt es zwei syrisch-orthodoxe Gemeinden. Sie feiern ihre Gottesdienste in der St. Malke Kirche und in der Kreuzkirche.

Unscheinbar: Nur eine Steintafel am Türbogen weist auf die syrisch-orthodoxe St. Malke Kirche hin.
Foto: Gerhard Meissner | Unscheinbar: Nur eine Steintafel am Türbogen weist auf die syrisch-orthodoxe St. Malke Kirche hin.
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