WÜRZBURG

Trauerhalle am Hauptfriedhof: Ein Vorhang vors Kreuz

Trost für alle? Das von Curd Lessig gestaltete Fenster der Trauerhalle zeigt Jesus am Kreuz.
Foto: THOMAS OBERMEIER | Trost für alle? Das von Curd Lessig gestaltete Fenster der Trauerhalle zeigt Jesus am Kreuz.

Immer mehr Menschen gehören keiner christlichen Religion an. Auch in Würzburg stellt sich deshalb die Frage, inwieweit christliche Symbole in öffentliche Einrichtungen gehören. Der Stadtrat hat sie jetzt am Beispiel der Trauerhalle des Hauptfriedhofes diskutiert.

Die Fenster sind ein Werk des Würzburger Künstlers Curd Lessig. 1984 wurde die 1896 gebaute und im Krieg stark beschädigte Halle umgebaut und renoviert und Lessig bekam den Auftrag, die Fenster mit christlichen Motiven zu gestalten.

Heinrich Jüstel (SPD) möchte eine „konfessionsneutrale“ Trauerhalle. „Es geht mir um die 25 Prozent der Würzburger Bürger, die nicht der christlichen Kirche angehören“, begründet er seinen erneuten Vorstoß. Bereits 2003 hatte der bekennende Atheist die Umgestaltung beantragt, war aber an der Mehrheit des Stadtrats gescheitert.

Neutralen Trauerort gefordert

Seit 2003 ist die Zahl an Würzburgern, die entweder keiner Religion oder einer anderen als der christlichen gewachsen: Vor neun Jahren waren das rund 23 000, 2011 gut 30 000 Würzburger und damit 24,5 Prozent der Bevölkerung. 53,3 Prozent gibt das Landesamt für Statistik mit katholisch und 22,2 Prozent mit evangelisch an. Der Humanistische Verband Deutschlands fordert als Interessenvertretung der Konfessionslosen eine neutrale Trauerhalle am Hauptfriedhof. Sie sei ein Ort des Abschieds, der Mitgefühl und Solidarität mit den Trauernden vermitteln solle, ohne auf Religion oder Weltanschauung zu achten.

Wie Jüstel im Stadtrat erklärte, habe die Bischofsstadt Fulda inzwischen eine zweite, neutrale Trauerhalle auf ihrem Friedhof gebaut. „Soweit will ich nicht gehen.“ Aber schon eine kleine Veränderung – wie ein Vorhang vor den Fenstern – würde große Wirkung zeigen: Würzburg könne Toleranz, Weltläufigkeit und Aufgeschlossenheit beweisen.

Diese Verknüpfung sehen andere Stadträte nicht. „Das sollte man deutlich niedriger hängen“, sagte Grünen-Fraktionschef Matthias Pilz zur Symbolkraft eines Vorhangs. Auch wer nicht der christlichen Religion angehöre, käme meist mit christlicher Symbolik bei Beerdigungen klar. Dennoch solle die Verwaltung untersuchen, ob es eine geschmackvolle Art und Weise gibt, die Fenster bei Bedarf zu verdecken. „Es muss doch niemand das Kreuz anschauen, der das nicht will“, sagte dagegen Erich Felgenhauer (CSU). „Muss man denn alles reglementieren?“ Schon jetzt gebe es Beerdigungen ohne Pfarrer.

Dass auch muslimische Beisetzungen in Würzburg problemlos möglich seien, betonte Kommunalreferent Wolfgang Kleiner. Auf dem Waldfriedhof gebe es eine „dezent gestaltete“ Trauerhalle sowie ein Grabfeld für muslimische Mitbürger. Am Ende der Debatte stimmten 26 Stadträte gegen eine Veränderung der Trauerhalle. 14 Räte von Grünen, SPD und Linke waren dafür zu prüfen, ob eine konfessionsneutrale Gestaltung möglich sei.

Der Künstler selbst erklärt auf Anfrage der Main-Post, dass er keine Veränderung wünscht. „Ein Vorhang würde der Halle ihre Wirkung nehmen“, sagt der 89-jährige Curd Lessig. Ehefrau Eva Lessig ergänzt: „Wir werden immer wieder auf die positive Wirkung der Fenster angesprochen.“ Auch Menschen, die „mit der Kirche nichts am Hut haben“, berichteten ihr, dass das Bild des Engels im Fenster sie tröstet. Als Mitglied des Würzburger Ombudsrates, der sich im Auftrag der Stadt gegen gesellschaftliche Diskriminierung engagiert, beschäftigt sich der katholische Hochschulpfarrer Burkhard Hose häufig mit der Frage, ob Bedürfnisse von Minderheiten ausreichend berücksichtigt werden. Eine Beschwerde von Nicht- oder Andersgläubigen über die Trauerhalle sei noch nicht an den Ombudsrat herangetragen worden.

Hose: Thema nicht ignorieren

Die Diskussion begrüßt Hose. Angesichts der Veränderungen in der Gesellschaft könne diese solche Themen nicht ignorieren. „Denn wir leben in einer christlich geprägten Kultur, in der immer weniger Menschen dieser Konfession angehören.“ Durch diese Tatsache würden sich heute noch selbstverständliche Dinge langsam wandeln.

So gebe es zum Beispiel in der Universität den „Raum der Stille“, der so gestaltet ist, dass man sich konfessionsunabhängig wohlfühlt. Ähnlich könnten sich auch Trauerhallen entwickeln. Hose: „Aber für Grabenkämpfe eignet sich die Halle auf dem Hauptfriedhof nicht, denn das herausragende Anliegen aller muss ja sein, dass dieser Raum so gestaltet ist, dass sich Menschen dort in ihrer Trauer gut aufgehoben fühlen und hilfreich unterstützt werden.“

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